•  (Tatjana Schnalzger)

"Das Land müsste bei diesem Schnäppchen zugreifen"

Irene Lingg-Beck und Dr. Marcus Büchel vom Verein Pro s’Hagen-Huus z’Nendla wollen das Kleinod von 1837 bald einer Nutzung zugeführt sehen.

Das «Liechtensteiner Vaterland» titelte am 17. Dezember 2015 zum Thema Hagen-Haus: «Dornröschenschlaf soll ein Ende haben», das «Volksblatt: «Nun wird angepackt!». Am Haus hat sich seither nichts verändert. Ein sehr tiefer Schlaf, den Dornröschen da schläft … 
Irene Lingg-Beck:
An der Situation hat sich seither auch nicht allzu viel geändert. Es wurden einige Entscheide gefällt, aber nicht so, dass man handeln hätte können. Die Gemeinde Eschen-Nendeln hat im April 2016 ein Kaufangebot abgelehnt. Die Regierung hat sich Anfang Jahr Gedanken gemacht, die Liegenschaft für das Land zu erwerben und unter anderem für die Verwaltung zu nutzen. Unseres Wissens ist aber seither nichts weitergegangen.  

Weshalb ist das Land Liechtenstein so zögerlich?
Beck-Lingg:
Im Spätsommer hatte ich ein Gespräch mit Patrick Birrer von der Denkmalpflege. Er meinte, dass es schwierig werden würde. Meiner Meinung nach hat es nichts mit fehlendem Geld zu tun, sondern mit fehlendem politischem Willen. Das Land wäre finanziell bestimmt in der Lage, das Haus zu erwerben und eine sinnvolle Nutzung zu finden. Auch die Gemeinde wäre das grundsätzlich.

Gibt es noch andere Gründe, weshalb nichts vorwärtsgeht?
Beck-Lingg:
Der Laie sieht einem alten Objekt dessen Qualität nicht an. Weil die Fassade bröckelt, hat man das Gefühl, das Haus sei kurz vor dem Zusammenfallen. Als Architektin kann ich sagen, dass dem nicht so ist. Die Bausubstanz ist sehr gut, nirgends ist Wasser drin, die Fenster sind dicht, was ganz entscheidend ist. Wir schämen uns teilweise unserer «bäuerlichen» Vergangenheit. Die alten Objekte zu erhalten, ist ein steter Kampf. Vor allem ist auch die Frage zentral, was man mit diesem Objekt machen will. Wir und auch andere haben diesbezüglich bereits Vorschläge vorgebracht, eine Arbeitsgruppe wurde gebildet. Wenn diese Vorschläge jedoch mit den Interessen, die die Gemeinde oder das Land haben, kollidieren bzw. diesen zuwiderlaufen, haben wir bzw. das Hagen-Haus schlechte Karten. Nutzungspotenzial ist aber zweifelsohne in Fülle vorhanden.

Den Eindruck, dass das Haus an der Nendler Landstrasse dem Zerfall nahe ist, hat man in der Tat. Es steht jedoch seit 28 Jahren unter Denkmalschutz. 
Beck-Lingg:
Es gab damals einen Deal: Die Besitzer hatten kein Geld zur Renovation des Hauses und gingen auf das Land Liechtenstein zu. Von dort kam das Angebot, die Sanierung des Hauses finanziell zu unterstützen, was an die Bedingung geknüpft wurde, die Hofstätte unter Denkmalschutz zu stellen. Seither ging nichts mehr. Die Eigentümer sind laut Patrick Birrer gemäss Denkmalschutzgesetz jedenfalls verpflichtet, die notwendigen Sanierungsmassnahmen zu treffen. Demnächst wird die Fassade zu richten sein. 

Marcus Büchel: Das Hagen-Haus ist wohl das einzige Haus, das unter Denkmalschutz steht und nicht renoviert ist. Es wird und darf laut Gesetz nicht abgerissen werden. Der Eigentümer muss das Haus nicht renovieren, ist aber verpflichtet, es so zu erhalten, dass es in seiner Substanz nicht Schaden erleidet. Dazu gehört zum Beispiel ein dichtes Dach. Das Haus als solches geht nicht kaputt, höchstens Details wie Fensterläden. Es steht unverrückbar da und bröckelt vor sich hin. Und man macht nichts. 

Das Renovieren alter Objekte steht in Liechtenstein scheinbar nicht sehr hoch im Kurs. Gerade diese machen aber doch den Charme, die Identität eines Dorfes, einer Stadt aus.
Büchel:
Für einen ländlichen Raum war in Liechtenstein sehr viel da. Allein im Zeitraum von zehn Jahren wurden 300 denkmalschutzwürdige Objekte abgerissen. Das sind mehr, als das Städtle Werdenberg zählt. Eine traurige Verlustbilanz. Dieses Tun geht fröhlich weiter. Heuer im August sind wieder zwei solche denkmalschutzwürdige Gebäude verschwunden: Das «Pöstle» in Schaan und das «Kreuz» in Eschen.
Beck-Lingg: Es geht heute leider hauptsächlich um «Optimierung», das Generieren von Platz. So wird mehr Geld verdient. Bei einer Erbteilung will jeder seinen Anteil, der wirtschaftliche Aspekt steht im Vordergrund. Denkmalschutzwürdige Häuser sind meist chancenlos, da eine Renovation mehr Aufwand bedingt und die Besitzer sich nicht von der Denkmalpflege reinreden lassen wollen. An dieser Stelle möchte ich der Gemeinde Planken, die zwei denkmalgeschützte Häuser gekauft und unter Denkmalschutz gestellt hat, ein Kränzlein winden. Es sind wunderbare Objekte, deren Atmosphäre mit keinem noch so teuren  Neubau vergleichbar ist.

In Ihrem Artikel vom 3. September 2013 im Liechtensteiner Seniorenmagazin «60plus» bezeichnen Sie, Dr. Büchel, das Hagen-Haus als architektonisches Juwel. Was macht es so besonders?
Büchel:
Es ist ein typisches klassizistisches Gebäude aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, der Prototyp von vier Gebäuden des Vaduzer Baumeisters Seeger, die es insgesamt im Land gegeben hat. Wohlgemerkt ein bürgerliches Haus, kein Bauernhaus – damals eine Revolution, hypermodern, klassizistisch. Innen ist es völlig intakt, mit einem wunderbaren Treppenhaus und einer Schuhwerkstätte aus dem Jahr 1950, die in ihrer Gesamtheit erhalten war. Dazu ein sehr grosses Tenn und ein Dachraum mit nochmals erheblichen Kubaturen. Obwohl an der verkehrsreichen Hauptstrasse gelegen, ist die Lage als sehr gut zu bezeichnen. Hinter dem Haus erstreckt sich über 300 Meter zum Wald hin eine Bünt. Eine Oase der Ruhe mit schier unglaublichem Potenzial für eine öffentliche Nutzung.

Beck-Lingg: Die Proportionen der Architektur sind analog zum Gubser-Haus in Vaduz. Es waren damals sicher auch Statussymbole, aber man hat Selbstbewusstsein in einer Zurückhaltung gezeigt. Vom Charakter, von der Harmonie her ist es einmalig. Die Innenräume sind sehr geschickt angelegt, die Aussenproportionen des Hauses spiegeln sich auch innen wider. Dazu kommen eine schöne Belichtung und die grosszügige Raumhöhe. Die Form folgt der Funktion.  

Wie sieht der Verein die Zukunft des Hagen-Hauses bzw. welche Optionen gibt es?
Büchel:
Die statutarisch festgelegte Strategie des Vereins lautet: Das Haus soll ins Eigentum der öffentlichen Hand gebracht, von dieser dann umgebaut und schliesslich mit einer sinnvollen Nutzung belegt werden. Es ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil einer Ortsplanung von Nendeln. Es war unser Ziel, dass das Begegnungszentrum im Hagen-Haus eingerichtet wird. Das historische Gebäude hätte sich wunderbar dafür geeignet. Nun ist bekanntlich die Gemeindeabstimmung zugunsten eines Neubaus ausgegangen. Wir hoffen natürlich, dass die neuen Gemeindeverantwortlichen trotz dieses Grossprojektes das Hagen-Haus zu ihrer Sache machen werden. Die zweite Option ist das Land. Dieses signalisierte sein Interesse an der Nutzung der Hofstätte für eine dezentrale Amtsstelle in Verbindung mit einer kulturellen bzw. sozialen Zweckwidmung. Auch das Amt für Kultur, mit dem wir Gespräche geführt haben, hat sich dafür ausgesprochen.

Beck-Lingg: Es stünde dem Unterland gut an, eine Amtsstelle zu haben. An den Randzeiten und an Wochenenden könnte das Haus für kulturelle Zwecke nutzbar gemacht werden. Wir haben diesbezüglich bereits viele Möglichkeiten aufgezeigt und dem Land, das dieses Schnäppchen eigentlich mit Handkuss nehmen müsste, die Papiere zur Verfügung gestellt. 

Wäre auch eine Privatlösung über Sponsoren denkbar?
Büchel:
Wenn alles scheitert, bleibt nur eine Privatlösung. Wir sind nicht die Eigentümer. Wir können uns nur im Sinne eines Fördervereins dafür einsetzen, dass das Haus einem öffentlichen oder gemeinnützigen Zweck zugeführt wird. Nur dann werden überhaupt Mittel zur Verfügung gestellt. Wir haben, ohne Werbung zu machen oder zu suchen, von einer Stiftung, die ihr Geld in kulturelle Werte investiert, eine Million Franken in Aussicht gestellt bekommen, wenn das Projekt realisiert werden würde – egal ob durch Gemeinde oder Land. 

Ihr weiterer Plan?
Beck-Lingg:
Dem Verein sind zurzeit die Hände gebunden, weil eben nichts vorwärtsgeht bzw. alles in der Schwebe ist. Die Vorstellung der Familie geht dahin, dass sie die Liegenschaft durch Bodentausch abzugeben bereit ist. Für die Baulichkeit selbst fordert sie keinen Mehrpreis. Ein leer stehendes Objekt altert, auch trotz hervorragender Substanz. Wir hoffen, dass das Land bald entscheidet. Unsererseits werden wir an der demnächst stattfindenden Vorstandssitzung das weitere Vorgehen besprechen. Gewartet wurde genug. (ge)

09. Dez 2018 / 00:00
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