•  (Daniel Schwendener)

Erst habe ich es mir gar nicht zugetraut

Nydia Büber erfüllt sich mit einem Zeichentrickfilm-Festival einen Traum und möchte damit Mut machen, Dinge einfach anzupacken.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Zeichentrickfilm-Festival auf die Beine zu stellen?
Nydia Büber, Initiantin Zeichentrickfilm-Festival Werdenberg:
Vor über einem Jahr spielte ich mit dem Gedanken, was ich tun würde, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte. Die Antwort darauf fand ich nicht etwa in einer Reise oder der Veröffentlichung eines Buches, sondern in der Durchführung eines Filmfestivals von Zeichentrickfilmen. Also fing ich an, mir Gedanken über die Ausführung zu machen. Filmfestivals gibt es ja bereits und über das Internet habe ich die entsprechenden Leute kennengelernt.

Gab es einen Grund, warum gerade dieser Gedanke Sie dazu antrieb?
Ich glaube, ich wollte einfach mehr Freude und Emotionen in mein Leben bringen. Als Ärztin führe ich einen seriösen und ernsthaften Beruf aus und als zweifache Mutter stellte ich meine Bedürfnisse stets hinten an. Die Kunst und Verspieltheit der Zeichentrickfilme schienen mir gerade recht zu kommen. Sie rufen Kindheitserinnerungen und die damalige Unbeschwertheit hervor, die meiner Ansicht nach im Erwachsenenalter abhanden kommen. 

Warum gerade Zeichentrickfilme?
Ich liebe sie über alles. Einerseits vermitteln sie Werte wie Freundschaft, Familie, Mut, Liebe, dass man seinen Träumen folgen und sich selbst sein soll. Andererseits möchte ich den Kindern die Welt aus einer internationalen Sichtweise zeigen, um Grenzen abzubauen. In China, Singapur, Jordanien und weiteren Ländern lachen und empfinden die Kinder ihre Freude genauso wie hier.

Wie sind Sie an die Zeichentrickfilme gekommen?
Im Internet ist mittlerweile vieles möglich. In der Schweiz gibt es ein Animationsfestival und dessen Veranstalter gelangen über eine Plattform an die Kurzfilme. Also habe ich nachgefragt und durfte mich gleich mit meinem Festival anmelden und erstellte eine Plattform im Internet, um die Filme zu erhalten. Kurz darauf sind auch schon die ersten eingetroffen. Anscheinend gibt es viele Filmemacher, die von sich aus ihre Werke schicken. 

Haben Sie alle eingegangenen Zeichentrickfilme angeschaut?
Ja, es waren insgesamt um die 1400 Filme. Immer wieder habe ich selektioniert, bis nur noch 42 Kurzfilme übrig geblieben sind. Am anspruchsvollsten war für mich , dass ich zu Beginn keinen einzigen Filmemacher kannte. Das war die grösste Hürde. Danach, als das Projekt lief, war es trotz einem hohen Aufwand vergleichsweise einfach, voranzukommen.

Gibt es darunter einen Film, der Ihnen besonders gefällt?
Die 42, die ich ausgesucht habe, liegen mir besonders am Herzen. Sie alle vermitteln die Botschaft von Freundschaft oder dass es sich lohnt, freundlich zu sein, dass man zusammen stark ist und auch Ängste überwinden kann. 

Wie haben Sie die Zeit während den Vorbereitungen erlebt?
Es war eine grossartige Reise, obwohl ich meine Komfortzone verlassen musste. Ich möchte jedem, der unbedingt etwas tun möchte, ans Herz legen, es auch umzusetzen – trotz Verpflichtungen. Für mich war es wunderschön, denn ich habe  zahlreiche Freundschaften geschlossen, Unterstützung erhalten und nette Leute kennengelernt. Als Mensch bin ich gewachsen. Mir ist genau das widerfahren, was mir die Zeichentrickfilme übermittelt haben: Lebe deine Träume, sei mutig, geh hinaus und versuche es.

Inwiefern haben Sie Ihre Komfortzone verlassen?
Für mich war es am Anfang so gut wie unmöglich, mein Projekt umzusetzen. Ich kannte niemanden, der etwas mit dieser Branche zu tun hatte und ich selbst wusste auch nicht, wie es geht. Ich begann von Null an. Erstaunlicherweise waren die Reaktionen sehr freundlich, alle waren begeistert und fanden es eine tolle Idee. Ich war erstaunt und habe es mir selbst erst gar nicht zugetraut und am nächsten Wochenende ist es bereits soweit. Am Samstagnachmittag ist das Festival öffentlich für Kinder ab sieben Jahren im Kiwi Treff in Werdenberg zugänglich.

Sie selbst sind Ausländerin, hat Sie das in Bezug auf die Filmauswahl geprägt?
Definitiv. Ich selbst bin eine schüchterne Person, darum war es für mich ein gewaltiger Schritt, auf die Leute zuzugehen. Es war mir immer sehr wichtig, mich zu integrieren. Manchmal ist es schwierig, eine fremde Kultur einzuschätzen. Ich bin Mexikanerin und temperamentvoll. Man versucht immer, sein Bestes zu geben, weiss aber nicht, wie es ankommt. Man muss sich gegenseitig verstehen und miteinander auf einer Ebene sein. Da finde ich es besser, wenn man nicht so viele Ängste hat, die sich überlagern.

Hatten Sie mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ich persönlich nicht und wenn, dann habe ich das nicht so mitbekommen. Dadurch, dass ich mir selbst lange fremd vorgekommen bin und nicht aus mir herausgegangen bin, war ich oft die Exotische – in Deutschland wie der Schweiz. Ich habe nie etwas Unfreundliches erfahren. Die Barrieren lagen wohl eher bei mir, weil ich schüchtern bin. Ich selbst habe die Menschen nie etikettiert, darum wurde ich wohl selbst nie in eine Schublade gesteckt. Vorurteile blen­de ich einfach aus wie auch die Politik. Meine Kinder sind integriert und das ist wunderschön. So kommt man als Eltern gut unter die Leute, da es in diesem Zusammenhang keinen Raum für Nationalitäten gibt. 

Was hat Sie in die Ostschweiz verschlagen?
Mein Mann und ich wollten unbedingt in der Nähe der Berge wohnen. Da er Chemiker ist gab es zwei Möglichkeiten: Entweder ins Wallis oder nach Werdenberg zu ziehen. Er fand eine Anstellung in Buchs, also zogen wir nach Grabs. Mir spielte es keine Rolle.

Haben Sie noch einen Bezug zur Heimat?
Ja, meine Muttersprache. Ich selbst war lange nicht mehr dort. Mexiko ist das Gastland am Filmfestival, an dem auch Preise verliehen werden wie beispielsweise der beste Schweizer Film oder der beste internationale Film, bester Filmemacher und ein spezieller Preis für eine Frau. Denn diesbezüglich gibt es eine Grenze zu überwinden. Damit möchte ich etwas an die Filmwelt zurückgeben.

Da gibt es bestimmt einige Hürden zu überwinden.
Ja, aber es ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Auf den Preis für Frauen bin ich während des «Festival d’Animation Annecy» in Frankreich gekommen, dort gibt es eine Plattform für Frauen in dieser Branche und ich fand das so toll, wie man sich gegenseitig mit Mentoring-Programmen unterstützt.

Hat die Organisation des Festivals Sie persönlich verändert?
Sie hat mir das Gefühl vermittelt, dass ich es schaffen kann. Es war ein so brennender Wunsch in mir, den ich wirklich umgesetzt habe. Das verändert einen Menschen total. Es ist ein Meilenstein. Als Kind lernt man viel und schnell und als Erwachsener hört man aus irgendeinem Grund auf, sich Meilensteine zu setzen.

Sind Sie wegen des Festivals viel gereist?
Das Reisen gefällt mir, jedoch am meisten Freude bereitet mir, Menschen kennenzulernen. Ich stand mit Künstlern aus Holland, Thailand oder China in Kontakt und habe mich immer wieder mit ihnen ausgetauscht. Für mich war das sehr interessant und erfüllend zugleich.

Möchten Sie mit ihrem Festival die Weltoffenheit zeigen?
Zumindest ein wenig Verspieltheit hineinbringen, aber ich weiss, das ist schwierig. Für mich wäre es ein grosser Erfolg, wenn ein Kind am Festival sagen würde: «Oh, der Film kommt aus Thailand, lass uns dorthin gehen» – die weite Welt schmackhaft machen und die Neugier entfachen. 
Sind die Zeichentrickfilme ins Deutsche übersetzt?
Nein, ich habe absichtlich Filme ausgewählt, die ohne Dialoge verständlich sind. Einige Situationen sind so intuitiv und eindeutig, dass sie für Kinder zwischen vier und sechs Jahren verständlich sind. 

Für welches Alter ist das Festival gedacht?
Es laufen jeweils zwei Programme am Tag: Für Kinder zwischen vier und sechs Jahren und von sieben bis zehn Jahren. Am Samstag gibt es zusätzlich ein Programm für ältere Kinder. Die Geschichten sind dann etwas komplexer. Die Filme dauern jeweils zwischen vier und sieben Minuten. Am Samstag sind es zwei Blöcke à 35 Minuten. Zu den einzelnen Filmen werde ich auch etwas erzählen.

Da steckt wirklich einiges an Arbeit dahinter.
Ja, aber für mich fühlte es sich nicht so an. Ich habe es wahnsinnig genossen. Die Filme müssen ein bestimmtes Format aufweisen, damit man sie im Kino abspielen kann und ich musste mir selbst beibringen, wie man sie konvertiert. Die Krönung für mich ist, den Kindern eine tolle Erfahrung zu schenken und aufzuzeigen, dass die Welt gross und interessant ist. Ich liebe Zeichentrickfilme und ich wollte schon immer einmal so viele sehen, bis mir die Augen schmerzen.

Und haben sie geschmerzt? 
Eine Freundin von mir war in der Jury, ihr haben die Augen geschmerzt. Mir schmerzte lediglich das Herz, als ich Filme aussortieren musste. (ms)

13. Jan 2019 / 00:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistkommentiert
Meistgelesen
25. März 2019 / 23:15
25. März 2019 / 23:01
02. Dezember 2018 / 00:00
Aktuell
25. März 2019 / 21:06
25. März 2019 / 23:15
25. März 2019 / 23:01
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
hierbeimir_Logo_basic
Zu gewinnen HBM-Gutschein im Wert von 20 Franken
21.02.2019
Facebook
Top