• Helen Baumgartner in Triesenberg
    Die Bilder geben Helen Baumgartner Kraft und Energie, die sie darin zum Ausdruck bringt.  (Daniel Schwendener)

«Ich schliesse meine Augen, um zu sehen»

Mit 40 Jahren entdeckte Helen Baumgartner die Malerei neu. Sie gestaltet ihre Bilder nach ihrer Gefühlslage und daher findet man in ihrem Atelier eine wahre Vielfalt vor.

Das Atelier von Helen Baumgartner ist voller Bilder. Sofort sticht die Vielfalt ins Auge: abstrakte Malerei, Porträts, Tier- und Aktbilder. «Je nachdem, wie ich mich fühle, male ich konkret oder abstrakt, ganz situativ, es hängt von meiner Verfassung ab», schildert sie. Die Bilder geben ihr Kraft, denn in ihnen verarbeitet sie auch Erlebtes. Als nächstes fällt der Blick auf die Panoramaaussicht über das Rheintal – und auf ihre Heimat Balzers, mit der sie sich sehr verbunden fühlt. Ihre ersten 20 Lebensjahre verbrachte sie dort. Danach zog es sie ins Ausland, nach England und in die Westschweiz. Doch musste sie erst 40 Jahre alt werden, bis sie die Malerei wieder für sich entdeckte. «Während meiner Grundschulzeit zeichnete und bastelte ich gerne und gut. Das Rechnen dagegen lag mir gar nicht», erzählt Helen Baumgartner. In der Oberstufe wurde ihr daher von der Klosterfrau eingetrichtert, aus ihr werde nie etwas, da sie nur zeichnen könne. Noch heute ist ihr diese Aussage präsent.
Helen Baumgartner ist eher eine zurückhaltende Künstlerin, fast schon etwas schüchtern. Jedoch zeigt sie sich während des Gesprächs von einer anderen Seite, sie ist in ihrem Element, präsentiert stolz ihre Bilder, schildert ihre Arbeitsweise und erzählt von ihrer Familie. Sie beschreibt sich als einen Menschen, der nicht gerne im Mittelpunkt steht und eigentlich auch keine «Quasseltante» sei. 

Streben nach Harmonie
Drei bis vier Mal im Jahr besucht sie eine Kunstakademie am Bodensee. Dort lernt sie neue Techniken und probiert auch mal etwas aus. Nun hat sie das Malen mit Pigmenten entdeckt und stellt ihre Farben zudem selbst her. «Bis vor Kurzem sah ich mich als eine Suchende, musste mir dann aber irgendwann eingestehen, dass die Vielfalt zu mir gehört», gesteht sie. 
Die 70-jährige Malerin hat helles, kurz geschnittenes Haar, trägt eine Brille und lacht viel. Eines ist ihr bei allen Bildern wichtig, es müsse eine Harmonie vorhanden sein. Dies strebt sie auch in ihrem sozialen und familiären Umfeld an. Vielleicht auch deshalb, weil ihr Leben ziemlich kontrastreich mit Höhen und Tiefen verlief. «Meine Malerei ist mein Lebensinhalt. Sie lässt mich Raum und Zeit vergessen. Ich hoffe, dass etwas von der positiven Energie, die ich meinen Bildern gebe, beim Betrachter ankommt und dass er diese auch spürt.»
Energie tankt die in Triesenberg wohnhafte Balznerin im Tessin. Dort besitzt sie mit ihrem Mann eine kleine Wohnung. Es ist sozusagen ihr zweites Zuhause; sie reisen oft dorthin. Der Ort hat für sie eine besondere Bedeutung. Sie schätzt vor allem das Ambiente, das Licht und besonders auch den Monte Verità, der ihr viel Kraft gibt. Dies ist umso erstaunlicher, da sie sich umgeben von Bergen eigentlich gar nicht so wohl fühle, sondern sich von ihnen eher erdrückt vorkomme. Erst in der weiten Ebene kann sie, wie sie sagt, durchatmen. «Und trotzdem wohne ich in Triesenberg. Hier kann ich über die Berge hinweg blicken», schmunzelt sie. 

Ins Tessin zurückgezogen
Am liebsten wäre Helen Baumgartner auf die Kunstschule gegangen, das war aber aus finanziellen Gründen damals nicht möglich gewesen. Also absolvierte sie die Handelsschule und erledigte anschliessend in einem Architekturbüro administrative Arbeiten. Mit ihrem Mann, der dort ein Baugeschäft führte, zog sie nach Rüthi, wo die Familie 25 Jahre lang lebte. Als die Kinder erwachsen und ausgezogen waren, beschloss das Ehepaar Baumgartner, nach Liechtenstein zu ziehen.
In den 90er-Jahren zog sich die Künstlerin vermehrt ins Tessin zurück und sie begann, sich intensiv mit der Malerei auseinanderzusetzen. «Meine Stärke liegt in der Ausdauer und Geduld. Ich bin sehr dankbar, ein positiv eingestellter Mensch zu sein, denn das, so glaube ich, kann man nicht lernen.»  

Immer unterwegs
Wenn die positiv eingestellte 70-Jährige jeweils mit ihren Kunstwerken beginnt, legt sie sich zuerst ein Thema zurecht und macht sich ein paar Gedanken über ihre bevorstehende Arbeit. «Ich schliesse jeweils meine Augen, um zu sehen. Dann lebe ich mich aus und male. An einem Bild kann ich unterschiedlich viele Stunden verbringen.» Sofern sie zu Hause ist, begibt sie sich täglich in ihr Atelier und malt, zeichnet oder skizziert. «Ich baue auf, betrachte, erspüre, verwerfe, erfühle und – manchmal – zerstöre ich, um erneut entstehen zu lassen», wird sie auf ihrer Internetseite zitiert. Ausserdem gestaltet sie sehr gerne Fotobücher für ihre Familie. Ihre Enkel sehe sie nach eigenen Angaben viel zu selten. «S’Nani ist auch immer unterwegs», lacht sie. Auch von ihnen malte sie Porträtbilder, die hängen im Eingangsbereich des Hauses. 
Zu ihrem 70. Geburtstag organisierte ihre Familie für sie eine Ausstellung namens «Farbklang» im Alten Pfarrhof in Balzers. Sie ist sehr stolz darauf, denn der Erfolg der Veranstaltung bedeutet für sie eine grosse Anerkennung. «Es waren wundervolle, aber auch anstrengende Tage mit vielen schönen Begegnungen.» (ms)

 

23. Dez 2019 / 12:00
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