• Kaspar Schuler in Schaan
    Kaspar Schuler, Leiter der Geschäftsstelle Cipra.  (Daniel Schwendener)

"Irgendwann ist mir klar geworden, dass Umweltschutz im Büro passiert"

Kaspar Schuler, neuer Leiter der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra, erzählt, wie er als Städter auf die Alp und von dort in die Politik geraten ist.
Schaan. 

Herr Schuler, Sie haben Anfang Juni die Leitung der Geschäftsstelle der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra mit Sitz in Schaan übernommen. Wie war Ihr erster Arbeitstag?
Kaspar Schuler:
Sehr herzlich. Ich habe ja stufenweise angefangen, da Andreas Pichler am 31. Mai aufgehört hat und ich die Stelle erst am 11. Juni antreten konnte. Ich bin daher schon vorher öfter vorbeigekommen. Ich komme aus einer grossen Organisation, Greenpeace Schweiz, mit über 100 Mitarbeitern. Da sind die Probleme anders. Man kennt einander weniger gut. Hier sind wir 17 Leute, glaube ich. Jeder kennt sich und die kurzen Wege – traumhaft!

Dann fühlen Sie sich also wohl.
Extrem! Ich freue mich sehr. Es ist schon komisch: Ich wohne ja seit 30 Jahren in Malans, also praktisch um die Ecke. Und trotzdem kenne ich das Fürstentum nicht wirklich. Aber das wird sich jetzt hoffentlich schnell ändern.

Ich habe gelesen, Sie sind in Zürich aufgewachsen ...
Ja, das stimmt. 

... und Sie haben 13 Jahre lang als Sennhirt gearbeitet.
Ja, das stimmt ebenfalls.

Sagen Sie, wie kommt ein Städter auf die Idee, Sennhirt zu werden?
Durch Zufall – anders ist das vermutlich auch fast nicht möglich (lacht). Die Idee entstand im Februar 1979. Ich war Pfadfinder und schon als Kind immer gern draussen in der Natur. Im besagten Jahr waren ein Freund und ich damit beschäftigt, für das Pfadfindercorps ein Theaterstück zu schreiben und zu inszenieren. Da kam eines Tages seine Freundin und wedelte mit diesem Magazin vor unserer Nase herum. «Femina», hiess es. Darin war ein Artikel über eine 40-jährige Sennerin. Mein Freund, er war Agronomie-Student, meinte dann: «Toll, das mach ich.» Ich war gerade mit meiner KV-Lehre fertig und dachte: «Einen Sommer lang auf die Alp gehen: cool! Ich komme mit.» Tatsächlich sind wir dann im Sommer auf einer Alp im Prättigau gelandet. Und da sind wir sowas von auf die Welt gekommen ...

Ich kann mir denken weshalb, aber ich frage trotzdem: Warum?
Ja, genau: Wir zwei Städtertypen ... Mein Freund war ein richtiger Fetzen von einem Mann, ich gar nicht. Wir konnten vorher noch beim Plantahof in Landquart einen dreiwöchigen Schnellkurs machen. Da haben wir intensivst gelernt, wie man Käse macht. Und ich dachte mir: «Okay, ich muss melken lernen.» Also bin ich auch jeden Morgen zum Plantahof-Stall gegangen, um zu melken. Aber auf der Alp mit 42 Kühen, am Morgen früh aufstehen und abends um 10 Uhr ins Bett – ich habe gedacht, ich sterbe.

So schlimm?
Schlimmer! Meine Hände waren total überarbeitet und nach dem Schlafen taub. Also habe ich sie jeden Morgen ins eiskalte Brunnenwasser gehalten. So wachten sie auf ... 

Und trotzdem haben Sie weitergemacht.
Ja ... Ich hatte nach 14 Tagen diesen Moment. Da bin ich beim Stall gestanden, habe über das Rheintal geblickt und fand: Ich überlebe das nicht. Und als ich da stand, mit Tränen in den Augen, hörte ich auf einmal einen jungen Bauern hinter mir, der sagte: «Ja, ja ... Weisst du, nach dem ersten Monat ist es schon weniger schlimm.» So nach dem Motto: Es kann nur noch aufwärts gehen. Und dann hat es mich gepackt.

Was genau?
Wenn man auf der Alp ist, verdichtet sich das Lebensgefühl ... Man bekommt eine Ahnung davon, wie der berühmte Einklang von Mensch und Natur funktionieren könnte. Wenn man als 21-jähriger Städter, der nicht weiss, was er vom Leben will, so etwas erlebt, dann hat man ein Aha-Erlebnis: Man ist nur noch dort oben, alles konzentriert sich um den Talkessel, den Berghang ... Das Leben findet verdichtet statt und man richtet es nach dem Rhythmus der Tiere aus. Jeden Abend hat man ein Produkt in der Hand, das man selbst gemacht hat. Alles ist so hautnah – auch die Liebesgeschichten waren hautnäher, hatte ich das Gefühl (lacht). Alles war dicht, lebendig, spannend, prall mit Leben – das ist das Schöne daran.

Das hört sich nach einem sorgenfreien Leben an. Warum haben Sie die Alp denn verlassen und sind ausgerechnet ins Büro und sogar in die Politik gewechselt?
Ganz so sorgenfrei war das Leben eben nicht. Für mich stellte sich nämlich heraus: Kinder und Käsen – das funktioniert so nicht. Also bin ich mit meiner Familie damals auf eine Rinderalp gewechselt, in einem Hochtal in Graubünden, an der Grenze zu Italien, im Val Madris. Das Tal liegt parallel zum Stausee Lago di Lei. Und dort wollte man damals einen zweiten Stausee bauen. Ich fand aber: Man kann doch nicht rücksichtslos ein ganzes Tal unter Wasser setzen. Also wollte ich zwischen der Alpgenossenschaft und den Umweltschützern vermitteln. Das war allerdings eine harzige Angelegenheit. Irgendwann ist mir klar geworden, dass Umweltschutz nicht in den Bergen oder der Natur passiert, sondern im Büro. Das war auch so ein Aha-Erlebnis.

Kommt daher Ihr Interesse für den Umweltschutz?
Nein, ich war schon vorher begeisterter Umweltschützer. Nach meiner kaufmännischen Lehre habe ich eine Weile als Praktikant beim WWF gearbeitet. In die Politik bin ich aber erst 1985 eingestiegen, als das Stauseeprojekt gekommen ist. Man muss sich vorstellen, ich bin 1958 geboren. In den 60er-Jahren war die Umweltbewegung noch ganz neu und für mich ein spannendes Gebiet. Als 1968 die Hippiebewegung aufkam war ich zwar erst 10 Jahre alt, habe aber durch meinen älteren Bruder einiges mitbekommen. Damals ging es vor allem darum, dass wir ein neues Verständnis im Umgang mit der Natur bekommen. 

Waren Sie auch ein Hippie?
Ja klar! Mit langen Haaren und allem, was dazu gehört (lacht). Allerdings hatten wir das Gefühl: Viele Hippies reden nur davon. Wir wollten die umfassende Naturverbundenheit handfest umsetzen, auf echt alpine Art und Weise.

Vom Hippie und Sennwirt zum Geschäftsführer und Politiker – ein interessanter Lebenslauf. 
Wie gesagt: Umweltschutz passiert im Büro. Wenn man in einer so leidenschaftlichen Organisation wie Greenpeace arbeitet, führt einen das sehr nah an die Politik. Ich war bis vor Kurzem einer, der fand: Parteipolitik im engeren Sinn und Wahlen sind nichts für mich. Ich kämpfe lieber für Ideen als für mich selbst. 

Welche Ideen haben Sie zur Internationalen Alpenschutzkommission Cipra geführt?
Die Cipra hat einen spannenden Auftrag. Sie ist eine Art «moralische Hüterin der Alpenkonvention». Die Alpenkonvention selbst ist eine von ausserordentlich viel zwischenstaatlichen Absprachen geprägte Institution. Sie muss mit viel Diplomatie und juristischem Gespür das Vertragswerk der acht Alpenstaaten, welche der Konvention angehören, pflegen und weitertragen. Die Cipra hingegen ist ein sich immer wieder veränderndes Projektnetzwerk aus über 100 Organisationen. Wenn man sich den Jahresbericht der Cipra anschaut, wimmelt es nur so von Projekten, die sich mit dem Schutz und dem Leben in den Alpen beschäftigen. Das ist unglaublich spannend und motivierend. Aber es waren weniger die Ideen als vielmehr die Menschen dahinter, mit ihrer Begeisterung, die mich überzeugt haben, die Leitung der Geschäftsstelle zu übernehmen. Vorerst wollte ich mich nicht auf die Stelle bewerben. 

Warum nicht?
Ich hatte eigentlich das Gefühl, ich hätte lange genug Umweltorganisationen geführt. Aber das ist der tolle Unterschied, wenn man mit 17 Leuten arbeitet: Der Teamspirit. Der fehlt, wenn man allein Berater ist. Also habe ich mich im Januar wider eigenen Erwartens beworben. (sms)

23. Jun 2018 / 22:12
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