•  (Daniel Schwendener)

«Beratungen stiegen im März an»

Durchsetzung von Gesamtarbeitsverträgen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Weiterbringen der Gleichstellungspolitik: LANV-Geschäftsführer Sigi Langenbahn und sein Team sind gut beschäftigt. In seiner «Vision 2030» ist die Wochenarbeitszeit in Liechtenstein auf 35 Stunden gesunken.
Einfach ist Ihre Arbeit wohl nicht, Herr Langenbahn ...
Sigi Langenbahn: Nein, aber das war mir beim Stellenantritt im Jahr 2002 relativ klar. Natürlich kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten und harten Verhandlungen mit den Arbeitgebervertretern. Aber solange diese mit sachlichen Argumenten geführt werden, ist das o. k. Es gab auch Zeiten, wo versucht wurde, mich mit absichtlich verbreiteten Unwahrheiten zu diffamieren. Diese sind glücklicherweise vorbei. Heute ärgern mich eher Arbeitnehmende, die meinen, sich mit Hilfe des LANV beim Arbeitgeber rächen zu können.
 
Was wurde zwischenzeitlich vorwärtsgebracht?
Mit dem Fall der Pflichtmitgliedschaft bei der damaligen Gewerbe- und Wirtschaftskammer (GWK) im Jahr 2004 waren die Gesamtarbeitsverträge (GAV) auf einen Schlag nur noch für verbliebene GWK-Mitglieder verbindlich. Somit mussten wir die Sozialpartnerschaft neu aufgleisen und gesetzlich verankern. Heute werden die meisten GAV des Gewerbes von der Regierung allgemein­verbindlich erklärt und deren Einhaltung durch eine vom LANV und der Wirtschaftskammer gemeinsam geführten Zentralen Paritätischen Kommission überwacht. Seit 2002 konnten wir diejenigen Mindestlöhne, die damals noch im Dumpingbereich lagen, auf ein anständiges Niveau anheben. Von den neuen GAV ist der 2015 abgeschlossene für die Temporärbranche hervorzuheben. Auf Gesetzesebene konnten wir mit einem bezahlten Pflegeurlaub die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Auf Verbandsebene gewähren wir unseren Mitgliedern Rechtsschutz im ­Arbeitsrecht. Seit 2016 gibt es eine Mobbing-Beratungsstelle für Arbeitnehmer und -geber.
 
1959 zählte der LANV 1200 Mitglieder. Wie viele sind es heute?
Leider stagnieren wir seit Jahren bei etwa 1050 Mitgliedern. Das hat verschiedene Gründe. Früher hatten LANV-Mitglieder gegenüber anderen Arbeitnehmenden Exklusivrechte. Seitdem die GAV für sämtliche Mitarbeitenden Gültigkeit haben und unsere Erfolge auf dem Gesetzesweg für alle gelten, wird der LANV von vielen nur noch als Dienstleister gesehen.  
 
Wie viele Beratungen werden monatlich im Schnitt getätigt? Sind es seit Corona mehr geworden?
Wir haben monatlich zwischen 100 und 130 Beratungen mit unterschiedlichem Aufwand. Im März stieg die Zahl auf 227. In der vergangenen Woche ging die Zahl in Bezug auf Covid-19 wieder etwas zurück.
 
Aktuell hat der LANV eine Online-Petition zur Unterstützung erwerbstätiger Eltern lanciert. Was soll erreicht werden?
Unsere Beratungen haben gezeigt, dass viele berufstätige Eltern infolge der Schliessung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen trotz Notfallbetreuung, die aber nur für Arbeitnehmende in kritischer Infrastruktur vorgesehen ist, und Tagesmüttern die Kinderbetreuung nicht regeln können. Tagesmütter erfüllen nicht immer die Ansprüche. Deshalb sehen sich Eltern und insbesondere Alleinerziehende gezwungen, die Betreuung selbst zu übernehmen. Damit einher gehen empfindliche Lohneinbussen oder übermässig viele Minusstunden. 
 
Welches sind in der bestehenden Krisensituation die Hauptanliegen der Arbeitnehmenden?
Angst vor Ansteckung am Arbeitsplatz und in der eigenen Familie, vor Arbeitsplatzverlust und Kündigung, Existenzängste. Konkret werden Kündigungen ausgesprochen, viele können infolge Lohneinbussen durch Kurzarbeit oder weil Stundenlöhner unzulässigerweise keinen Lohn mehr bekommen, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Dazu kommen die Folgen der Schulschliessungen wie Zwang zur Arbeit, Lohneinbussen, Minusstunden oder Ferienabbau. Alleinerziehende fühlen sich allein gelassen. Dauert die Krise länger an oder folgt eine zweite Corona-Welle, wird auch die Kurz­arbeit Massenentlassungen nicht mehr verhindern können.
 
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wo stand Liechtenstein hier vor zehn Jahren, wo heute?
Leider hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel zu wenig bewegt. Ausserhäusliche Kinderbetreuungsangebote für berufstätige Eltern sind heute flächendeckender vorhanden. Es gibt auch ein grösseres Teilzeitangebot für berufstätige Mütter, die aber oft nicht deren Qualifikationen entsprechen. Solange die Care-Arbeit nicht paritätisch verteilt ist,
bleiben Frauen benachteiligt. Die bezahlte Elternzeit – eine zentrale Forderung des LANV seit 2004 – wäre eine grosse Hilfe. Das jetzige Minimum von vier Monaten unbezahlt können sich nur privilegierte Familien leisten. Zudem informiert die Wirtschaft kaum über die ­verschiedenen Möglichkeiten der ­Inanspruchnahme. Eine neue EU-Richtlinie zum Vaterschaftsurlaub könnte unserer Forderung Vorschub leisten.
 
Am 14. Juni 2019 fand in Vaduz ein Frauenstreik für mehr Gleichstellung bei der Arbeit und in der Öffentlichkeit statt. Ein Erfolg? 
Mit dem Streik wurde ein Zeichen gegen den Stillstand in der Gleichstellungspolitik gesetzt. Ein Manifest mit sieben Forderungen zur Gleichstellung wurde an die damalige ­Regierungsrätin Aurelia Frick überreicht. Mit solchen öffentlichkeitswirksamen Aktionen können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für Ungerechtigkeiten und Missstände ­sensibilisiert werden. Betroffene werden ermuntert, sich vermehrt zu organisieren und für ihre Rechte einzusetzen.
 
Gesamtarbeitsverträge schaffen gleich lange Spiesse und schützen vor Lohn- und Sozialdumping. Wo steht Liechtenstein ?
Mit unseren Gesamtarbeitsverträgen, von denen die meisten allgemeinverbindlich sind, stehen wir im europäischen Vergleich gut da. Wir haben zwar nur einen Abdeckungsgrad von gut 55 Prozent. Wichtig ist aber, dass Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen abgedeckt sind. Leider haben wir die GAV im Transport- und Coiffeuergewerbe verloren. Auch im Gastgewerbe fehlt ein allgemeinverbindlicher GAV. Die meisten wichtigen Branchen sind abgedeckt, weshalb wir auf staatliche Mindestlöhne verzichten, da sie die gesamtarbeitsvertraglichen einfrieren oder sogar nach unten drücken könnten. Befristete staatlich verordnete Mindestlöhne können wir hingegen durchsetzen. Das versuchen wir ­derzeit im Gastgewerbe.
 
Ihre «Vision 2030» für Liechtensteins Arbeitnehmende?
Für 2030 wünsche ich mir die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie in allen Lebenslagen mit bezahlten Auszeiten und gerechter Aufgabenteilung. Der flexible Altersrücktritt mit vielen kerngesunden Arbeitnehmenden über 60 Jahre wird selbstverständlich sein und die Wochenarbeitszeit ist infolge der zunehmenden Digitalisierung auf 35 Stunden gesunken. (ge)
 

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Am 2. Februar 1920 gegründet, ist er die einzige Gewerkschaft in Liechtenstein: Seit 100 Jahren vertritt der Liechtensteinische ArbeitnehmerInnenverband (LANV) die Interessen aller Branchen und Berufe. mehr...
25. Apr 2020 / 19:54
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