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    Laut Renate Bachmann, Bereichsleiterin Tourismus bei Liechtenstein Marketing, bleibt die Situation für Hotels in der Talregion «wesentlich schwieriger» als für Betriebe im Alpengebiet.  (iStock)

Erste Spuren von Optimismus sichtbar

Die Liechtensteiner Tourismusbranche leckt nach dem Corona-Schock ihre Wunden und erwacht allmählich wieder zum Leben.

Der Blick auf die vergangenen Monate zeichnet ein düsteres Bild für Liechtensteins Hotellerie und Gastronomie. Dabei lag man bis Februar auf Rekordkurs und der bisherige Topwert von insgesamt 63 717 Logiernächten von der Wintersaison 2017/18 schien zu wanken. Im Januar konnten die Hotels im Rheintal und jene im Berggebiet insgesamt 14 171 Logiernächte verbuchen, im Februar waren es sogar 17 622. Doch dann folgte mit dem Coronavirus der tiefe Fall. Am 17. März – mitten in der besten Zeit für das Berggebiet – musste der Winterbetrieb schlagartig eingestellt werden. Landesweit waren es in diesem Monat nur noch 6439 Übernachtungen. Das Ostergeschäft ging mit lediglich 758 Logiernächten komplett verloren und auch die Monate Mai und Juni lagen laut Renate Bachmann, Bereichsleiterin Tourismus bei Liechtenstein Marketing, noch deutlich hinter den Vorjahren zurück. «Die dadurch entstandenen Verluste für die touristischen Leistungsträger sind enorm hoch», sagt sie und erklärt, dass alle Bereiche des Tourismus gleichermassen von Covid-19 betroffen seien: Eine gesamte Branche kam innerhalb weniger Tage komplett zum Stillstand. «Das hat es so in der Geschichte des Tourismus noch nie gegeben.»

Obwohl die Auswirkungen dieser Pandemie noch lange zu spüren sein werden, schöpft der Tourismus gerade im Hinblick auf die Sommermonate wieder Hoffnung. Gemäss Renate Bachmann sind die Hotels im Rheintal und die Alpenhotels auf einem guten Weg. Gerade der alpine Tourismus abseits der Massen liege voll im Trend. Dementsprechend sei auch die Nachfrage vor allem nach Hotels im Berggebiet für die Monate Juli und August zufriedenstellend.

Gäste stammen hauptsächlich aus der Schweiz
«Jeden Morgen kamen neue Stornierungen hinzu», schildert Rainer Lampert vom Wellnesshotel Turna die Lage der vergangenen Wochen. 90 Prozent der Buchungen seien in dieser Zeit annulliert worden – «eine deprimierende Zeit», fasst der Hotelbesitzer zusammen. Doch jetzt sieht er ein Licht am Ende des Tunnels: Das Hotel ist während der Sommerferien gut gebucht und immer wieder flattern auch kurzfristige Anfragen ins Haus. Das Wellnesshotel wird über die Sommermonate vor allem Gäste aus der Schweiz und vereinzelt auch aus Deutschland empfangen. Besucher aus dem weiter entfernten Ausland werden zumindest während dieser Zeit wohl eher nicht in Malbun anzutreffen sein. «In den vergangenen Jahren war ich diesbezüglich sehr verwöhnt. Die Gäste kamen von überall. Doch dafür ist die Lage momentan zu unsicher», erklärt Lampert.

Zumindest ist aus seiner Sicht erfreulich, dass einige seiner Stammgäste, die ansonsten in den Wintermonaten im Hotel absteigen, sich nun für den Sommer angekündigt haben, um Liechtensteins Bergwelt von einer anderen Seite kennenzulernen. «Ich bin noch nicht ganz zufrieden, aber zumindest optimistisch», sagt Rainer Lampert. Eine ähnliche Bilanz für die Monate Juli und August zieht Volker Schönherr, Hoteldirektor des Familienhotels Gorfion: «Gut ist die Lage erst dann, wenn mein Haus wieder gefüllt ist. Situationsbedingt bin ich zumin­dest zufrieden.»

Während im Hotel Turna die Buchungen für September und Oktober noch schleppend laufen, wird sich im «Gorfion» die Auslastung in diesen beiden Monaten laut Schönherr etwa auf Vorjahresniveau bewegen. Auch er zählt dabei vor allem auf Gäste aus der Schweiz.

Die Buchungslage für die Periode von Ende August bis Mitte Oktober ist gemäss Renate Bachmann für die Tourismusbranche die entscheidende Phase, um den Schaden schliesslich beziffern zu können. Eine Prognose kann die Tourismus-Chefin diesbezüglich aber noch nicht stellen: «Es bleibt abzuwarten, wie sich der Tourismus in den nächsten Monaten entwickelt.»

Mit den Urlaubsausgaben noch sehr zurückhaltend
Nach und nach wurden in den vergangenen Wochen die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus gelockert. Mittlerweile ist Liechtenstein in der sogenannten «neuen Normalität» angekommen. Sie bringt laut Bachmann einerseits Erleichterung, andererseits bleiben die Vorsichtsmassnahmen und die Ungewissheit. «Mit der Errichtung der neuen Erlebniszonen in Malbun gehen wir deshalb neue Wege.» Den Gästen sollen Aktivitäten angeboten werden, die sie jederzeit entspannt und unter Einhaltung des Abstandsgebotes geniessen können. «Wir hoffen, dass mit diesem neuen Erlebniskonzept das zarte Pflänzchen ‹Erholung aus der Krise› weiter gut gedeihen kann. Derzeit stehen die Vorzeichen ganz gut», zeigt sich die Tourismus-Chefin zuversichtlich.

Zusätzlich bewirbt Liechtenstein Marketing derweil intensiv den Schweizer Markt sowie den Grossraum München. Auch Einheimische sollen für die hiesige Bergregion begeistert werden. «Es freut uns selbstverständlich sehr, dass unsere Betriebe bereits feststellen konnten, dass diese Massnahmen greifen.» Obwohl der Konkurrenzdruck innerhalb der Grenzregion hoch sei, sieht Renate Bachmann aufgrund der Kleinheit Liechtensteins sehr gute Chancen in diesen Märkten.

Nichtsdestotrotz wird die Liechtensteiner Tourismusbranche die Auswirkungen der Coronapandemie noch sehr lange spüren. Wesentlich wird sein, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. «Wir alle hoffen, dass es keine zweite Welle gibt. Das wäre für den Tourismus eine Katastrophe», erklärt die Tourismus-Chefin und ergänzt: «Wir stellen allerdings bereits jetzt fest, dass sich das Konsumverhalten der Gäste stark verändert hat.» Naturerlebnisse sind wesentlich stärker gefragt als der Städtetourismus. Und die Reisebranche musste schmerzlich erfahren, dass die Gäste bei ihren Urlaubsausgaben sehr zurückhaltend sind – die wirtschaftliche Unsicherheit ist deutlich spürbar. «Nicht zuletzt wird auch massgebend sein, wie die durch Covid-19 vorangetriebene Digitalisierung unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben verändert.»

2021 wird ebenfalls eine Herausforderung darstellen
Auf die Frage, wann sich der Tourismus im Berggebiet vollständig von der Krise erholt haben wird, antwortet Bachmann, dass Prognosen zur Zeit reine Spekulation seien. «Wir gehen aber davon aus, dass auch das Jahr 2021 sehr herausfordernd sein wird.» Die Begründung: Viele Länder in Europa und in Übersee würden noch mitten in der Pandemie und den damit verbundenen Turbulenzen stecken. In Europa wird für den Tourismus matchentscheidend sein, wie sich die Wirtschaft und das Bruttoinlandprodukt innerhalb der EU erholen. «Kommt es zu neuerlichen Ausbrüchen innerhalb unserer Märkte Schweiz und Deutschland und kann sich die Wirtschaft nur zögerlich aus der Rezession befreien, wird es auch für den Tourismus sehr schwierig wer­den.» Weltweit rechnet die gesamte Tourismuswirtschaft überdies erst bis Mitte 2023 mit einer weitestgehenden Erholung.

Vermehrt Tagesgäste aus deutschsprachigem Raum
Rund 1100 Höhenmeter tiefer, im Talgebiet, erwacht der Fremdenverkehr nur ganz zaghaft wieder zum Leben. Im Städtle Vaduz – neben Malbun unbestritten Liechtensteins touristischer Hotspot – sind laut Renate Bachmann aktuell zwar wieder vermehrt Tagesgäste aus der Schweiz, Deutschland und Österreich anzutreffen. Allerdings umfasst der Kreis der ausländischen Gäste fast nur Individualreisende. «Gruppenreisen oder Busankünfte können wir derzeit praktisch noch keine verzeichnen. Hier haben wir die ersten Buchungen erst für den Herbst. Der ­gesamte Gruppentourismus aus den Überseemärkten wird voraussichtlich das ganze Jahr ausbleiben.» Auch der für die Talregion besonders wichtige Geschäftstourismus läuft gemäss der Bereichsleiterin Tourismus bei Liechtenstein Marketing «nur zögerlich» an.

Entsprechend kann Bachmann auch bezüglich der Auslastung der Hotels gegenwärtig keine signifikante Verbesserung verkünden. Die Buchungssituation habe sich etwas entspannt und entwickle sich positiv, sagt sie mit der gebotenen Vorsicht. Wobei sich der Anteil der Leisure-Gäste – jener Touristen also, die nicht zu Geschäftszwecken ins Land reisen – merklich erhöht hat, wie sie ergänzt. Womöglich deutet sich hier eine Teilsubsitution der verlorengegangenen Businesstouristen durch ein anderes Gästesegment an. Man werde diesen Trend auf alle Fälle nachhaltig abzusichern und entsprechend zu verstärken versuchen, betont Bachmann denn auch. «Gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass auch der Geschäftstourismus in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas zulegen kann.»

Eine solche Entwicklung wäre auch sehr im Sinne der auf Businessreisende fokussierenden Hotelgruppe B-Smart Selection, die mit dem B-Smart-Hotel in Bendern, dem Hotel Meierhof in Triesen sowie dem in der Residenz gelegenen «Vaduzerhof» drei Hotels im Fürstentum betreibt. Nach den massiven Umsatzrückgängen der Vormonate – 90 Prozent in der zweiten Märzhälfte, 80 Prozent im April und 70 Prozent im Mai – kann Tamara Weishaupt, Verantwortliche für Marketing und Kommunikation, aktuell zumindest eine leichte Entspannung erkennen. «Es ist besser geworden, definitiv», sagt sie. «Langsam zieht das Geschäft wieder ein wenig an.»

Eine belastbare Prognose für die kommenden Tage will sie daraus allerdings nicht ableiten. Vor allem des­halb, weil das Buchungsverhalten sich seit der Krise durch eine extreme Kurzfristigkeit auszuzeichnen scheint. «Ein Stück weit sind wir das von Geschäftsreisenden ja gewohnt», sagt Weishaupt. «Aber jetzt ist das noch viel ausgeprägter.» Damit zusammenhängend fehle es dem Geschäft derzeit an jeglicher Konstanz. «Ein Ausblick ist vor diesem Hintergrund kaum möglich.» Die Signale aus der Wirtschaftswelt deuten aber tendenziell auf weitere herausfordernde Monate hin. «Die Firmen sind in Sachen Geschäftsreisen teilweise doch noch sehr zurückhaltend», weiss Weishaupt. «Instrumente wie Homeoffice und Videokonferenzen haben sich bewährt.»

Grosse Schwankungen bei den Buchungen
Gerade die fehlende Konstanz ist gemäss Sandra Abbrederis auch das Hauptcharakteristikum der gegenwärtigen Buchungssituation im Hotel Résidence. «Mal hast du vielleicht 20 oder 30 Gäste, dann aber auch wieder deutlich weniger», berichtet die Geschäftsführerin. Klar, gegenüber der Zeit, als die Massnahmen gegen die Ausbreitung der Coronapandemie den Tourismus komplett stillstehen liessen, kann auch in diesen Schwankungen eine gewisse Entspannung erkannt werden. «Wir freuen uns über jeden Gast.» Doch alles in allem ist die Auslastung mit aktuell durchschnittlich 15 bis 20 Prozent eben bei Weitem nicht genug, um damit nur schon die anfallenden Kosten zu bestreiten. «Erleichterung», sagt Abbrederis deshalb, «verspüre ich aktuell nicht.»

Und sie glaubt auch nicht daran, dass sich diese nun über den Sommer einstellen wird. «Mein Gefühl sagt mir, dass sich die Kriseneffekte jetzt erst richtig zeigen werden», sagt die Geschäftsführerin. Es sei nach wie vor viel zu viel Unruhe vorhanden. Die Verunsicherung bei den Menschen werde noch länger anhalten. Gerade im Juli und August lautet die Losung für sie deshalb: Kosten tief halten und irgendwie durchkommen. Wirkliche Besserung verspricht dann der Herbst. «Im September sind wir sehr gut gebucht, und auch im Oktober sieht es nicht schlecht aus», so Abbrederis. «Ab dann können wir dann etwas positiver in die Zukunft blicken.» Freilich immer unter dem Vorbehalt, dass keine neue pandemische Situation eintritt. (jka/bo)

04. Jul 2020 / 10:30
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