• Hans Brunhart (rechts) trat nach zehnjährigem Engagement als Gründungspräsident der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts (VLGST) zurück. Er übergibt das Präsidium an Thomas Zwiefelhofer.  (pd)

FL-Stiftungen fördern Projekte mit 190 Millionen Franken

Hans Brunhart (rechts) trat nach zehnjährigem Engagement als Gründungspräsident der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts (VLGST) zurück. Er übergibt das Präsidium an Thomas Zwiefelhofer.

Hans Brunhart, Sie haben den Aufbau der Vereinigung vor fast 10 Jahren initiiert und die Präsidentschaft der VLGST übernommen. Was hat Sie damals bewogen, sich für die gemeinnützigen Stiftungen zu engagieren?
Hans Brunhart:
Zum Zeitpunkt der grossen Erschütterung des Finanzplatzes standen die Stiftungen generell im Zentrum einer oft undifferenzierten Kritik, welche dieses rechtliche Gefäss allein auf das Steuerthema reduzierte. Die Irritationen um die Zukunft des Finanzplatzes haben dazu geführt, dass das Bestehende oft unter seinem Wert gehandelt wurde. In Liechtenstein gibt es grosse und inter­national tätige gemeinnützige Stiftungen, die massgeblich zur Reputation des Finanzplatzes in der Welt beitragen. Und es gibt viele Stiftungen, die im lokalen und regionalen Bereich vor allem auf kulturellem und sozialem Gebiet eine wichtige Rolle spielen. Durch die Gründung einer Vereinigung für gemeinnützige Stiftungen konnten die Stärken des Stiftungsstandorts kommuniziert und die Interessen der gemeinnützigen Stiftungen vertreten werden. So eröffnete eine gute Posi­tionierung der gemeinnützigen Stiftung dem Standort neue Perspektiven.

In den vergangenen Jahren kam es zu einem Anstieg der Zahl der gemeinnützigen Stiftungen, welche heute knapp 1400 beträgt. Welche Ereignisse waren für diese Entwicklung entscheidend?
Thomas Zwiefelhofer:
Eine wichtige Grundlage für die Akzeptanz im Ausland wie auch für die Entwicklung des Stiftungsstandorts ist das 2009 umfassend revidierte liechtensteinische Stiftungsrecht. Es zählt in Europa zum «State of the Art» und ermöglicht sowohl eine grosse Liberalität als auch einen entsprechenden Freiraum bezüglich der Ausgestaltung der Stiftung. Im Rahmen der Revision des Stiftungsrechts wurde eine wirksame Aufsicht eingerichtet, die zusammen mit der obligatorischen Revisionsstelle ein zweistufiges Kontrollsystem bildet. Wichtig ist ausserdem, dass sich das Know-how am Platz kontinuierlich entwickelt. So wurde der Lehrstuhl an der Universität Liechtenstein für Gesellschafts-, Stiftungs- und Trustrecht aufgebaut, der wichtige Beiträge im Bereich der entsprechenden akademischen Forschung und Lehre leistet.

Die Rolle der gemeinnützigen Stiftungen wurde durch die erneute Datenerhebung der VLGST zu Fördervolumen, Projektregionen und Förderbereichen sichtbar. Was sind die Ergebnisse der Umfrage?
TZ:
Die Resultate der Umfrage auf freiwilliger Basis zeigten, dass im Jahr 2018 die 340 an der Umfrage teilnehmenden Stiftungen 190 Millionen Franken an wohltätige Projekte und Institutionen ausgeschüttet haben. 22 Prozent des gesamten Fördervolumens fliesst an Projekte in Liechtenstein und der Schweiz, 75 % an internationale Projekte im weiteren Ausland und 3 % sind geographisch nicht zuordenbar. Die Förderbereiche sind vielfältig und umfassen Bildung, ­Entwicklungszusammenarbeit, Forschung, Gesundheit, Kunst und Kultur, Soziales sowie Umwelt und Klimaschutz. Die Umfrage macht den wichtigen Beitrag der gemeinnützigen Stiftungen zur gesellschaftlichen Solidarität deutlich.

Was lässt sich aus der Datenerhebung der VLGST zum Vermögen der gemeinnützigen Stiftungen in Liechtenstein schliessen?
HB:
Das Vermögen der Stiftungen wurde nicht erfragt und es können auch keine Rückschlüsse auf das Stiftungsvermögen gezogen werden. So ist auch eine Hochrechnung auf den gesamten Stiftungssektor nicht möglich, da die Datenerhebung nur einen Einblick in ein Segment aller gemeinnützigen Stiftungen in Liechtenstein gibt. Trotzdem sind die Resultate der Umfrage aussagekräftig, denn sie zeigen, dass gemeinnützige Stiftungen Projekte und Institutio-nen in allen Lebensbereichen unterstützen und dadurch eine grosse gesellschaftliche Bedeutung haben.

Warum nimmt nur ein Teil der gemeinnützigen Stiftungen in Liechtenstein an der Umfrage teil?
TZ:
In Liechtenstein gibt es 1400 gemeinnützige Stiftungen, wovon rund ein Viertel an der Umfrage teilnahmen. Dieser Rücklauf ist gut, speziell angesichts des Umstands, dass die Umfrage von der VLGST auf freiwilliger Basis durchgeführt wurde.

Warum ist es für den Standort wichtig, dass überhaupt Daten zur Verfügung stehen?
HB: Mit solidem Zahlenmaterial über die Tätigkeit von Stiftungen kann die Vereinigung auf die wichtige gesellschaftliche Bedeutung der liechtensteinischen gemeinnützigen Stiftungen aufmerksam machen. Zahlen schaffen Vertrauen und bringen Anerkennung. Mit einer systematischen Kommunika­tion über Daten und Fakten kann der Stiftungssektor und damit auch der Finanzplatz im In- und Ausland gestärkt werden.

In der Schweiz wurden zuletzt so viele Stiftungen liquidiert wie noch nie. Gibt es in Liechtenstein eine ähnliche Entwicklung und wenn ja, aus welchen Gründen?
TZ:
Auch in Liechtenstein wurden in den letzten Jahren zunehmend mehr gemeinnützige Stiftungen liquidiert, wenn auch auf relativ niedrigem Niveau. Zu Zeiten tiefster Zinsen sind die Erträge zu gering, um den Verwaltungsaufwand zu ­decken, geschweige denn, um gemeinnützige Projekte zu fördern. Es liegt auch die Vermutung nahe, dass es sich bei den Auflösungen überwiegend um kleine Stiftungen handelt, bei denen die Erträge nicht zum Überleben gereicht haben. Im Verlauf der letzten zehn Jahre ­wurden im Schnitt zirka 45 gemeinnützige Stiftungen pro Jahr neu gegründet.

Es gibt immer wieder den Vorwurf, dass sich mit Einlagen in Förderstiftungen bestens Steuern sparen lassen. In der Schweiz gibt es eine Studie, die besagt, dass die eingesetzten Stiftungsgelder der Allgemeinheit weit mehr nützen als Steuergelder verloren gehen. Ist das auch in Liechtenstein so?
TZ: Die Ergebnisse der Schweizer Studie über volkswirtschaftliche Kosten und Nutzen gemeinnütziger Förderstiftungen lassen sich auch für Liechtenstein übernehmen, auch wenn unser Steuermodell ein anderes ist. Förderstiftungen schaffen durch ihre Ausschüttungen an gemeinnützige Projekte einen erheblichen gesellschaftlichen Mehrwert. Dafür räumt der Staat ihnen steuerliche Privilegien ein.

Doch geht diese Berechnung wirklich fiskalpolitisch auf?
TZ:
Die Studie berechnet, wie viel Steuern der Gesellschaft durch die Gründung einer Stiftung entgehen. Dieser Verlust wird dem Gewinn ­gegenübergestellt, den die Gesellschaft in Form von Ausschüttungen der Förderstiftungen zurückerhält. In der Schweiz erreicht das Stiftungsmodell seinen Break-even innerhalb eines Monats bis maximal eineinhalb Jahren. In Liechtenstein wäre das grundsätzlich ähnlich. Ab diesem Zeitpunkt ist die Stiftung für die Gesellschaft nur noch ein gutes Geschäft, denn sie bringt neue Projekte und Ideen ins Rollen.

Welche aktuellen Themen und Trends lassen sich im Stiftungssektor Liechtenstein beobachten?
HB:
Einerseits bilden die zunehmenden Regulierungen und die niedrigen Zinsertrage Herausforderungen für Stiftungen. Andererseits gewinnen die Vernetzung, der Austausch und die Professionalisierung deutlich an Bedeutung. Neben den klassischen Formen des Stiftens beschreiten Stifterinnen und Stifter vermehrt neue Wege der Philanthropie. Das Bewusstsein der Stiftungen wächst, dass sie ihren Stiftungszweck zusätzlich durch nachhaltige Vermögens­anlage erfüllen können. Viele För­derstiftungen sind bestrebt, ihr ­Vermögen nachhaltig und sozial verantwortlich anzulegen, um dadurch eine positive gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. Zunehmend besteht das Engagement von gemeinnützigen Stiftungen nicht nur in der Leistung finanzieller Beiträge, sondern auch im Einbringen von ­Ideen, Know-how und Expertise.

Was bedeutet Philanthropie im weiteren Sinne für Sie persönlich, Herr Brunhart?
HB:
Es ist eindrücklich, wie viel Engagement es in unserer Gesellschaft von Einzelnen und Gruppen gibt, um das Gemeinwohl zu fördern. Dieses Engagement für die Gemeinschaft nennt man Philanthropie. Das Wort Philanthropie stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet Menschenfreundlichkeit. Philanthropie umfasst jede gemeinnützige Handlung, sei es in Form von Spenden oder freiwilligem Engagement. Eine Möglichkeit des solidarischen Handelns besteht in der Errich-tung einer gemeinnützigen Stiftung. Die Stiftung bietet einen geeigneten Rahmen, um dieses philanthropische Engagement zu organisieren.

Hat sich die Arbeit der Stiftungen während der Coronakrise verändert?
HB:
Gemeinnützige Stiftungen sind für viele Institutionen in Liechtenstein und im Ausland unverzichtbare Partner zur Finanzierung von Projekten. Durch die Coronakrise wurden viele dieser geförderten Projekte existenziell betroffen. Viele gemeinnützige Stiftungen wollten ihren Förderpartnern in dieser Ausnahmesituation zur Seite stehen. In Entwicklungsländern tätige liechtensteinische Stiftungen leisteten schnelle und flexible Nothilfe, wie medizinische Versorgungen und Nahrungsmittelausgabe. Mitgliedstiftungen der VLGST unterstützen auch Institutionen und Menschen in Liechtenstein, die sich durch die Krise in schwierigen Situationen befinden.

Abschliessend, was wünschen Sie sich vom Stiftungssektor in Liechtenstein, Herr Zwiefelhofer?
TZ:
Der Philanthropiesektor ist im Wandel, nicht nur in Liechtenstein. Das philanthropische Engagement der nachsten Generation wird hybrider, unternehmerischer und grenzuberschreitender sein. Darauf muss sich der Stiftungssektor vorbereiten. Ich wunsche mir, die Anziehungskraft des liechtensteinischen Stiftungsstandorts beizubehalten und die attraktiven Rahmenbedingungen, die den Stiftungssektor ausmachen, zu stärken und weiterzuentwickeln. (dal)

05. Jul 2020 / 12:00
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