•  (Tatjana Schnalzger)

"Es gibt einen Gott"

Abt Vinzenz beginnt den Tag mit Beten, nachher ruft der Alltag mit Managen. Gespräche werden geführt, aber auch hin und wieder verrückte Ideen ausgebrütet.

«Ohne Religion wäre die Welt besser» oder «Es gibt – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – keinen Gott». Diese Aussagen stammen vom deutschen Autor und Diplom-Pädagogen Philipp Möller. Was antworten Sie dem 39-Jährigen?
Abt Vinzenz: Meine Erfahrung ist genau das Gegenteil, dass es mit einer sehr grossen Wahrscheinlichkeit einen Gott gibt, wie ich in meinem Leben, in meinem Lebensentwurf, immer wieder erfahren durfte. Zudem machte ich Erfahrungen, in denen ich mich von Gott getragen fühlte. Ich spürte seine Gegenwart. Für mich ist es klar: Es gibt einen Gott. Ob eine Welt ohne Religion besser wäre, das wage ich ebenso zu bezweifeln. Die Religion, die Kirche hat als moralische Instanz einen wichtigen Auftrag. Wir, die katholische Kirche, müssen reflektieren und aus den Fehlern der vergangenen Jahrhunderte lernen.

Sie sprechen von Ihrer Gotteserfahrung. Hatte es plötzlich «Zoom» gemacht, als sie diese Nähe spürten?
«Zoom» gemacht? Nein. Aber ich erinnere mich an ein Ereignis, dass mich über Jahre getragen hat. Als ich vor dreissig Jahren ins Kloster eingetreten bin, spürte ich einen tiefen, inneren Frieden. Für mich war klar, hier in der Mehrerau bin ich am richtigen Platz. In den vergangenen Tagen spürte ich ebenfalls, dass Gott mit mir auf dem Weg ist, dass er mir Menschen zur Seite stellt, die mich in meinem Leben weitertragen. Ich spüre, wir sind hier miteinander unterwegs und wenn Jesus sagt, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich dabei.

Im Gegensatz zu Philipp Möller ist die Religion für Sie Kraftquelle und tägliches Brot. Welche Bibelzitate berühren Ihr Herz?
Es gibt sehr viele Geschichten, die mich in meinem Leben immer wieder getragen haben, die mir Antworten gaben auf wichtige Fragen. Die eine Geschichte ist, als der Pharisäer Jesus fragt, welches das wichtigste Gebot sei. Jesus sagte: «Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben, wie dich selbst». Die Worte zeigen, dass man sich selbst, mit seinen Ecken und Kanten annehmen muss und darf. Man soll zu sich gut sein, aber auch zum Nächsten, das finde ich immer wichtiger und dies nicht nur in Bezug auf die Menschen, sondern auch in Zusammenhang mit unserer Umwelt. Die Frage nach der Schöpfung, wie gehen wir mit ihr um, ist ein riesiges Thema. Das erste Gebot, das wir Menschen bekommen haben, ist der Auftrag für die Pflege der Welt, damit auch die nächsten Generationen gut leben können.

Das heisst, in der Mehrerau leben hauptsächlich Grüne?
Ich denke schon, dass in einem Kloster Menschen leben, die mit grosser Liebe und Respekt mit der Schöpfung umgehen. Das ist eine riesige Verantwortung und Herausforderung zugleich.

Sie sind in Schaan mit Mama, Papa und drei Geschwistern aufgewachsen. Wie wichtig war das Religiöse in der Familie? 
Interessant ist, dass Ihr Bruder Karl-Anton ebenfalls Theologe ist.

Das Religiöse war sicherlich ein wichtiger Teil bei uns zu Hause. Es war normal, dass wir sonntags zur Kirche gingen oder ein Tischgebet sprachen. 

Könnte mir vorstellen, dass Sie auch Ministrant waren.
Ja, stimmt. Ich war sehr gerne Ministrant. Ich erinnere mich, mein Bruder und ich durften bei einer Firmung ministrieren. Dann hiess es Karl-Anton und Rudolf, ihr nehmt Stab und Mitra … ich durfte den Bischofsstab tragen. Ich weiss nicht mehr, wer wen gehalten hat, ich den Stab oder er mich. Nach der Messfeier sagte Pfarrer Baumann, der Rudolf hat den Stab gehalten, wie ein Bischof. 

Ursprünglich waren Sie Schüler im Gymnasium Mehrerau. Erwachte in dieser Zeit der Wunsch nach einer Klostergemeinschaft? 
Während der Schulzeit kam mal der Gedanke, ob das Kloster mein Lebensweg sein könnte. Doch nach der Matura wollte ich vorerst nichts wissen vom Kloster, weil mir nochmals der Blick von aussen auf die Mehrerau wichtig war.

Wann traten Sie ein ins Kloster Mehrerau?
Mit dem Noviziat 1990. Acht Jahre später, am 19. September 1998 wurde ich zum Priester geweiht und zwanzig Jahre später, ebenfalls am 19. September 2018, wählten mich meine Mitbrüder zum Abt.

Vor einem Jahr übernahmen Sie als elfter Abt die Zisterzienser-abtei Wettingen-Mehrerau. Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückschauen, was hat Sie gefreut?
Was mich mit Glück erfüllte, war die grosse Freude, sowohl im Kloster, als auch in der Kongregation, dem Verband der Zisterzienser Mehrerau, aber auch in der Bevölkerung, dass das Kloster Mehrerau einen Abt gewählt hat, der Mitten im Leben steht. Unglaublich schön, waren auch die vielen Besuche aus Liechtenstein. Menschen, die sich sagten, jetzt haben wir einen Abt. Er ist weltweit der erste Liechtensteiner Abt. Den schauen wir uns jetzt mal an, was der macht. 

Sehr gefreut hat mich auch der Besuch des Landtagspräsidenten und des Regierungschefs, sie waren bei der Abtweihe verhindert. Riesig gefreut hat mich auch das handschriftliche Schreiben vom Erzbischof Wolfgang Haas. Er gratulierte mir und wünschte alles Gute. Das zeugt von seiner menschlichen Kompetenz.

Ein Abt braucht die gleichen Führungsqualitäten wie ein CEO einer Firma. Auch Visionen sind wichtig. Wohin führen Sie das Kloster?
Diese Frage stellte ich mir auch. Als Abt muss man viel managen, sehr viel entwickeln, einerseits muss man realitätsbewusst sein und andererseits braucht es verrückte Ideen. Wichtig ist einfach, dass man die Gemeinschaft nicht überfordert. Ich kann keine Entscheidung treffen über den Kopf meiner Mitbrüder, ich muss sie im Boot mitnehmen. Das ist manchmal die grosse Herausforderung. 

Welche Verbindung haben Sie heute zu Liechtenstein?
Die Beziehung zu meiner Heimat und ihren Menschen ist mir sehr wichtig. Ich bin Liechtensteiner, obwohl ich jetzt als Abt auch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten habe, was mich auch freut. Aber tief im Herzen bin ich Liechtensteiner, den blauen Pass abzugeben, das wird eine grosse Herausforderung werden.

Weihnachten steht vor der Türe. «Krömli» werden gebacken, die Wohnung geschmückt, mit der Familie wird fein gegessen. Das ist alles gut und recht, nicht unbedingt die Weihnachtsbotschaft. Wie kann dem Fest wieder die Wichtigkeit zurückgegeben werden, dem es auch zusteht?
In der Vorweihnachtszeit sind viele Menschen im Stress. Eigentlich wäre es klüger, sich selbst in der Adventszeit etwas Gutes zu tun, indem man weniger tut. Indem man sich Zeit nimmt für sich und seine Nächsten, die einem wichtig sind. Dass man hier Beziehung lebt und dann als Gemeinschaft Weihnachten feiert.

Bei uns erlebt die Religion so etwas wie eine Inflation. Wie kann man den Menschen die Religion wieder schmackhaft machen? 
Wir leben tatsächlich in einer grossen religiösen Krise, in der viele Menschen den Bezug zur Religion verloren haben. Umso wichtiger ist es, dass wir als Christen die Werte wieder bewusst leben. Und dass diese Werte so gelebt werden, dass die Mitmenschen merken, dass der Glaube frei macht. Er uns Sinn gibt im Leben. (mh)

30. Nov 2019 / 20:39
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