• Christian Gressbach, Wildhaus
     (Tatjana Schnalzger)

Träumen, planen, buchen, teilen

Wie weiter nach dem Aus des Jufa- Hotelprojektes? Christian Gressbach, Geschäftsführer von Toggenburg Tourismus, über «seine» Ferienregion.
 
Herr Gressbach, wie ist die Stimmung im Toggenburg nach dem Aus des Jufa-Projektes? 
Christian Gressbach: Für uns als Tourismusorganisation ist es sicher sehr schade. Aber wir müssen den Entscheid akzeptieren, der mit über 60 Prozent Ablehnung relativ klar ausfiel. Wir sollten nicht den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen weiterarbeiten, die Bevölkerung ins Boot holen und herausfinden, welchen Stellenwert der Übernachtungstourismus künftig haben soll. 
 
Haben Sie schon analysiert, warum das Projekt so deutlich scheiterte? 
Es gibt sicher mehrere Gründe. Der Hauptgrund war wohl die grosse 
Investition, die die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann hätte tätigen müssen: Total 7 Millionen Franken, davon 4,5 Millionen Eigenmittel und 2,5 Millionen aus dem Fördertopf Neue Regionalpolitik des Kantons. Für eine Gemeinde mit kleiner Bevölkerung ist das ein grosses Vorhaben. 
 
Wäre das Projekt für Sie auch ein «Ausverkauf der Heimat» gewesen, wie es im Vorfeld der Abstimmung aufgrund der liechtensteinischen Investoren und österreichischen Betreiber hiess?
Nein. Wir reden hier ja nicht von Investoren aus Saudi Arabien oder Indien, sondern es ging um ein Unternehmen, das 15 Kilometer weit weg ist. Auch die österreichischen Betreiber wären kein Problem gewesen, schliesslich haben wir ähnliche Kulturen. Es ging um den Investitionsbetrag der Gemeinde und dessen Höhe. Sollte nochmals ein Investor aus der Region kommen und die 
Gemeinde muss keinen oder einen kleineren Beitrag leisten, bin ich überzeugt, dass die Bevölkerung dies begrüssen würde und sie offen ist, Grundstücke zur Verfügung zu stellen. 
 
Je näher die Abstimmung rückte, desto grösser wurde das Medieninteresse. Insbesondere ein Artikel im «Blick» sorgte für Aufsehen. 
Das hatte schon einen negativen Effekt, weil hier wiederum der Investitonsbeitrag von 7 Millionen Franken im Fokus stand. Es ist nicht gelungen zu vermitteln, dass es Investitionen in eine Erlebnisinfrastruktur mit Indoorspielplatz, Wellness etc. ist und das zusätzliche Hotel viel bringt: Die positiven, langfristigen Vorteile wie Kurtaxen, die allgemeine Wertschöpfung sowie die Arbeitsplätze – das rückte in den Hintergrund. 
 
Wie war die Rolle von Toggenburg Tourismus beim Projekt?
Es war grundsätzlich ein Projekt der Gemeinde. Toggenburg Tourismus ist eine neutrale Organisation und für  alle Leistungsträger verantwortlich, vorwiegend für die bestehenden. Weil wir auch Gegner in den eigenen Reihen hatten, waren wir in einer Zwickmühle. Aber es war klar, dass wir zum Projekt Stellung beziehen. Wir haben Statements abgegeben und erklärt, warum wir ein Ja empfehlen. Wir gingen nicht hausieren, aber wir äusserten uns an den Informationsveranstaltungen, haben Flyer verteit und wollten aus touristischer Sicht darlegen, wie wir das Projekt beurteilen.
 
Wäre es besser gewesen, wenn Toggenburg Tourismus Mitträger des Projekts gewesen wäre?
Man darf nicht vergessen, dass das Projekt Teil des Masterplans war, der 2011 breit abgestützt entwickelt wurde. Darin ist erklärtes Ziel, dass bis 2020 die Beherberung gestärkt werden soll. Nebst der Förderung der Parahotellerie und den bestehenden Betrieben wurde festgehalten, dass ein Ziel ist, ein neues Hotel anzusiedeln. 
 
Wie geht es nun weiter? 
Wir sind im engen Austausch mit Gemeindepräsident Rolf Züllig. Er hat bereits angekündigt, dass er nun eine breite Diskussion zur weiteren Entwicklung der Gemeinde starten will. Geplant ist eine Zukunftswerkstatt unter Einbezug der Bevölkerung, die im Herbst stattfinden soll. 
 
Klingt nach «Zurück auf Feld 1». 
Nun, der jetzt gültige Masterplan reicht bis 2020, daher steht ohnehin eine Erneuerung an. Es ist daher sinnvoll, jetzt nochmals den Blickwinkel zu öffnen und eine breite Diskussion zu starten. 
 
Im Flumserberg sollen 100 Millionen Franken in eine Heidi-Erlebniswelt investiert werden. Sind Sie neidisch? 
Ja klar, wenn man solche Beträge hört, kann man schon neidisch werden. Wir müssen schauen, dass wir gegenüber anderen Destinationen im Rennen bleiben. Deshalb ist es wichtig, dass das anstehende Klanghaus-Projekt ein Erfolg wird. Das Projekt passt ideal in die Region und ich bin überzeugt, dass es ein grosser und wichtiger Schritt für unsere Positionierung wird. 
 
Gibt es einen Austausch mit den anderen Tourismusdestinationen der Region?
Ja, wir treffen uns vier Mal pro Jahr – alle acht Ostschweizer Destinationen plus Liechtenstein.
 
Dennoch steht man in Konkurrenz zueinander. 
Die Ostschweiz ist eine sehr heterogene Destination. Es gibt nicht das eine Merkmal, für das die Ostschweiz steht. Es gibt den Bodensee, den Säntis, die Churfirsten, das Heidiland etc. Sicher überschneidet sich das Angebot in gewissen Bereichen, aber jede Destination besetzt andere Themen und hat auch andere Skigebiete. Ich sehe die Nachbarn daher nicht als extreme Konkurrenz. 
 
Eher Österreich? 
Ja, viele Schweizer Gäste aus dem Raum Zürich oder Winterthur über die Ostschweiz hinweg fahren nach Österreich. 
 
Zuletzt erholte sich der Euro-Kurs gegenüber dem Franken etwas. Spüren Sie das bereits?
Ja, wir haben wieder etwas mehr Gäste aus Deutschland zu verzeichnen.
 
Wer sind die wichtigsten Zielgruppen für Toggenburg?
Eine demografische oder geografische Segmentierung steht für uns nicht im Fokus. Wir haben keine Schwerpunkte bei Gäste-Herkunftsländer wie beispielsweise Indien oder China. Unsere Gäste kommen vor allem aus der Deutschschweiz und dem süddeutschen Raum. Wir segmentieren eher nach Bedürfnissen. Wir erfüllen zum Beispiel das Bedürfnis nach Abgeschiedenheit. Wer zwei bis drei Tage verweilen und runterfahren, geniessen und Klang erleben will, ist bei uns richtig. Wir sprechen Familien an, die nicht sieben Stunden Auto fahren, aber dennoch in eine andere, kleine, heile Welt abtauchen wollen. 
 
Welche Marketing-Kanäle sind für Toggenburg Tourismus wichtig? 
Das haben wir im vergangenen Jahr genau analysiert und auch einige Änderungen vorgenommen. Die «Customer Journey», also das Reiseverhalten, hat sich geändert. Heute heisst der Ablauf: «Träumen, planen, buchen, teilen» Früher hat man sehr viel in die «Träumen»-Phase investiert. Das haben wir nun reduziert. Traten wir an einer Messe zwischen Vorarlberg und Arosa auf, dann hatten wir rein schon von den Mitteln her einen schweren Stand. 
 
Was machen Sie stattdessen?
Wir verlagern unsere Aktivitäten  in der Customer Journey nach «hinten» und verstärken das Vor-Ort-Marketing. Der Gast vor Ort ist mittlerweile der beste Marketing-Mitarbeiter: Er hat eine grosse und authentische Reichweite. Wenn der Gast ein Erlebnis via Smartphone mit den Freunden teilt, dann ist das glaubhaft.
 
Ein Beispiel? 
Kürzlich eröffnete derBaumwipfelpfad in Mogelsberg. Obwohl sehr wenig Werbung gemacht wurde, war der Besucheransturm gross. Ziel waren 30 000 Besucher im ersten Jahr, nach den ersten zwei Wochen waren es bereits 10 000 Besucher. Das zeigt: Wenn das Produkt stimmt, übernimmt der Gast das Marketing. 
 
Wie finanziert sich Toggenburg Tourismus?
Die Haupteinnahmequelle sind die Kurtaxen, welche zweckgebunden sind. Eine weitere Einnahmequelle ist der Leistungsauftrag des Kantons St. Gallen in Höhe von 395 000 Franken. Ausserdem haben wir noch 
eigene Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge beispielsweise. Das Gesamtbudget liegt bei 1,6 Millionen Franken jährlich. 
 
Haben Sie eine Vorbild-Destination?
Nein, aber wir schauen schon interessiert auf einige Regionen. Über den Alpstein nach Appenzell schauen wir, wenn es um den Sommer, um die Tradition und das Vorleben in der Bevölkerung geht. Im Winter schauen wir Richtung Flumserberg, der ein sehr gutes Angebot für Tagesgäste hat und viele Gäste aus Zürich anzieht. Die Lenzerheide ist in der Produktentwickung und in Sachen Events sehr stark. 
 
Wer ist in der Verantwortung für die künftige touristische Entwicklung des Toggenburgs? 
Das sind einerseits sicher wir. Unser Vorstand ist mit Vertretern der 
Gemeinde, der Hotellerie, der Bergbahnen, der Zweitwohnungen – ebenfalls eine wichtige Zielgruppe – sehr breit abgestützt. Ich sehe aber auch den Kanton in der Verantwortung, dass er unsere Entwicklung unterstützt. 
 
Wo gehen Sie selbst in die Ferien? 
Ich gehe ins Engadin, dann via Südtirol in die Toskana und schliesslich über das Tessin wieder nach Hause. 
 
Wie haben Sie Ihre «Customer Journey» erlebt? 
Gute Frage. Ich hatte eigentlich gar keine Zeit zum Planen. Meine Freundin hat hier den Lead übernommen! 
19. Jun 2018 / 11:42
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