• Steve Heeb
    Steve Heeb hat am Pool-Tisch noch einiges vor.  (Daniel Schwendener)

"Das höchste der Gefühle wäre eine EM-Medaille"

Aufgrund einer genetischen Knorpelschwäche musste Steve Heeb (25) seine Ambitionen als Fussballtorwart früh begraben. Im Billard hat er eine neue Leidenschaft gefunden.

Mit der einen Hand öffnet er die Tür, mit der anderen stützt er sich auf seine Krücken. So bedauerlich die Umstände sind, unter denen der Interviewtermin stattfindet, so bezeichnend sind sie auch. Dass der Körper nicht immer so will, wie er es gerne hätte, ist für Steve Heeb längst ein Stück Alltag geworden. Dennoch ist sein herzliches Lachen eine Konstante während des nachfolgenden Gesprächs. Er wirkt aufgeräumt, zufrieden, positiv. Vielleicht ja auch genau deswegen. Alltag kann schliesslich auch bedeuten, sein Schicksal umarmt und seinen Platz im Leben gefunden zu haben.

Heebs Schwachpunkt sind seine Knie. «Ich habe eine Veranlagung für Knorpelschäden», erzählt er. Dafür braucht es nicht einmal ein ausserordentliches Ereignis. Was bei anderen eine ganz normale Belastung darstellen würde, kann bei ihm schon gravierende Folgen haben. «Im Grunde genommen», so der 25-Jährige, «ist es eine Krankheit.» Eine Krankheit, die ihn dazu zwang, Träume fallen zu lassen, sich neu zu orientieren, vielleicht auch sich ein wenig neu zu erfinden.

Auf Papas und Opas Spuren
Eine Krankheit auch, die zunächst im Verborgenen blieb. Der gebürtige Schaaner war einst auf gutem Weg, in die fussballerischen Fussstapfen von Vater und Grossvater zu treten. Beide, Martin senior wie junior, hatten einst das Tor des FC Schaan gehütet, Letzterer sogar das des Nationalteams. Mit Steve Heeb schien die nächste Generation in den Startlöchern zu stehen. «Für mich gab es nur das – Goalie sein. Ich wollte nie etwas anderes», erinnert er sich. Das ständige Wandeln auf dem Grat, die Gefahr, innert Sekunden vom Helden zum Deppen zu mutieren, hätten ihn gereizt. «Ich habe diesen Kitzel geliebt.»

Ein Stück weit, mutmasst er, war es aber wohl auch seine Persönlichkeit, die ihn zwischen die Pfosten streben liess: «‹Die Verrücktesten gehen ins Tor›, sagt man immer. Auf mich trifft das sicher zu. Ich bin extrem zappelig, kann nie ruhig sitzen. Und ich bin sehr ehrgeizig. Den Trainingsplatz habe ich immer als Erster betreten und als Letzter verlassen.» Das grosse Ziel hatte er dabei stets vor Augen: einmal für Liechtensteins Nationalteam auflaufen.

Mit der Option, dass dieser Traum womöglich nie Realität werden könnte, sah sich Heeb erstmals im Alter von 14 Jahren konfrontiert. «Damals», erinnert er sich, «hat sich ein Knorpelschaden im linken Knie angebahnt.» Ein Riss sei bereits zu erkennen gewesen. «Also haben wir den Knorpel angebohrt. In der Hoffnung, dass die Stelle dadurch letztlich wieder verheilt.»

Abschied vom Fussballplatz
Tatsächlich brachte der Eingriff – verbunden mit unzähligen Stunden Rehabilitation – den gewünschten Erfolg. Entsprechend zuversichtlich war das inzwischen mehrmals in die Junioren-Auswahlen des heimischen Verbands berufene Talent auch, als ihm etwas später die identische Prozedur am rechten Knie bevorstand. Doch dieses Mal war Heeb weniger Glück beschieden. Mit 18 Jahren erhielt er die Diagnose Knorpelschaden. Einzige Möglichkeit, um überhaupt an eine Rückkehr auf den Fussballplatz denken zu dürfen: ein weiterer operativer Eingriff. «Aber das wollte ich meinem Körper nicht zumuten», sagt er. Also habe er schweren Herzens ins Ende seiner Goalie-Laufbahn eingewilligt.

Das jähe Platzen seiner Träume setzte dem jungen Sportler zunächst schwer zu. «Ich bin in ein Loch gefallen», erzählt er. «Fussball war alles für mich.» Während viele seiner Freunde weiter die Stollenschuhe schnürten, war Heeb zum Nichtstun gezwungen. Regulär Sport zu treiben war ihm von einem Tag auf den anderen kaum noch möglich.

Eine neue Perspektive
Es waren vor allem seine Liebsten, die ihm in dieser Zeit den notwendigen Rückhalt gaben. Familie, sagt er, sei für ihn mit das Wichtigste auf der Welt. «Ich bin ein absoluter Familienmensch.» Schon während seiner Zeit als Fussballer hätten ihn alle nach Kräften unterstützt – «egal, ob ich auf dem Fussballplatz stand, wieder einmal zum Arzt musste oder im Spital lag.» Und auch unter den neuen Umständen sei das Verständnis überwältigend gewesen.

Im Kreise der Familie fand er letztlich aber nicht nur Trost, sondern auch eine neue Perspektive. So, wie es bereits sein Vater nach seiner Fussballerzeit getan hatte, griff auch Steve Heeb irgendwann zum Queue. «Viele Sportarten waren für mich wegen meiner Knie ohnehin keine Option», erzählt er. «Billard schon.»

Nach und nach entwickelte sich die anfänglich pragmatisch geartete Beziehung zu einer neuen Leidenschaft. Auch wenn sie nie an das heranreichen werde, was ihn – noch immer – mit dem Fussball verbinde, wie Heeb einräumt. In Sachen Ehrgeiz stand der Billardspieler Steve Heeb seinem fussballspielenden Pendant hingegen nie in etwas nach. «Ich habe gleich drei- bis viermal pro Woche trainiert. Hinzu kam, wenn möglich, immer ein Turniereinsatz», erzählt er. «Auch wenn das bedeutete, unter der Woche mit dem Auto nach Deutschland zu fahren.»

Die hoffentlich letzte OP
Seither hat der 25-Jährige am Pool-Tisch einiges erreicht. Er hat schon mehrere Spiele in der 1. österreichischen Bundesliga absolviert. Auch ein Team-Landesmeistertitel und ein 17. Platz unter 192 Startern am «Internationalen Bunny-Open» in Rankweil stehen auf der Habenseite. Doch Heeb würde sich selbst untreu, wenn er nicht nach mehr strebte. «Das höchste der Gefühle», schmunzelt er, «wäre eine EM-Medaille.»

Die jüngste EM – im Juli 2019 in Holland – hat Heeb verpasst. Schuld war, man ahnt es, eine Verletzung. Bei einem Arbeitseinsatz in steilem Gelände habe er sich das rechte Knie verdreht, berichtet der Geomatiker. Jene Operation, die er sieben Jahre zuvor noch abgelehnt hatte, war nun unumgänglich. «Im September wurde sie durchgeführt.»

Steve Heebs Blick wandert hinüber zu seinen Krücken. «Danach», sagt er, «ist dieses Kapitel hoffentlich endgültig beendet.» Bislang stehen die Zeichen gut. Die Gehhilfen sind mittlerweile verschwunden. Vor wenigen Tagen folgte das Comeback in der höchsten Spielklasse Österreichs. So kann es gerne weitergehen. (bo)

18. Jan 2020 / 21:45
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