•  (Tatjana Schnalzger)

"Sie haben mir gezeigt, dass es im Leben auch anderes gibt"

Seit Kindesbeinen kümmert sich Sonja Seidel um vernachlässigte Tiere. Sogar ihre Hunde sind Tierschutzfälle und veranlassten sie dazu, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Leben ohne ihre Hunde kann sich Sonja Seidel nicht mehr vorstellen. Denn sie haben ihr gezeigt, dass es im Leben auch anderes gibt als shoppen und mit Freunden auszugehen. Die junge Salezerin hat gemerkt, dass sie mehr Zeit für sich selbst nehmen sollte und was wirklich wichtig ist im Leben. «Ich war mir zuvor gar nicht bewusst, wie entspannend es ist, Zeit im Wald zu verbringen», schwärmt die Hundehalterin. Sie ist im Gegensatz zu früher ausgeglichener und ­geerdeter, obwohl sie ein eher impulsiver Mensch ist. Durch die Tiere weiss sie, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen und wurde auch körperlich fitter. Die Vierbeiner gaben ihr auch den Anstoss, ihr Berufsleben zu überdenken. 

Erst reduzierte die aktive junge Frau mit schwarzen schulterlangen Haaren, deren Stirnfransen nach hinten gebunden sind, ihr Pensum als Coiffeuse. Doch lastete sie dies auf Dauer doch zu wenig aus, denn sie braucht immer etwas zu tun. Also absolvierte sie eine Ausbildung und eröffnete in Salez einen Hundesalon. Ihre Stelle als Coiffeuse behielt sie trotzdem in einem Teilzeit-Pensum und möchte diesen nicht missen. «Seit meiner Lehre arbeite ich auf diesem Beruf und er gefällt mir noch immer. Trotzdem spürte ich, dass mir etwas fehlte», gesteht sie. «Jetzt habe ich meine Abwechslung und kann es mit den Hunden vereinbaren, da ich zeitlich flexibler bin und nicht unter Druck arbeite.» Bereits als 15-Jährige hat sie in den Beruf hineingeschnuppert, doch wurde ihr geraten, erst etwas anderes zu lernen. «Nun war die Zeit gekommen, diesen Schritt zu gehen», betont sie während des Gesprächs in ihrem Hundesalon, der sich in einem älteren Gebäude neben dem Bahnhof Salez befindet. 

Ein Haus mit Garten
Sennwald ist mittlerweile zu ihrer Heimat geworden. Gemeinsam mit ihrem Partner mietete sie ganz in der Nähe des Hundesalons ein Haus mit grossem Garten, in dem sie nächstes Jahr selbst Gemüse anpflanzen möchte. Dort leben sie zusammen mit Katzen, Kaninchen und den zwei Hunden. Aufgewachsen ist die 28-Jährige in Azmoos und war früher eher Richtung Sarganserland unterwegs. Später wechselte sie ihre Arbeitsstelle nach Haag, was sie dazu bewog, in die Gemeinde Sennwald zu ziehen, wo sie sich gut einlebte. Obwohl ihre Eltern ursprünglich aus Deutschland stammen, fühlt sie sich als Schweizerin. «Ich bin in Grabs geboren und in der Schweiz aufgewachsen», sagt sie stolz. 

Da ihr Grossvater seine Pension in einem Haus in der Nähe von Malaga verbrachte, gehörte in ihrer Kindheit Spanien zur zweiten Heimat. Drei bis vier Mal im Jahr reiste Sonja Seidels Familie zu ihm. Während diesen Besuchen prägten sie vor allem die Begegnungen mit den Tieren auf der Strasse. Sie kam ­direkt mit der Not und dem Leid in Berührung. «Schon als Kind fand ich das megaschlimm. Ich habe ihnen regelmässig Futter gebracht», erinnert sie sich. Sie verstand damals nicht, warum denen nicht ­geholfen wird und sie nichts ausrichten kann. 

Vieles hinterfragen
Das letzte Mal in Spanien war sie vor fünf Jahren, das Haus ihres Grossvaters ist mittlerweile verkauft. «Es war schön, wieder dort zu sein. Die Leute sind offen und fröhlich und führen einen ganz anderen Lebensstil», erinnert sie sich an den Ort, der ihren Drang, Tieren in Not zu helfen, verstärkte. Seit ihrem achten Lebensjahr, als Sonja Seidel gesehen hat, wie Tiere in Massenhaltung leben und geschlachtet werden, isst sie kein Fleisch mehr. Da sie zudem an einer Laktoseintoleranz leidet, lebt sie schon fast vegan. «Die Umstellung ist nicht so einfach. Über vieles muss man sich Gedanken machen und sich hinterfragen, was es überhaupt heisst. Derzeit lese ich viel und mache mich schlau darüber.» Zusätzlich stellt sie sich die Fragen, wo die Produkte herkommen, auf was verzichtet werden muss und wie sie ihr Leben nachhaltig gestaltet kann. «Es ist mehr als nur das Essen.» In diesem Zusammenhang entdeckte Sonja Seidel das Upcycling für sich. Sie sammelt alte Kleider, aus denen sie Hundedecken und -spielzeuge herstellt. «Mal schauen, wie das ankommt», meint sie optimistisch. 

Ihre Haustiere sind alles Tierschutzfälle. Die Katzen sind von einer Auffangstation wie die Kaninchen auch. «Das ist derzeit mein Beitrag für den Tierschutz.» So sind auch ihre Hunde «Brave», ein Bulldogge-Mischling, und «Barney», ein Boxer, Tierschutzfälle. «Beide hatten einen schweren Start ins Leben.» Brave wurde an der Grenze in die Schweiz von illegalen Schmugglern beschlagnahmt und kam nach Buchs in eine Einrichtung, die ihn aufpäppelte. Barney kommt aus Slowenien und wuchs mit anderen Hunden in einer Zwei-Zimmerwohnung in Basel auf, die er nie verliess, bis ihn aus Mitleid jemand kaufte. Doch war diese Person mit dem energiegeladenen Hund überfordert. Beide Hunde scheinen ihr Trauma überwunden zu haben, sind freundlich, sozial und strahlen pure Lebensfreude aus. «Es ist erstaunlich, was die Tiere alles verzeihen», freut sich Sonja Seidel und ihre blauen Augen, die von dichten Wimpern umrahmt werden, leuchten. Mit viel Einfühlungsvermögen, Verstand und Zeit haben es die Tiere geschafft. Da es sich in beiden Fällen um Rassehunde handelt, zeichnen sich jetzt, obwohl beide noch jung sind, erste körperliche Beschwerden ab. «Sie haben Gelenkprobleme in der Hüfte wegen der Überzüchtung. Optisch sehen sie zwar schön aus, sind aber innerlich krank.»

Helfen vor Ort
Ein von ihr noch unerfüllter Traum ist es, vernachlässigten und misshandelten Tieren im Ausland zu helfen – und zwar vor Ort. «In der Schweiz ist der Standard viel höher», begründet sie. Dabei möchte die Tierliebhaberin selbst während den Ferien vor Ort sein, um den Tieren zu helfen, die Tierheime zu unterstützen oder selbst etwas auf die Beine stellen. Langweilig wird ihr mit den Projekten bestimmt nicht. (ms)

27. Okt 2019 / 00:00
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