•  (Tatjana Schnalzger)

Die Wellness-Oase vor unserer Tür

Ein neuer Trend kommt auf: das Waldbaden. Was es damit auf sich hat und worum es beim «Shinrin-Yoku» geht, erzählt Kursleiterin Inge Büchel auf einem Waldbad-Spaziergang durch den Triesner Wald.

Waldbaden – das ist ein Begriff, der in den letzten Wochen und Monaten immer öfter auftauchte. Eine neumodische Bezeichnung für Spazieren im Wald? «Nein, das ist es ganz und gar nicht», weiss Inge Büchel. Sie ist Kursleiterin für Waldbaden (waldbada.li) und führt uns bei der Deponie Säga in Triesen in den Wald hinein. Ein paar Schritte an den ersten Bäumen vorbei, verlangsamt sich unser Tempo plötzlich. «Beim Waldbaden schlendert man», erklärt die Expertin. «Es ist ein Schlendern mit Beobachten, mit Staunen, mit Entdecken.» Der Blick wandert bewusst durch den Wald. Über den Boden, in das Dickicht hinein und an den Bäumen entlang nach oben. «Wir laufen oftmals durch den Wald und denken, wir kennen alles.» Doch erst das langsame und bewusste Schlendern lässt uns bewusst werden, was um uns herum ist.

Dass der Aufenthalt in der Natur Erholung vom hektischen Alltag bietet, ist nicht neu. Das Waldbaden geht jedoch einige Schritte weiter. «Shinrin-Yoku» heisst so viel wie «ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen». Es geht darum, den Wald auf intensive Art und Weise zu erleben. Der Begriff  «Shinrin-Yoku» wurde 1982 in einer Marketing-Kampagne des japanischen Ministeriums für Landwirtschaft, Forst und Fischerei geprägt. Die Bevölkerung sollte angeregt werden, mehr in die Natur zu gehen. Mit Erfolg. Heute ist das Waldbaden in Japan eine anerkannte Methode für das Stressmanagement.

Wirksamkeit nachgewiesen

Weltweit beschäftigen sich Forscher mit der psychologischen und physiologischen Wirkung des Waldbadens auf die Gesundheit und können mittlerweile die stressreduzierende und stimmungsaufhellende Wirkung belegen.

Verantwortlich dafür sind sogenannte Phytonzide. Das sind flüchtige organische Verbindungen, die von den Pflanzen ausgeströmt werden, um Bakterien, Pilze und Insekten abzuwehren. Wir Menschen riechen manche dieser Stoffe deutlich, andere nehmen wir unbewusst wahr, da ihre Konzentration im Wald gering ist. Dennoch wirken sie auf das Nervensystem und lösen ein Gefühl der Ruhe aus und senken sowohl den Blutdruck als auch das Stresshormon Cortisol. Auch die Energie und die Konzentration werden gefördert. Bei Lungen- und Atemproblemen wirkt ein Aufenthalt im Wald ebenfalls wohltuend.

Atemübungen sind also nicht umsonst ein wichtiger Teil des Waldbad-Erlebnisses. «Aber auch Sinnes- und Achtsamkeitsübungen gehören dazu», sagt Inge Büchel. Wir bleiben auf der Lichtung stehen und schliessen die Augen. Uns wird das Rauschen der Blätter und das Pfeifen der Vögel bewusst, die wir zuvor zwar hörten, aber bis zu diesem Moment nicht bewusst wahrgenommen haben. Hin und wieder vernehmen wir ein leises Rascheln im Unterholz. «Wenn man eine Weile still im Wald ist, begegnet man sogar Wildhasen, Rehen und andere Tieren», weiss die Kursleiterin. Wir öffnen die Augen und blicken uns erneut um. Das Grün scheint intensiver zu sein und wir bemerken, wie viele Facetten der Farbe Grün der Wald eigentlich bereithält. Laut Farbpsychologie hat Grün eine beruhigende Wirkung auf die Nerven und soll das Immunsystem stimulieren.

Wunderwerk Wald

Zwischen dem Grün funkeln verschiedene Blüten. Wir entdecken versteckte Beeren und bewundern die verschiedenen Formen der vielen Blätter. Efeu, Klee, Ahorn und viele weitere Pflanzen, deren Namen wir nicht kennen, fallen uns auf und wir merken, wie wenig wir eigentlich über den Wald und seine Bewohner wissen. Zum Beispiel, dass 43 Prozent der Gesamtfläche Liechtensteins mit Wald bedeckt ist. Das sind knapp 7000 Hektar. Auch ein Drittel der Schweiz ist mit Wald bedeckt – das sind 1,28 Millionen Hektar oder 525 Millionen Bäume oder 427 Millionen Kubikmeter Holzvorrat. «Die Beschäftigung mit dem Wald lenkt unsere Aufmerksamkeit weg vom Alltag. Wir entspannen uns und werden ruhiger», sagt Inge Büchel.

Wir atmen tief durch. Im Inneren des Waldes herrscht ein besonderes Klima. Die Kronen der Bäume spenden Schatten und die Bäume verdunsten Wasser, was zu kühleren Temperaturen und einer höheren Luftfeuchtigkeit führt. Ein grosser Baum kann an einem warmen Tag 200 Liter Wasser verdunsten. Und nebenbei jede Menge Sauerstoff und ätherische Öle produzieren. Übrigens stammen rund 40 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz aus dem Wald. Der Waldboden ist aber dank seiner aktiven Organismen und seines Hohlraumsystems nicht nur ein idealer Wasserspeicher. Die gute Durchwurzelung und meist hohe Humusschicht der Waldböden wirken zusammen mit den vielen Organismen als perfekter Wasserfilter. Die komplexen Mechanismen und chemischen Abläufe tragen wesentlich dazu bei, das Wasser von möglichen Verschmutzungen wie Pestiziden, Nitrat aber auch Keimen zu reinigen. Neben seiner Funktion als Wasserfilter und -speicher bietet der Wald auch Schutz vor Naturgefahren wie zum Beispiel Hangrutschungen, Lawinen und Hochwasser. Er bewahrt uns vor Immissionen und Lärm und liefert den Rohstoff Holz.

Ergiebige Energiequelle

Zwei Stunden ist Inge Büchel mit ihren Kursteilnehmern meistens im Wald unterwegs. «Dabei legen wir maximal eine Strecke von 2 bis 3 Kilometer zurück», erzählt sie. Doch auch wenn der zurückgelegte Weg kurz sein mag, so ist der Aufenthalt im Wald ein intensiver. «Der Körper zehrt bis zu acht Tage von einem Waldbad.» Die Teilnehmer reagieren auch unterschiedlich auf das Erlebte, wie die Kursleiterin berichtet. «Manche werden ganz ruhig und gelöst, andere brechen gar in Tränen aus, weil sich plötzlich ganz viel in ihrem Inneren bewegt.»

Schon für unsere Vorfahren war der Wald Inspirationsquelle und heiliger Ort. Die Kelten und Germanen hatten eine tiefe Beziehung zu ihren heiligen Hainen und brachten vor allem grossen, alten Eichen ihre Opfer dar.

Auch für Inge Büchel und ihre Kursteilnehmer sind die alten Bäume faszinierend. «Das sind Bäume, bei denen ich gern Energieübungen mit den Teilnehmern mache», erzählt sie. Dabei setzen sie sich bewusst mit dem Baum auseinander. Erkunden und spüren ihn. Mit den Händen tasten die Teilnehmer die Struktur der Rinde ab, folgen den Efeuranken und streicheln über weiches Moos. «Wir setzen uns manchmal unter die Bäume, jeder für sich.» Solozeit nenne sich das. «Sich Zeit nehmen und einfach sein, darum geht es», erklärt Inge Büchel. 

Sie selbst schliesse während einer Führung durch den Wald nie die Augen. Als Leiterin ist sie verantwortlich für die Teilnehmer. Meist steht sie abseits, beobachtet und bleibt einfach. «Man muss die Gruppe immer ein bisschen unter Kontrolle haben. Sonst läuft schnell mal einer davon», meint sie mit einem Augenzwinkern.

Kein Plan, keine Tabus

Auf einer Lichtung angekommen, beobachten wir die Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte tanzen. «Durch das Waldbaden entdeckt man, dass der Wald viele Facetten hat und eigentlich viel los ist. Hier kann man sich stundenlang verweilen. Der Wald ist spannend – und entspannend.» Wieder mehr ins Spüren zu kommen und seine Sinne zu öffnen, darum geht es beim Waldbaden. «Es gibt daher keinen festen Ablauf oder Plan, dem man folgt», erklärt die Kursleiterin. «Es gibt aber auch keine Tabus oder Verpflichtungen.» Wichtig ist nur, dass man sich Zeit nimmt, den Wald zu erforschen, sich auf ihn einzulassen. Erlaubt ist, was sich stimmig anfühlt. Nur das Smartphone ist verboten – aber das haben wir uns schon gedacht.

Übrigens kann der Effekt des Waldbadens auch ausserhalb des Waldes erzielt werden. So hat bereits eine Studie aus dem Jahr 1984 ergeben, dass allein der Blick aus dem Fenster eines Krankenhauses auf einen Wald sowie das Platzieren von Pflanzen in Krankenzimmern die Erholungsrate und die Stimmung der Patienten verbessern. Auch in Büros sorgen Pflanzen für mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz und weniger Fehltage. Ausserdem wirken Holzoberflächen beruhigend.

Rückkehr aus einem Urlaub

Vom Waldbaden hatte Inge Büchel schon öfter gehört, bevor sie zufällig im Internet über einen Artikel stolperte. «Das Thema hat mich sofort fasziniert», erzählt sie. Bald darauf machte sie eine Ausbildung zur Kursleiterin für Waldbaden. Seit Februar führt sie in Liechtenstein Interessierte durch den Wald. Als Kursleiterin ist sie dazu verpflichtet, die Förster über ihre Tätigkeit im Wald zu informieren. Diese freuen sich über die Aufmerksamkeit, die dem Wald zuteil wird, und haben auch den ein oder anderen Tipp für Inge Büchel, wo ein besonders schöner Ort im Wald zu finden ist.

Aber auch privat sei sie mehrmals in der Woche im Wald unterwegs, bei jedem Wetter. «Manchmal mache ich einen kleinen Spaziergang und manchmal nehme ich mir die Zeit für ein ausgiebiges Waldbad», erzählt sie. Gern folgt sie auch unbekannten Wegen und sucht neue schöne Plätze für ihre Kursteilnehmer oder erkundet einen anderen Wald in der Region. «Jeder Wald ist einzigartig und hat einen ganz

besonderen Charme», meint Inge Büchel. Auch der Wechsel der Jahreszeiten bringt Abwechslung in das Waldbad.

Auf dem Weg zurück hat sich die Stimmung in der Gruppe verändert. Gelassener, entspannter, fröhlicher sind wir geworden. Wir laufen noch immer langsam und geniessen den Weg durch die Baumreihen. Wir haben das Gefühl von einer langen Reise, einem Urlaub nach Hause zu kommen. (sms)

27. Jun 2020 / 20:09
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