• Siegfried Herzog, Vaduz
    Wenn die Thermik und das Wetter stimmen, fliegt Siegfried Herzog mit seinem Delta bis 3000 Meter in die Höhe.  (Tatjana Schnalzger)

"Mein Hobby verbinde ich gerne mit Reisen"

Siegfried Herzog entdeckte den Flugsport 2006 und stiess zwei Jahre später zum LHGV, der 1978 gegründet wurde und den er seit 2015 präsidiert.

Gestern durfte der  Liechtensteiner  Hängegleiterverband (LHGV) auf Sareis seinen 40. Geburtstag 
feiern. Ursprünglich war der Anlass eine Woche davor geplant. Warum mussten Sie diesen
verschieben?

Siegfried Herzog, Präsident LHGV: Aufgrund des prognostizierten Windes, denn das Fliegen unterliegt strengen Sicherheitsüberlegungen. Wenn am Vortag eine Kaltfront durchzieht, dauert es seine Zeit, bis die Nässe verdunstet. Meist bleiben die hierdurch entstehenden Wolken bis in den Nachmittag hinein in den Bergen hängen.


Was gilt es bei der Thermik zu beachten?
Fliegen funktioniert nur mit dem Luftaustausch. Wenn es unten warm und oben kalt ist, steigt die Luft auf – diese Thermik nutzen wir. Wenn es im Sommer ziemlich heiss ist, schwächt sich der Luftaustausch ab. Folglich muss man höher hinauf. Darum starten wir auch von Sareis aus. Dort befindet sich der gestern neu eingeweihte Startplatz links neben der Bergstation. 

Wie hat sich der Sport entwickelt?
Erst verwendete man beim Deltafliegen einfache Konstruktionen wie Rohre aus Aluminium, worüber ein Segel gespannt wurde. Damals waren die Piloten sehr wagemutig unterwegs – ohne Helm und Schutz. Der Gleitwinkel betrug zu dieser Zeit bestenfalls eins zu vier: Also auf einen Meter Höhenverlust flog man vier Meter vorwärts. Heute schafft man hingegen Gleitzahlen von bis zu 1:20. Aufgrund des Materials und der Sicherheitsvorkehrungen ist das heutige Fliegen nicht mehr mit früher vergleichbar. Gleitschirmflieger verwenden heute hochtechnologische Tücher. Auch spielt das Gewicht eine grosse Rolle: Ein Delta wiegt schon mal zwischen 35 und 50 Kilogramm. Beim Gleitschirm sprechen wir von 7 bis 20 Kilogramm – je nach Leistungskategorie.

Was ist der Unterschied zwischen einem Delta und einem Gleitschirm?
Die Gleitschirmflieger sind gegenüber den Deltafliegern gemächlicher unterwegs. Zudem sitzt man beim Gleitschirmfliegen, während man unter einem Delta liegt. Das Wichtigste bei beiden Flugarten ist aber, dass es Spass macht und sicher ist. Früher war der Sport sehr populär, als noch Wagemut und Heldentum im Vordergrund standen. Es ist auch heute noch gefährlich, jedoch wesentlich sicherer geworden. Man bewegt sich an guten Tagen auf etwa 3000 Höhenmetern. In Liechtenstein ist man aber auch schon über 3000 Meter Höhe geflogen. Das sieht dann schon richtig cool aus. Unser Verband zählt derzeit rund 100 Mitglieder.

Und im Verband sind der Gleitschirmclub und der Delta Club Vaduz integriert?
Ja, der LHGV ist der Dachverband und Mitglied des LOC (Liechtenstein Olympic Committee). Um international wahrgenommen zu werden, muss man Mitglied bei einem Verband des FAI (Fédération Aéronautique Internationale) sein, um an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen können. 

Somit ist Liechtenstein an den Welt- und Europameisterschaften vertreten?
Zwei unserer Piloten sind international bekannt. Zum einen ist das Martin Bühler – ein Gleitschirmpilot, der es vor einigen Jahren geschafft hat, unter die Top drei der besten Streckenpiloten weltweit zu gelangen. Zum anderen nimmt Elmar Christl für die Deltapiloten in Liechtenstein an Welt- und Europameisterschaften teil. Zudem ist Toni Mähr als Filmdarsteller und Abenteurer weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Nehmen Sie auch an Wettkämpfen teil?
Mir fehlt die Zeit dafür. Meine Familie hat einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben und somit geht es sich leider nicht aus.

Über was für einen Zeitaufwand sprechen wir?
Mein Bruder ist vor zwei Jahren für Österreich als Starrflügelpilot an der WM in Krushevo (MKD) an den Start gegangen. Als Vorbereitung hat er während der Saison über 100 Flüge absolviert. Ein Drittel des Jahres verbrachte er dadurch in der Luft. Für die WM nahm er sich zusätzliche drei Wochen Zeit. Da steht nur Fliegen auf dem Programm. Ich übe den Sport lieber als Hobby aus und verbinde diesen gerne mit Reisen – das ist für mich stressfreier.

Wie sind Sie zu dem Sport gekommen?
Mein Vater fliegt seit über 40 Jahren. Er gehört zu jenen Pionieren, die den Anfang der Fliegerei überlebt haben. Mein Bruder und ich sind über das Modellfliegen mit dem Virus infiziert worden. Da dies auch eng mit der Thermik verbunden ist, entstand bei uns der Wunsch, dies auch selbst einmal zu spüren. Also besuchten wir einen Schnuppertag bei einer Flugschule und sind seitdem nicht mehr vom Fliegen losgekommen. 

Was hat Sie dabei so gepackt?
Die Freiheit, die man in der Luft erlebt, kann man am Boden fast nicht erfahren. Man kann sich in alle Himmelsrichtungen bewegen und ist auf sich selbst gestellt. Nur die Luftregeln gebieten der Freiheit Grenzen. Es ist immer spannend, ob man sein Ziel erreicht, denn man hat keinen Motor. Ich fliege auf gut Glück, so weit ich komme. Fliegen ist immer ein Abenteuer – man sieht nicht, wie sich die Luft bewegt. Manchmal fliegt auch ein Adler mit. 

Wie stand es bei diesem Sport punkto Sicherheit, als Sie damit angefangen haben?
Ich habe 2006 damit angefangen, da war schon alles relativ sicher. Die Deltaflieger haben sich seit damals eigentlich nur noch punkto Leistung entwickelt. Bei den Gleitschirmen errechnete man jedoch softwareunterstützt die ideale Schirmform und tastet sich mit den Materialien an das heutige Leistungslimit heran. Es gibt Schirme für Einsteiger, bei denen die Sicherheit im Vordergrund steht, und solche für Profi- und Wettkampfpiloten, bei denen die Leistung im Fokus steht. Das Wichtigste beim Fliegen ist jedoch meines Erachtens, dass man sich selbst gut kennen und sein Können richtig einschätzen muss. 

Sind Sie auch schon in eine gefährliche Situation geraten?
Gott sei Dank nicht. Es gibt aber immer wieder aufregende Momente, denn die Luft ist so unvorhersehbar wie ein Wasserstrom. Man sagt beim Fliegen immer, dass Höhe Sicherheit bedeutet. An diese Weisheit halte ich mich penibel. Zudem haben wir für Notsituationen alle einen Rettungsschirm. Beim Walensee sieht man oft, wie Gleitschirmflieger ein Sicherheitstraining absolvieren, indem sie den Schirm absichtlich zum Kollabieren bringen und den Rettungsschirm auslösen. Das hilft, um in Extremsituationen die Ruhe zu bewahren und richtig zu reagieren. Bei den Deltas hat man es früher, als sie noch leichter waren, auch gemacht. Wenn aber heute ein Gerät ins Wasser fällt, dann sind rasch mal 20 000 Franken nass, und das Material mag das nicht besonders. 

Wie organisieren Sie Ihre Flüge?
Ohne Auto geht es nicht. Meist fährt man zu einer Bergbahn – das mache ich am liebsten – und steigt in die Gondel. Auf der Ebenalp zum Beispiel gibt es spezielle Bügel für den Delta-Transport. Auch die Bergbahnen Malbun haben eine entsprechende Vorrichtung. 

Wo trifft man Sie beim Fliegen an?
Ich habe so meine Lieblingsplätze. Als Wahl-Vaduzner habe ich hier das gesamte Rheintal und auch Graubünden vor der Haustüre. Das sind schöne Flugberge. Ich fahre auch gerne weg. Das Wallis ist bei vielen Piloten beliebt. 

Welche Erlebnisse sind Ihnen dabei in besonderer Erinnerung geblieben?
Mein erster Flug in den Dolomiten. Dort ist der Sport so lebendig und das Bergpanorama überwältigend. Über 100 Piloten befanden sich damals am Startplatz. Der gesamte Himmel war farbig und man konnte über 4000 Meter hoch fliegen. Flüge über 100 Kilometer sind keine Seltenheit. (ms)

30. Sep 2018 / 00:00
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