•  (Tatjana Schnalzger)

"Es gab Augenblicke gelassener Fröhlichkeit"

Wie wichtig ist der Glaube in Krisenzeiten? Christian Vosshenrich, katholischer Pfarrer von Eschen-Nendeln, im Gespräch rund um den Gotteshaus-Lockdown.

Herr Pfarrer Vosshenrich, haben Sie in den vergangenen Monaten mehr als sonst gebetet?
Christian Vosshenrich: Ja, das habe ich tatsächlich. Es gibt ja das alte Sprichwort «Not lehrt beten» und es war dann wirklich so, dass sich spontan Gemeindemitglieder an mich wandten, mit der Anfrage, ob man nicht in der Kirche offene Gebetsstunden anbieten könnte. Das haben wir dann an zwei Nachmittagen in der Woche gemacht und es war erstaunlich, wie gut besucht diese schon ganz zu Beginn der Coronakrise waren und die ganze Zeit blieben. Not lehrt also wirklich beten …und das Gebet stärkt ungemein.

Denken Sie, dass der Glaube in Krisenzeiten stärker in den Vordergrund gerückt ist?
Ich würde sagen Ja. Und das gilt nicht nur für den Glauben, sondern auch für die anderen grossen Sinnfragen des Lebens. Viele Menschen wurden durch die plötzlich verordnete und neu erfahrene «Häuslichkeit» mit der Frage konfrontiert, wie verhältnismässig der oft aufreibende Alltag und der Freizeitstress vieler berufstätiger Menschen ist. Ich glaube, es wurde und wird wieder vermehrt die Frage gestellt: Was ist eigentlich wichtig im Leben und was kommt zu kurz oder wird überbewertet?

Wie ging der Gottesdienst via Internet bzw. Fernsehen vonstatten? Wie hat die Bevölkerung reagiert?
Das Livestreaming unserer täglichen Gottesdienste war eine grossartige Erfahrung. Zunächst war ich sehr skeptisch und vorsichtig, durfte dann aber schnell erfahren, dass in kürzester Zeit eine grosse virtuelle Gemeinschaft entstand, die unsere Gemeinde und die Grenzen unseres Landes weit überschritt. Da wir einzelne Gottesdienste zusätzlich auf ­Facebook und Youtube übertragen haben, gab es sogar Rückmeldungen aus den USA. Von dort schrieb mir zum Beispiel eine über 90-jährige alte Dame, die als kleines Kind aus Eschen nach Amerika ausgewandert war. Sie sei zu Tränen gerührt, nun die alten Lieder von früher live im Eschner Gottesdienst mitsingen zu können und die Eschner Kirche einmal wieder von innen zu sehen.

Welches waren für Sie während des Gotteshaus-Lockdowns die grössten Herausforderungen?
Die grösste Herausforderung war sicherlich der plötzlich abbrechende tägliche Kontakt mit vielen Pfarreimitgliedern und Gottesdienstbesuchern. Gerade die ältere Generation, aber auch viele andere gläubige Menschen erlebten den plötzlichen Verzicht auf die tägliche heilige Messe und den Sakramentenempfang als grosses Opfer und spürbaren Mangel. Auch der Kontakt mit dem Seelsorger vor Ort ist vielen wichtig und gehört zu ihrem Alltag. Alle Priester im Land haben versucht, durch Telefonanrufe, Briefe oder den einen oder anderen Hausbesuch Stärkung und Trost zu geben.

Das gewohnte kirchliche Leben lag brach. Glaube ist, so wie er in der hiesigen Region praktiziert wird, ein Gemeinschaftserlebnis. Was, wenn die Gemeinschaft fehlt?
Das Besondere unserer christlichen Gottesdienste ist ja, dass wir Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen, Milieus und Schichten zusammenführen. Vor Gott sind alle Menschen gleich und so entsteht eine einmalige Brüderlichkeit und Gemeinschaft. Auch in unserem Land gibt es nicht wenige Menschen, die allein und manchmal einsam sind. Für diese ist der sonntägliche Gottesdienst ein seelisches Aufatmen und gibt das wichtige Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die füreinander sorgt und miteinander betet. Ich weiss, dass vielen Menschen ein Stein vom Herzen fiel, als sie hörten, dass wieder gemeinsam Gottesdienst gefeiert werden darf. Abgesehen davon schulden wir Gott unser Lob und unseren Dank, und der soll ja auch öffentlich und gemeinschaftlich sein.

Wer gläubig ist, sieht die aktuelle Krise, die wohl auch Nachwirkungen zeigen wird, unter Umständen als Fingerzeig Gottes. Was halten Sie von dieser These?
Eines ist sicher: Die Krise hat unser Leben massiv unterbrochen. Ist diese Unterbrechung ein Fingerzeig Gottes? Als Christen glauben wir, das Gott sich in jedem und allem zeigt und in diesem Sinne ist ganz sicher auch diese Krise ein Fingerzeit Gottes – was nicht bedeutet, dass Gott Ursprung des Virus ist. In jedem Fall ist all das ein Anlass zur Selbstbesinnung: Wenn unser Leben so zerbrechlich ist und selbst unsere moderne und globale Welt von heute auf morgen einem tödlichen Virus hilflos ausgeliefert ist: Woher kommt uns Hilfe?

Bei Gefahr ist das Gotteshaus seit jeher der Menschen Zufluchtsort. Deren Türen blieben in Liechtenstein und Österreich bis 15. Mai, in der Schweiz bis 28. Mai für Gottesdienste und weitere kirchliche Feiern geschlossen. Ein ungewöhnlicher Umstand.
Ich bin froh und dankbar, dass bei uns in Liechtenstein die Kirchen nur zu den Gottesdiensten geschlossen werden mussten, aber ansonsten zu Gebet und Einkehr offen standen. Christen haben sich ja nie geschämt, in der Not zu Gott oder zur Gottesmutter Maria und den Heiligen zu rufen. Es gehört ein wenig zu den Erfahrungen der letzten Monate, dass wir plötzlich den Christen früherer Jahrhunderte nahegekommen sind, die mit grosser Tapferkeit und Glaubenskraft viel schlimmere Seuchen durchgestanden haben. Das stille Gebet und das Vertrauen in Gottes Güte hat auch hier bei uns vielen Menschen Hoffnung und Zuversicht geschenkt. Generell hatte ich den Eindruck: Wer in die Krise ein bereits gefestigtes Glaubensfundament mitbrachte, fand Mittel und Wege, etwa die Kar- und Ostertage auch geistlich zu gestalten.

Vermutlich ist Ihr Telefon heiss gelaufen. Welches waren der Menschen dringlichste Sorgen und Nöte?
Es gab durchaus einige ganz konkrete Anfragen um Vermittlung materieller oder praktischer Hilfestellung, aber die meisten Telefongespräche waren geprägt vom Bedürfnis, sich über die Krankheit oder Ängste auszusprechen oder jemanden zu haben, der einfach zuhört und ansprechbar ist. In den ersten Wochen der Coronakrise war eine grosse Verunsicherung zu spüren und manche Menschen haben um das Gebet gebeten oder Messen bestellt. Humor ist in solchen Momenten wichtig und so gab es auch immer Augenblicke gelassener Fröhlichkeit.

Wie gestalteten sich Hochzeiten und Beerdigungen?
Alle geplanten Hochzeiten wurden verschoben und auf den Herbst oder ins nächste Jahr verlegt. Manchmal gab es ein paar Tränchen der Braut, aber die Brautpaare haben sich dazu durchgerungen, um den schönsten Tag ihres Lebens wirklich ausgelassen und mit Freunden und Verwandten feiern zu können. Auch bei den Beerdigungen im leider nur ganz kleinen Verwandtenkreis gab es den grossen Wunsch, einen öffentlichen Trauergottesdienst nach der Krise nachzuholen, um des Verstorbenen auch gemeinsam mit den Weggefährten und Freunden zu gedenken und für ihn zu beten.

In Krisenzeiten sind es oft die kleinen Zeichen, die die Menschen verbinden und ermutigen. Welche haben Sie als Seelsorger gesetzt?
Ich habe gleich zu Beginn der Krise zu offenen Gebetszeiten in die Pfarrkirche eingeladen und war dann jeweils zwei Stunden in der Kirche bzw. Sakristei anwesend, um für Gespräch oder Gebet zur Verfügung zu stehen. Gemeinsam mit einem befreundeten Priester aus Zürich, der Musiker ist, und einem Theologiestudenten aus München haben wir spontan beschlossen, eine Hausgemeinschaft zu bilden und haben einen ganzen Monat gemeinsam die Gottesdienste, die ja nun übertragen wurden, musikalisch und liturgisch so feierlich und schön wie möglich gestaltet. Das ist als sehr tröstend erfahren worden und es gab viele dankbare Rückmeldungen.

Wie fühlte sich der erste Gottesdienst nach der Wiedereröffnung an? War der Zustrom gross?
Es war für mich wie ein zweites Osterfest und der erste Tag war geprägt von grosser Freude und Zuversicht. Wir waren überrascht, dass gleich am ersten öffentlichen Sonntagsgottesdienst alle 120 Stühle, die wegen der Abstandsregel in der Kirche verblieben sind, besetzt waren und die Leute hinten stehen mussten. Der Zustrom war also erstaunlich gross und für uns ein Zeichen, dass das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Gottesdienst ungebrochen ist und vermisst wurde.

Wie ist es um die Einhaltung der Sicherheitsmassnahmen bestellt?
Bislang erlebe ich Disziplin und auch Geduld bei den Gottesdienstbesuchern. Beim Kommuniongang kommt es aufgrund der Abstandsregeln zu Verzögerungen und die Messe dauert dadurch etwas länger, aber ich habe den Eindruck, alle nehmen das gern in Kauf und bemühen sich, selbst ein gutes Vorbild zu sein.

Zusammenrücken, zusammenhalten, ausharren, an- und hinnehmen waren die Verben der Stunde. Werden die Menschen aus der Krise lernen?
Ich glaube, die Krise hat zwei Seiten. Viele Menschen leiden momentan ja auch existenziell: durch wirtschaftliche Einbussen, Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit. Diese Seite darf man nicht beschönigen. Aber ich glaube, das sich daneben auch positive Aspekte abzeichnen. Entschleunigung gehört dazu, weniger unterwegs sein, für Familien vielleicht das Zusammensein. Ich persönlich glaube, dass viele Menschen sich vorgenommen haben, so schnell nicht in die alten Muster zurückzufallen und diese Phase des Durchatmens als Geschenk oder Gnade erleben. Wenn wir – wenn auch auf ganz unerwartete Art und Weise – ein wenig mehr Demut, Verzichtsbereitschaft und sozialen Zusammenhalt gelernt hätten, wären wir irgendwie doch auch beschenkt worden. (ge)

06. Jun 2020 / 21:08
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