•  (Tatjana Schnalzger)

"Das ist kein Job, den man sich aussucht"

In Mauren kennt man sie als erfolgreiche Influencerin und mässig erfolgreiche Schnapsbrennerin. An diesem Wochenende wird Lorena als Funkenhexe gefeiert und mit einem lauten Knall verabschiedet.

Die Winter sind nicht mehr so hart wie einst. Trotzdem kann man sich nicht darauf verlassen, dass der Frühling von ganz allein kommt. Hierzulande greift man daher auf eine altbewährte Tradition zurück, um der mehr oder weniger kalten Jahreszeit Herr zu werden: Man macht ein möglichst grosses Feuer – am besten einen Funken – und wirft eine Hexe hinein. In der Vergangenheit hat das immer gut funktioniert. 

Eine dieser Hexen ist Lorena. Sie ist die 35. ihrer Generation und gehört dem Zirkel der Bühlkappeli-Hexen in Mauren an. Was sie von der Tradition der Funken hält? «Ich finde die Funkenfeuer toll. Ich habe immer herzhaft gelacht, als es meine Kolleginnen zerrissen hat …», erinnert sie sich. Zum Lachen ist ihr mittlerweile nicht mehr zumute. Jetzt ist nämlich sie an der Reihe, den Hexen-Ruhestand anzutreten.

Ein Job mit viel Verantwortung
Zur Funkenhexe muss man gemacht sein. «Das ist kein Job, den man sich aussucht.» An ihre Geburt kann sie sich noch gut errinern: «Als wäre es vorgestern gewesen …» Mehrere erfahrene Frauen des Funkenvereins  seien dabei gewesen und hätten mit fachkundigen Händen geholfen, sie zur Welt zu bringen. «So eine Hexengeburt ist kein Zuckerschlecken», erklärt sie wissend. Reichlich Zündstoff und auch etwas Alkohol sei dabei im Spiel. Mehr wolle sie aber nicht erzählen. «Da sind ganz andere Mächte am Werk.»

Aufgewachsen ist Lorena in Mauren. Im Dorf hat man sie nur selten gesehen, aber jeder kennt sie. «Ich hab über 5000 Follower auf Insta», sagt sie nicht ohne Stolz. Und wer ihr nicht folgt, erkennt sie meist sofort an ihrem stylischen Kopftuch. «Ich habe sicher Tausende von denen im Schrank.» Das Tuch und die roten Schuhe kennzeichnen sie unverwechselbar als Hexe. Die Schuhe sind das Markenzeichen der Hexen des Unterlands, zu denen auch der Bühlkappele-Zirkel gehört. Mit ihn-en könne man sich aber nicht wegzaubern, wie sie erklärt. «Das funktioniert nur im Märchen.» Die Schuhe hat man ihr trotzdem weggenommen. Die Funkner wollen kein Risiko eingehen.

Das mit der Zauberei sei überhaupt reiner Aberglaube. «Oder glauben Sie, wenn ich fliegen könnte oder nur mit der Nase wackeln müsste, um zu verschwinden, wäre ich noch hier?» Der Gedanke an den bevorstehenden Funken bereitet ihr Unbehagen. «Berufsrisiko», meint sie und zuckt mit den Schultern. «Irgendwer muss den Job ja machen.»

Doch was macht eine Hexe eigentlich? «Die Leute stellen sich immer vor, wie wir Hexen mitten im Wald um einen riesigen Kessel tanzen und irgendwelche Kinder kochen. Das ist völlig verrückt», meint Lorena kopfschüttelnd. «Schleppen Sie mal so einen Hexenkessel in den Wald. Mal abgesehen von der Waldbrandgefahr bei dem Föhn, der hier dauernd bläst.» Kinder hätten die Hexen auch schon lange keine mehr gekocht. Dafür sei der Aufwand viel zu gross. Das Theater mit den Bürgern sowieso. «Wir holen uns gern was von McDonald’s», meint Lorena. «Ausserdem bin ich Veganerin.»

Herausforderung: Klimawandel
Als echte Funkenhexe gehört vor allem die Verwaltung des Winters zu ihren Hauptaufgaben. In den vergangenen Jahren sei ihr Job jedoch aufgrund des Klimawandels immer schwieriger geworden, wie sie erzählt. «Einen Schneesturm kann nicht mal ich bei 15 Grad heraufbeschwören. Dann gibt’s halt nur Föhn.» Den anderen Funken- und Winterhexen gehe es nicht anders. Mittlerweile habe man sich international organisiert, um die Regierungen auf das Problem aufmerksam zu machen. «Unsere Sprecherin Greta von den Hexen des Nordens wird nicht locker lassen, bis unsere Forderungen erfüllt werden», erklärt sie. 

Wenn Lorena nicht gerade Föhnstürme heraufbeschwört, ist sie gern im Wald unterwegs. Dann sammelt sie Kräuter, schneidet Misteln von den Bäumen, gräbt Wurzeln aus und sucht nach Pilzen. Letzteres sei in den vergangenen Jahren immer mühsamer geworden. «Es sind einfach zu viele Pilzsammler unterwegs», meint sie mürrisch. An solche pirsche sie sich gern von hinten an, um sie zu erschrecken, «nur so zum Spass».

Aus den mühevoll gesammelten Zutaten braut die Hexe wertvolle Essenzen, stellt Wundermittel her und mischt «irgendwelche Füdli-Tees» für alle möglichen Bedürfnisse zusammen. Besonders angetan sei sie aber vom Schnapsbrennen. Ein Meister sei sie in dem Fach zwar nicht, wie sie zugibt. «Dafür kann ich meine Brände als echte ‹Liechtensteiner Moonshiner› verkaufen.» Allerdings rate sie ihren Kunden ab, zu viel davon zu trinken, um das Augenlicht nicht zu verlieren: «Das Frostschutzmittel hat es halt schon in sich …»

Dass sie noch einmal in den Genuss ihres Selbstgebrannten kommt, damit hat Lorena nicht mehr gerechnet. Doch der Föhnsturm hat dem Funkenfeuer am Samstag einen Strich durch die Rechnung gemacht. Also hat sie sich unter das feiernde Volk gemischt und hält ihre Follower mit Schmollmund-Selfies auf dem Laufenden. Etwas mulmig sei ihr schon zumute, wie sie gesteht. «Wenn der Wind nicht nachlässt, droht mir am Ende noch so eine langweilige Beerdigung.» Das ist die grösste Schande für eine Funkenhexe, und damit wäre sie die erste seit Ewigkeiten, die nicht standesgemäss aus ihrem Job gefeuert wird. «Dabei habe ich schon als kleine Hexe immer von einem grossen Funken geträumt», erzählt sie. Ihre Schwester Mirena steht neben ihr, nickt und nippt am Schnaps. «Wenn ich gross bin, will ich ein grosses Feuerwerk bei meinem Funken haben. Das grösste, das es jemals gegeben hat», meint sie mit leuch-
tenden Augen. Lorena zuckt mit den Schultern. «Aufs Feuerwerk kommt’s nicht an, sondern auf den Knall, mit dem man abtritt», weiss sie und hofft, dass ihr die Funkenzunft bald ordentlich Feuer unterm Hintern macht.  (sms)

29. Feb 2020 / 23:18
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