• Marcus Büchel in Nendeln
    Dr. Marcus Büchel  (Daniel Schwendener)

«Wir sind dem Angebot ja nicht ausgeliefert»

Selbstoptimierer gelten nicht nur als produktiver, sondern auch glücklicher. Sie streben nach Perfektion und wollen das absolute Maximum leisten. Jedoch lauert da auch der Zufriedenheitskiller Vergleich, der den Neid gleich mit im Gepäck hat. Im Gespräch mit Psychologe Dr. Marcus Büchel, Nendeln.

Dr. Büchel, Selbstoptimierung entwickelt sich im Zeitalter von Instagram und Selfies zum Lebensinhalt, das Streben nach Perfektion zum Diktat. Der Wille, sich in allen Lebensbereichen zu optimieren, ist einer der grossen Trends der Zeit.
Dr. Marcus Büchel: Wir neigen dazu, bei uns in Europa grassierende Moden, die ja in aller Regel aus den USA stammen, als Weltphänomen zu betrachten. Gott sei Dank steht unsere Welt nicht gänzlich unter dem Diktat des «einen Zeitgeistes» und ist immer noch kulturell sehr unterschiedlich. Sich diese Differenzen ins Bewusstsein zu rufen, vermag schon einmal die Mächtigkeit und scheinbare Unentrinnbarkeit quasi naturgesetzlicher Strömungen zu relativieren.

Es sind oft keine Prominenten, sondern teilweise die eigenen Freunde und Bekannten, die das vermeintlich perfekte Leben führen und nach aussen zur Schau stellen. Das kann am eigenen Selbstwert nagen und die Differenzierung schwerfallen.
Viele Menschen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften basteln ununterbrochen am «geliehenen Selbst». Die Konstruktion eines stabilen Selbst ist jedoch eine mühevolle Angelegenheit. Unsere Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus den «glorreichen» Seiten. Um ein reifes Ich zu entwickeln, müssen wir uns auch unsere defizitären, abgelehnten und dunklen Seiten bewusst machen und diese mit unseren negativen Erfahrungen und Frustrationen als zu uns gehörig verstehen. Wer sich kaum mit der Integration dieser Bestandteile auseinandersetzt, wird gefährdet sein, ständig neue Eigenschaften von Vorbildern zu übernehmen.

Im Dunstkreis der Selbstoptimierung lauert ein ZufriedenheitsKiller: Der Vergleich. In den sozialen Medien sieht man Bilder, wie die Kindheitsfreunde auf Hawaii surfen, Karriere machen oder offenbar dauerhaft am Feiern sind.
Es gehört zu einem bestimmten Stadium der Entwicklung, dass Kinder sich ständig mit andern vergleichen und messen. Bei Erwachsenen ist eine derartige Fixierung auf das Aussen – wichtige Leute, Moden – als Ausdruck psychischer Unreife zu deuten. Die unersättliche Konsumwelt verstärkt diese Entwicklungsstörung, sodass es zum Massen­phänomen wird.

Was man nicht alles werden kann: Produktiver, lebenslustiger. Man kann besser kommunizieren. Und entspannter, gesünder, low-carbiger. Ein noch perfekterer Vater, eine liebevollere Freundin ...
In der Tat, das programmierte Unglück.

Wo liegt der Unterschied zwischen Weiterentwicklung und Selbstoptimierung?
Dass wir uns persönlich weiterentwickeln sollen und wollen, wurde durch die Aufklärung zum bürgerlichen Unternehmen. Demnach sind wir nicht von Anfang an fertige Kinder Gottes, sondern autonome Wesen, die sich allmählich erst entfalten müssen, vornehmlich durch Bildung. Und Bildung ist ja auch wieder etwas Mühsames. Da liegt es nahe, sich rasch in diesem und jenem zu optimieren. Ich habe ja an sich nichts gegen Selbstoptimierung. Ohne Übung und Perfektion kann aus uns nichts Rechtes werden. Aber wer sich wie im Supermarkt wahllos mal hier, mal dort zu optimieren versucht, wird sich kaum entwickeln. Weiterentwicklung hingegen ist ein grundlegendes Konzept, welchem Selbstreflexion wesentlich zugrunde liegt.

Der Blick in eine Frauenzeitschrift, der Gang an Plakatwänden vorbei, Kommentare zum Körpergewicht, jedes Öffnen von Instagram – all das kann als persönliche Herausforderung empfunden werden.
Wer vornehmlich aussengesteuert ist, wird ebenso unbefriedigt bleiben wie der Unersättliche vor den vollen Regalen im Supermarkt.

Ist schlussendlich alles nur Geldmacherei? Wie viel geschicktes Marketing steckt dahinter?
Ein Markt, der nach Erhöhung der Umsätze giert, hat ein essenzielles Interesse an Menschen, die alles, womit Geld zu verdienen ist, konsumieren. Je mehr desto besser. Aber das Angebot ist ja nur die eine Seite der Medaille. Ausgeliefert sind wir dieser nicht.

Die Unkontrollierbarkeit des Lebens kontrollierbar machen. Hört sich verlockend an ...
Kontrolle über Bedingungen zu erlangen, ist ein Lebensprinzip. Wären wir bedeutenden Einflussfaktoren auf uns – vor allem negativen – lediglich hilflos ausgesetzt, würden wir depressiv. Was wir lebenslang lernen müssen, ist, zu unterscheiden, auf was wir Einfluss zu nehmen vermögen und wo wir externen Faktoren unterliegen. Im einen Fall sollten wir entschlossen handeln und im anderen uns unserer Grenzen bewusst werden. Immer wieder wird es uns nicht gelingen, woraus sich Unzufriedenheit ebenso wie psychische und soziale Störungen ergeben können.

Leben Selbstoptimierer länger?
Daran zweifle ich.

Sind Selbstoptimierungsprogramme nun Fluch oder Segen?
Vom Optimierungswahn können Betriebe ebenso befallen sein wie Individuen. Vom Wahn spreche ich dann, wenn die Optimierung zum Selbstzweck oder zur Ideologie wird. Da stellt sich in Wahrheit als bloss sinnfreie Maximierung heraus, was als Optimierung verkauft wird. Wie das Wort besagt (vom Lateinischen «optimum» = am besten), setzt Optimieren eine Werthaltung oder Wert­entscheidung voraus. Ohne diese Grundlage sind alle diesbezüglichen Mühen sinnlos und sie werden sich letztlich als belastend oder gar schädlich erweisen.

Macht auch bei der Selbstoptimierung die Dosis das Gift?
Wenn Selbstoptimierung sehr reflexiv in die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit eingebettet ist, ist dagegen nichts einzuwenden. (ge)

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