•  (Tatjana Schnalzger)

"Die Depression bleibt immer im Kopf"

Der ehemalige Profiboxer Wolf Wallner leidet seit Jahren an Depressionen. Heute geht es ihm so gut wie schon lange nicht mehr. Das zeigt auch sein Lebenswandel.

Ruhigere Zeiten stehen an, beginnt Wolf Wallner das Gespräch im Garten, den seine Frau liebevoll mit Steinen und Pflanzen hergerichtet hat, seines Zuhauses in Lienz. Seine Heirat im August 2019 war ein wesentlicher Wendepunkt in seinem Leben. «Jetzt habe ich eine Familie, auf die ich aufpassen muss», erzählt der Wahl-Lienzer. Von den sozialen Medien hat er sich verabschiedet und den Profisport wie das Modeln vorläufig beiseite gelegt. «Falls sich die Gelegenheit ergeben würde, vielleicht, sag niemals nie», meint er schmunzelnd. Erzwingen möchte er in diesem Bereich aber nichts mehr. «Ich bin jetzt 37 Jahre alt, da werde ich in dieser Branche keine grossen Sprünge mehr machen.» In seinem Henriquatre-Bart sind erste graue Stoppeln sichtbar. Zudem arbeitet er jetzt auf der Montage, was ihm sehr gefällt: Einem festen Job nachgehen und nicht von Aufträgen und Wettkämpfen abhängig sein. Lässig zurückgelehnt sitzt er in seinem Stuhl, trägt zerrissene Jeans und ein Hemd. Auf seinem ganzen Körper scheint er Tattoos zu haben – im Gesicht und sogar auf seinem kahl rasierten Schädel. Während seiner Karriere als Model und Boxer sei er oftmals wegen seiner Gutmütigkeit ausgenutzt worden – beruflich wie privat. Das schürte sein Misstrauen gegenüber anderen. «Deshalb, wegen meinen Depressionen und dem Kampf mit mir selber, wies ich viele Menschen zurück und habe sie dadurch verletzt.» Und das, obwohl er eigentlich stets um das Wohl anderer besorgt ist. 

Der gebürtige Österreicher boxt und trainierte täglich, seit er 16 Jahre alt ist. Er nahm an Wettkämpfen teil und erhielt Aufträge als Fitnessmodel. Seinen vorläufig letzten Boxkampf bestritt er 2019 an der Weltmeisterschaft als Pro MMA Fighter – eine tolle Chance für ihn. Körperlich und technisch befand er sich in Topform, aber sein Kopf spielte nicht mit, gesteht er. Eigentlich sollte es sein Comeback sein. Zu seinem Kampf zurück gehörten auch die TV-Auftritte wie in Ninja Warrior Schweiz oder das Höllencamp auf Pro Sieben. «Mich stört es nicht, dass ich nicht weitergekommen bin. Nur schon die Teilnahme war ein grosser persönlicher Erfolg.» So möchte er auch anderen Menschen mit Depressionen Mut machen, zu kämpfen.

Selbst in Klinik eingewiesen
Nun auf der Montage spürt er, wie sich sein Körper durch das fehlende Training verändert, und erfährt körperliche Schwächen, die er zuvor nicht kannte. Boxen tut er zwar immer noch, aber nicht mehr in dem Ausmass. Er hält auch keine Diäten mehr. Früher überlegte er es sich zweimal, ob er nun eine Cola trinken oder Schokolade essen sollte. 

Die Jahre 2017 und 2018 verbrachte er hauptsächlich in einer Klinik wegen seiner Depression. «Ich wusste nicht, wie lange ich noch leben würde und liess mich selbst einweisen», erzählt Wolf Wallner. Er war 2016 an einem Tiefpunkt angelangt, nicht mehr imstande, vor das Haus zu gehen und seinen Briefkasten zu leeren. Er konnte nicht mehr essen und hörte Stimmen, die ihm sagten, er müsse sterben. Einige Suizidversuche wie auch Rückfälle hat er hinter sich. «Lange habe ich es nicht verstanden. Meine Familie erst recht nicht. 18 Jahre lang kämpfe ich schon dagegen an.» Er selbst habe es kaum erklären können, was mit ihm los ist. Auch jetzt findet er kaum Worte dafür, um seine Gefühlslage annähernd zu beschreiben.

Niemand glaubte ihm 
Der Auslöser seiner Krankheit liegt in den Geschehnissen seiner Jugend.  Während seiner Lehrzeit wurde er drei Jahre lang von seinem Ausbildner geschlagen, trug ständig neue blaue Flecken davon und musste von 7 bis 22 Uhr arbeiten. «Mir war es so wichtig, die Lehre abzuschliessen», erklärt er seinen Durchhaltewillen. Ausserdem glaubte ihm niemand – nicht einmal seine Eltern. Lediglich sein bester Kumpel hielt zu ihm, jedoch verstarb dieser, als sich Wolf Wallner in seinem letzten Lehrjahr befand. Fast zeitgleich erkrankte seine Mutter schwer und die Familie gab ihm die Schuld dafür. «Stets wollte ich immer, dass es allen gut geht. Ich war alleine und fühlte mich dafür verantwortlich. Jetzt versuch ich es auf einem anderen Weg», beschreibt er seine Lage. Da habe es wahrscheinlich schon angefangen mit seinen Depressionen.

Der ehemalige Boxer geht sehr offen mit seiner Krankheit und Lebensgeschichte um. Das kommt nicht von irgendwoher. «Als ich merkte, dass ich durch meinen offenen Umgang mit der Depression andere Menschen mitreissen und sie dazu motivieren kann, weiter zu machen und mitzuziehen, war dies zugleich meine eigene Motivation, dagegen anzukämpfen. Natürlich musste ich das zuerst auch lernen.» Vor allem, als er in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen begann, war dies ein Wendepunkt. «Plötzlich erhielt ich Nachrichten von anderen Menschen in der Umgebung, die ebenfalls an Depressionen leiden. Es sind viel mehr als man denkt. Auch solche, die sich nach aussen stark zeigen. Viele haben niemanden zum Reden und Zuhören. Durch meine Geschichte haben sie neuen Mut gefunden.» Darum möchte er auf diesem Weg zeigen, dass niemand alleine ist. 

Mit nur 500 Euro in die Schweiz
Als es ihm damals in Niederösterreich, wo er aufgewachsen ist, psychisch nicht gut ging, beschloss Wolf Wallner, wegzugehen. Mit nur 500 Euro in der Tasche kam er 2009 ins Rheintal und baute sich ein neues Leben auf. Heute ist das seine Heimat, nirgends fühle er sich so wohl wie hier. Die Menschen akzeptieren ihn so, wie er ist. Zudem erhielt er in der Schweiz erstmals die Unterstützung, die er im Kampf gegen die Depression brauchte, und erkannte, dass er an einer Krankheit leidet. 

Heute, so sagt er, gehe es ihm so gut wie schon lange nicht mehr. An gewissen Tagen muss er noch immer an seine Grenzen gehen, das wird ihn ständig begleiten. Er versucht sich an den positiven Dingen festzuhalten. Die Depression geht nicht einfach so vorbei. «Sie ist immer im Kopf, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.» Er rafft sich immer wieder auf, um es beim nächsten Mal wieder 
zu schaffen und daraus positive Schlüsse zu ziehen. (ms)

12. Sep 2020 / 22:09
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