• Beat Tinner
    Beat Tinner bleibt trotz der neuen Arbeitsstelle in St. Gallen seiner Heimat Azmoos treu.

"Krisen können auch Chancen sein"

Nach 24 Jahren verlässt Beat Tinner die Gemeinde Wartau und tritt am Montag seine neue Stelle als Regierungsrat in St. Gallen an.

Herr Tinner, am Freitag war Ihr letzter Arbeitstag in der Gemeinde Wartau, die Sie nach 24 Jahren verlassen. Was werden Sie am meisten vermissen?
Beat Tinner, Gemeindepräsident Wartau und ab 1. Juni Regierungsrat im Kanton St. Gallen: Die Kontakte zu den Bürgerinnen und Bürgern werden mir fehlen. Im direkten Austausch konnte ich ihre Anliegen und Wünsche aufnehmen und in die Gemeindepolitik einfliessen lassen. Zudem habe ich meinen Arbeitsort im Rathaus, welches aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts stammt, sehr geschätzt.

Fällt Ihnen die Amtsübergabe schwer?
Nach einer so langen Zeit fällt es selbstverständlich schwer, Abschied zu nehmen. Ich habe die Mitarbeitenden und die Bevölkerung geschätzt. Deshalb freuen mich die unzähligen Rückmeldungen von den Bürgerinnen und Bürgern besonders, die sich bei mir für meine Amtsführung bedanken. Gleichzeitig freue ich mich aber auch auf die neue Aufgabe als Regierungsrat.

Welches prägende Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Der Neubau des Betagtenheims und die vorangehenden Vorbereitungs- und Planungsarbeiten waren der Startschuss für eine zeitgemässe ­Seniorenbetreuung, die ihren Abschluss mit dem Projekt Betreutes Wohnen gefunden haben. Weiter durfte ich sehr viele Infrastrukturprojekte im Hoch- und Tiefbau sowie Strassenprojekte inklusive Hofzufahrten realisieren.

Was war Ihre erste Amtshandlung in der Gemeinde Wartau? Welches die letzte?
Am 30. Dezember 1996 die Amtsübernahme als einer der jüngsten Gemeindepräsidenten der Geschichte und am 29. Mai 2020 die Amtsübergabe an den Vize-Präsidenten Andreas Bernold. In den Jahren dazwischen durfte ich sehr viel lernen und bewegen. Die Kontaktpflege zu den benachbarten Gemeinden war mir stets wichtig, so auch mit Balzers und Triesen. Ich erinnere mich gerne an Gespräche mit den damaligen Vorstehern Othmar Vogt und Xaver Hoch sowie deren Nachfolgern. Ein besonderer Höhepunkt war die 75-Jahr-Feier des Zollvertrags im Jahr 1998 zwischen dem Fürstentum Liechtenstein und der Schweiz.

Was hat sich auf der Gemeinde grundlegend verändert?
Die Verfahren sind in den vergangenen Jahren weiter verrechtlicht ­worden. Dies bedingt eine noch aufwendigere Vorbereitung von Geschäften unter Einbezug der Bevölkerung sowie den verschiedenen Interessengruppen.

Auf welche Projekte sind Sie  stolz?
Auf das bald fertig erstellte Schulhaus Feld freue ich mich aktuell besonders. Speziell ist, dass sehr viel einheimisches Holz verbaut werden konnte. Zudem durfte ich viele Naturschutzprojekte realisieren, die heute als Lebensraum für Pflanzen und Tiere dienen und beliebte Naherholungsgebiete sind. Dadurch hat unsere Gemeinde weiter an Attraktivität gewonnen. Die ökologische und landschaftliche Aufwertung des Burghügels stellt ein Flaggschiff dar. Stolz bin ich auch auf die Trockenmauersanierungen im ganzen Gemeindegebiet und auf die Revitalisierung der Giessen in den Rheinauen.

Die Natur wie auch die Naherholungsgebiete scheinen Ihnen in diesem Fall sehr wichtig zu sein. Halten Sie sich selbst oft dort auf?
Die Gemeinde Wartau hat wertvolle Schätze an Naturwerten. Ich denke dabei auch an geschützte Moore. Diesen sowie den Pflanzen und Tieren auf der roten Liste des Bundes müssen wir Sorge tragen. Denn Natur- und Umweltschutz und die Biodiversität beginnt vor der eigenen Haustüre. Die öffentliche Hand muss mit gutem Beispiel vorangehen. Hinzu kommt, dass genau diese Lebensräume auch von der Bevölkerung geschätzt werden und einen grossen Stellenwert für die Naherholung haben. Auch ich geniesse diese Schätze, erfreue mich an Blumen, Tieren, andere Naturschönheiten und Kleinigkeiten, wenn ich mit dem Velo in meiner Freizeit in Wartau unterwegs bin.

Was bereitete Ihnen am meisten Bauchschmerzen?
Die tiefe Steuerkraft und die vielen älteren und teils sanierungsbedürftigen Wohnliegenschaften bereiten mir Sorgen. Letztere führen dazu, dass die Steuerkraft nicht massgebend gesteigert werden kann.

Welche Aufgaben kommen im Regierungsrat auf Sie zu?
Als Volkswirtschaftsdirektor bin ich für den öffentlichen Verkehr, die Landwirtschaft, die Natur, Jagd und Fischerei sowie für die Wirtschaft zuständig. Die Kurzarbeit, die steigenden Arbeitslosenzahlen und die volkswirtschaftlichen Eintrübungen beschäftigen mich sicher vom ersten Tag an intensiv. Im Bereich des ­öffentlichen Verkehrs ergibt sich eine Schnittstelle zur geplanten F.L.A.CH-Bahn in Liechtenstein. Ein gutes Einvernehmen mit den Nachbarn bleibt für mich wichtig. Schliesslich müssen wir in Lebensräumen denken, um eine Region weiter entwickeln zu können.

Im Regierungsrat fällt die Wirtschaft unter Ihren Bereich, das wird wohl derzeit kein leichtes Unterfangen sein ... Ein Sprung ins kalte Wasser?
Nein, definitiv nicht. Als Gemeindepräsident und Verwaltungsrat von verschiedenen Unternehmen sind mir viele Herausforderungen der Wirtschaft bekannt. Ich wage zu behaupten, dass ich durch meine vielfältige Tätigkeit weiss, wo der Schuh drückt. Die neue Aufgabe wird ­sicher herausfordernd. Ich werde mich beispielsweise stark für das Projekt Innovationspark einsetzen. Krisen können für Unternehmen auch Chancen sein. Denn in einer Krise soll die Innovationskraft unserer hochtechnologisierten Industriezweige wie optische Beschichtungen oder der Medizinaltechnik gezielt gefördert werden.

Haben Sie bereits einige Projekte in Aussicht?
Ich werde mir beim Amtsantritt zuerst einen Überblick verschaffen. Auch unter Einbezug der Amtsleitenden. Den Pfingstmontag, meinen ersten Tag als Regierungsrat, werde ich nutzen, um Gespräche mit Landwirtschaftsvertretern zu führen. Die offizielle Arbeit beginnt dann am Dienstag mit der Junisession des Kantonsrates.

Wie gehen Sie an die neuen Herausforderungen heran?
Mir ist es ein Anliegen, den Puls der Wirtschaft und der Bevölkerung zu spüren. Deshalb werde ich den Kontakt zu Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Gewerbe pflegen, wie auch zu den Gemeinden. Diese haben wichtige Aufgaben bei der Ansiedelung von Unternehmen und bei deren Bestandespflege. Zudem sind es die Gemeindebehörden, welche Renaturierungsprojekte auf den Weg bringen können. Wer weiss, vielleicht gelingt es mir, den einen oder anderen Gemeindevertreter davon zu überzeugen, auch etwas für die Natur zu tun.

Welche Interessen oder Anliegen der Bevölkerung in der Region Werdenberg werden Sie vertreten und erachten Sie als wichtig?
Als Regierungsrat stehen die Gesamtinteressen des ganzen Kantons, respektive dessen Bevölkerung im Vordergrund. Es ist aber sicher wertvoll, wenn die verschiedenen Regionen einen direkten Ansprechpartner haben, der die jeweilige Situation vor Ort nicht nur von seinem Amt her kennt. Die Anliegen des südlichen Kantonsteils werde ich bestimmt in die Arbeit der Regierung einbringen.

Ihr Arbeitsplatz wird künftig in St. Gallen sein, bleiben Sie Ihrer Heimat in Wartau treu?
Ja, ich bleibe in Azmoos, in der Gemeinde Wartau wohnhaft und werde an meinen neuen Arbeitsplatz in St. Gallen pendeln. Mir ist wichtig, dass ich mit der Region eng verbunden bleibe und diese auch in meiner Freizeit spüre. Hier fühle ich mich wohl und zu Hause. (ms)

31. Mai 2020 / 00:00
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