•  (Roland Rick)

"Mit keinerlei Erfahrung stiess ich zur Guggenmusik"

Die Guggenmusik ist für Nathalie Stieger weit mehr als nur ein Verein. Dort kann sie ihren Alltag hinter sich lassen. Ihre ganze Familie ist mit von der Partie.

Die fünfte Jahreszeit hat Nathalie Stieger fest im Griff. Bereits als Kind durfte sie mit ihrem Vater, der in einer Guggenmusik in Schaffhausen spielte, an Umzügen mitlaufen. Als sich ihre Eltern scheiden liessen, zog ihre Mutter, ursprüngliche Grabserin, mit den Kindern zurück in ihre Heimat. Die Guggenmusik spielte erst später in Nathalie Stiegers Leben wieder eine Rolle. 

Nicht nur die Guggenmusik, auch ihre Lebenseinstellung «Hakuna Matata» (keine Sorgen) nahm sie aus ihrer Kindheit mit. «Ich fand den Film ‹Der König der Löwen› einfach toll und meine Mutter meinte, die Lebenseinstellung würde total zu mir passen», erzählt die heute 29-Jährige. Denn wenn sie sich zu viele Gedanken und Sorgen über etwas mache, sei sie nur abgelenkt und nicht mehr bei der Sache. 
Treffpunkt für das Gespräch ist der Proberaum der Guggenmusik Gämselibögg Gams, wo auch die Fotos aufgenommen werden. Doch erst schmiert sie ein paar belegte Brote für ihre drei Töchter, bevor die Kinder abgeholt werden. Das Treffen findet abends statt, da Nathalie Stieger tagsüber als Hilfsköchin im Toggenburger Berggebiet arbeitet. Ebenfalls dabei ist ihr Hund, ein 15-jähriger Border-Collie-Bergamasker-Mischling, der so gut wie taub ist. Für das Foto wird sie von ihrer Schwester geschminkt. Dabei stellt sich heraus, dass einige Schablonen nochmals überarbeitet werden müssen. Auch ihre Kinder wollen unbedingt eine Fledermaus auf die Backe gemalt bekommen. 

Gleich am Umzug mitgelaufen
Als die junge Grabserin im März 2016 mit ihrer dritten Tochter schwanger war, besuchte sie den Fasnachtsumzug in Gams. Seit diesem Zeitpunkt ist sie mit Leib und Seele dabei. «Die Gugger meinten, wenn ich und meine Schwester Lust hätten, würden sie uns schminken und wir dürften mitlaufen», erinnert sie sich. Das liess sie sich natürlich nicht entgehen. Als der Umzug vorüber war, drehten sich die Gespräche bereits um die Instrumente. «Gerne hätte ich die Pauke gespielt, wie mein Vater, aber sie brauchten Bläser», sagt sie mit etwas Wehmut in der Stimme. Stattdessen bekam sie eine Trompete in die Hand gedrückt, brachte aber keinen Ton heraus. Also versuchte sie es mit der Posaune, die ihr besser fügte und zu ihrem Instrument wurde.

Die Blockflöte, die in der Primarschule obligatorisch war, ist das einzige Instrument, das Nathalie Stieger jemals spielte. «Mit keinerlei musikalischer Erfahrung stiess ich zur Guggenmusik, und es funktionierte.» Da sie nie lernte, Musiknoten zu lesen, spielt sie in der Gruppe nach ihrem Gehör. «Zu Hause schaue ich mir vorab auf Youtube an, wie man ziehen muss und spiele es nach», schmunzelt die 29-Jährige. Ihre kurzen gefärbten Haare hat sie zusammengebunden. Der Verein ist für sie ein Kraftort. «Hier lade ich meine Batterien auf. Nur schon, wenn ich mies gelaunt bin und den Proberaum betrete, schaue ich in die Gesichter der unterschiedlichsten Menschen und werde überschwänglich begrüsst – alles ist wie verflogen.» Der Umgang sei familiär, es werde einander geholfen und einige trifft sie auch während der Saisonpause privat, erzählt sie mit leuchteten Augen.

Da sie nun ständig mit der Guggenmusik unterwegs war, liess sich ihr Mann von ihrer Begeisterung anstecken. Doch dann stellte sich die Frage, wer während der Umzüge auf die Kinder aufpasst. «Wir beschlossen, sie mitzunehmen», berichtet Nathalie Stieger. Sie tragen ihre eigenen Kostüme und haben ihre Instrumente. Angst vor den wilden Ver­kleidungen hätten sie keine. Nur einige Holzmasken sind ihnen nicht ganz geheuer. Einmal lief gerade eine solche Gruppe vor den Gämselibögg. «Meine älteste Tochter bekam es mit der Angst zu tun. Als ich dann mit ihr hinging und sie die Gesichter unter den Masken sah, merkte sie, dass sie nicht real sind.»

Nun ist gerade die intensivste Zeit für die Guggenmusik Gämselibögg im Gange. «Das ist unser Wochenende», freut sie sich. Bereits am Freitag stellte der Verein alles auf, am Samstag war Monsterkonzert und Guggenball mit 14 Guggenmusiken. Heute in den frühen Morgenstunden ging die Party vom Samstag zu Ende und gleich anschliessend begannen die Aufräumarbeiten für die Kinderfasnacht. Sie wird heute erst spät abends zu Hause sein, nachdem sie, wie auch die anderen Mitglieder, an diesen drei Tagen nur wenige Stunden Schlaf erhielten. «Jeder steckt mit vollem Elan dahinter und wenn alle mithelfen, geht es sehr schnell voran», ist sie überzeugt.

55 Kilogramm abgenommen
Für diese Saison brauchte die Grabserin ein neues Kostüm. Denn ihr altes passte so gar nicht mehr. Nathalie Stieger liess sich im April 2019 aus gesundheitlichen Gründen einen Magenbypass einfügen und trainiert nun regelmässig im Fitness. Seit dem Eingriff hat sie 55 Kilogramm abgenommen. «Mein vorheriges Kostüm wirkt an mir nun wie ein grosser Kartoffelsack», lacht sie. 

Während ihrer Freizeit ist sie mit ihrer Familie selten zu Hause anzutreffen. Ständig sind die Stiegers unterwegs: entweder irgendwo am Schwimmen wie beispielsweise im Alpamare oder Säntispark oder draussen. Action und Bewegung ist angesagt. «Wenn es uns trotzdem irgendwann langweilig wird, besuchen wir die Oma», erzählt Nathalie Stieger. Ihre Familienverhältnisse beschreibt sie als etwas «speziell». Sie ist die Älteste von sieben Geschwistern, wobei die Jüngste gerade mal elf Jahre alt ist, also ein Jahr älter als ihre älteste Tochter. Mit ihren Kindern geht sie geduldig, aber bestimmt um. Die Guggenmusikerin redet offen über ziemlich alles, hat eine fröhliche Ausstrahlung und Selbstvertrauen. Was sie auch anpackt, sie macht es mit Leidenschaft. (ms)

 

08. Feb 2020 / 22:14
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
27. Februar 2020 / 21:10
27. Februar 2020 / 20:52
10. Februar 2020 / 18:55
09. Februar 2020 / 21:42
Aktuell
23. Februar 2020 / 00:00
23. Februar 2020 / 00:00
15. Februar 2020 / 21:58
15. Februar 2020 / 21:41
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Schloss Vaduz
Zu gewinnen 1 Ravensburger Puzzle Schloss Vaduz
17.01.2020
Facebook
Top