• Pro Tag legte Johannes Maria Schwarz auf seiner 4000 Kilometer langen Reise durchschnittlich 38 Kilometer und 1500 Höhenmeter zurück.

38 Kilometer und 1500 Höhenmeter pro Tag

Fünf Jahre, nachdem der ehemalige Triesenberger Kaplan Johannes Maria Schwarz zu Fuss nach Jerusalem pilgerte, legte er letztes Jahr weitere 4000 Kilometer auf der Via Alpina Sacra von Norditalien quer durch die Alpen bis nach Südfrankreich zurück.

Nach der Fussreise nach Jerusalem waren Sie erneut mehrere Monate auf Wanderschaft. Wie kam es dazu?
Johannes Maria Schwarz: Ich bin seit meiner Studentenzeit viel unterwegs. Zum ersten Mal
war ich nach meinem Studium 1998  für längere Zeit auf dem St. Jakobsweg unterwegs, ohne Rucksack und ohne Geld. Da meine Arbeit im Moment im Medienbereich ist, habe ich mir überlegt, wie ich dies mit meiner Wanderleidenschaft verbinden kann. So entstand die Idee zur Via Alpina Sacra, ein Pilgerweg, der zu den grössten, schönsten, ältesten, höchstgelegenen und bedeutendsten Wallfahrtsorten, Kirchen, Klös­tern und Heiligtümern des Alpenbogens führt.  

Was fasziniert Sie daran, wochen- oder monatelang unterwegs zu sein?
Ich glaube, es gibt kaum eine Predigt, die ich nicht beim Gehen geschrieben hätte. Ich bin wohl schon seit meiner Kindheit ein Umhergeher. Ich kann gut nachdenken, wenn ich unterwegs bin. Gehen hat einen eigenen Rhythmus. Im Alltag, gerade auch als Priester, variiert der Rhythmus sehr stark. Auf einer Pilgerreise wird der Tagesablauf sehr einfach. Man steht auf, betet, isst, geht, schläft und wiederholt es. Das Leben wird konzentrierter. Alles reduziert sich. Das ist für mich sicher ein Reiz des Unterwegsseins, diese Reduktion – nicht nur von dem, was ich brauche, sondern auch, wie mein Tag aussieht. 

Kaplan Johannes Maria Schwarz vor der höchstgelegenen Kapelle der Alpen.

Sie erkundeten kürzlich die Via Alpina Sacra. Was waren die prägendsten Erlebnisse? 
Es ist nicht leicht, ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen. Sehr bestimmend war für mich auf dieser Reise das Wetter. Ich glaube, ich hatte von 125 Tagen 85 Tage Regen oder Gewitter. Gewitter haben zwar den Vorteil, dass sie nicht den ganzen Tag andauern. Aber weil man nicht genau weiss, wann sie kommen, hat man den ganzen Tag Stress. Man muss überlegen, ob man auf einen Pass noch hochsteigen kann oder ncht. Das Wetter hat dieses Mal sehr viel Druck auf mich ausgeübt, weil ich für zwei Buchprojekte und die Videoreihe gute Aufnahmen machen wollte und die Durchführbarkeit der extrem langen Route im kurzen Alpensommer generell lange fraglich war. 

Sind Sie dabei auch an Ihre Grenzen gestossen?
Durchaus. Gerade was meine Geduld und meine Leidensfähigkeit betrifft. Es ist nicht immer schön, wenn man geht. Es tauchen die Schwächen auf, die man im normalen, geordneten Alltag weniger merkt. Wenn man seinen Komfort verlässt und der Natur ausgeliefert ist, merkt man seine Kleinheit und auch den kleinen Mut. Ich kann mich noch gut an eine Szene an Tag 50 erinnern, wo mich nach einem wunderschönen Morgen über dem Nebelmeer neuerlich ein extrem heftiges Gewitter erwischte. Den ganzen ersten Monat hat es praktisch nur geregnet oder gewittert. In dieser Zeit hat sich so viel angestaut. Das «Ich will nicht mehr» oder «Kann es nicht einfach einmal eine Woche schön sein?» brach einfach aus mir heraus. Und wenn man da so jammernd im Regen sitzt, ist das im Nachhinein auch ziemlich beschämend. Dafür war das erste Mal, als ich vier Tage kein Gewitter hatte, wirklich grossartig. 

Kaplan Johannes Maria Schwarz

Und die schönsten, prägendsten Erlebnisse?
Reich beschenkt wurde ich durch die vielen wunderbaren Orte, die ich besuchen durfte, und durch die Geschichten, die ich dort entdeckte. Aber auch die persönlichen Einblicke in die Biografien von Menschen, die vor einem an solchen Orten gebetet haben. Ich habe Tausende Votivbilder betrachtet. Solche Bilder wurden von Menschen zum Dank für eine Gebetserhörung in Auftrag gege­ben, von kaum bekannten Künstlern in verschiedensten Stilen gemalt und dann als Gabe an den Wallfahrtsort gebracht. Diese Spuren des Wirkens Gottes im Leben der Menschen verbindet all diese Orte über den Alpenraum hinweg. Das war sehr berührend. Und ich habe mich natürlich auch selbst bei den Betern eingereiht. Ich hatte gut 1500 Gebetsanliegen von Menschen mitbekommen und jeden Tag bei den Wallfahrtsorten ein gutes Duzend von diesen ins Gebet genommen. Was wo drankam, wurde zuvor vom Computer zugelost. Die Leute bekamen dann eine E-Mail, wenn es so weit war. So konnte man sich im Gebet verbinden und ich habe während der Reise viele schöne Rückmeldungen erhalten. 

Was nehmen Sie jeweils von ihren Pilgerreisen mit?
Ausser Blasen (lacht)? Schöne Begegnungen natürlich – ge­ra­de auch solche, bei denen ich als Seelsorger in Anspruch genommen werde für Messen, Beichten und Gespräche. Aber ich nehme, wie schon angedeutet, auch immer eine geläuterte Selbsterkenntnis mit. Das ist der nicht so angenehme und dennoch wichtige Teil. Manchmal wähnt man sich schon gereift und geduldig. Und dann hatte ich am vorletzten Tag nochmals fürchterliches Wet­ter, es wurde mir alles abverlangt. Alles ging schief, der Weg war mühsam und zuge­wach­sen, ich habe kein Quar­tier gefunden und musste im Platzregen nochmals das Zelt aufbauen. Alles war nass, das Handy mit der Navigation hat nicht mehr geladen ... Ich habe mich schon so ruhig und gelassen gefühlt am Ende dieser langen Reise und dann wurde mir am Schluss nochmals gezeigt, wo ich wirklich stehe. Und das war leider nicht dort, wo ich ge­dacht habe. Daher ist so eine Reise auch immer ein Barometer dafür, wo ich mit meinen Schwächen stehe. Das ist demütigend, aber gerade das hat ja auch seinen Wert. Ich nehme aber auch viel Dankbarkeit mit für die Schönheit, die es gibt, für die Begegnungen, die Impulse, die man bekommt – auch was den Glauben betrifft. Man nimmt aber auch eine gewisse Einfachheit mit. Durch die beim Reisen notwendige Reduktion sieht man, dass man eigentlich sehr wenig braucht.

Auch dieses Mal haben Sie einen Film gedreht. Wie sieht dieser aus?
Der hundertminütige Film erzählt von den Höhen und Tiefen, Gipfeln und Tälern, Geschichten und Abenteuern dieses Wegs. Dabei habe ich den Rat eines Kollegen befolgt – nämlich immer dann zu filmen, wenn es schwierig wird. Es sind genau die schwierigen Situationen und wie es einem damit geht, was die Leute interessiert. Der Film ist also, anders als mein Jerusalem-Film, nicht still, sondern erzählt die Reise auf eine andere und zugleich konventionellere Weise.   

Wie kommen ihre Extremwanderungen bei Priesterkollegen an? Sind solche Auszeiten gerne gesehen? 
Diese letzte Reise war im Grunde keine Auszeit, sondern eine Dienstreise im Rahmen meiner aktuellen Freistellung für Medienarbeit. Es gibt sicher Priesterkollegen, die mit ihrer Zeit etwas anders machen würden, oder sagen, man würde Priester woanders brauchen. Was ich mache ist ein Versuch, Menschen zu erreichen, die man in der Kirche nicht mehr erreicht. Oder gläubige Menschen zu stärken, die auch in der heutigen Diaspora Hunger nach Glau­ben haben. Ich glaube, wenn ein Priester das sieht, dann sehen sie auch den Wert in dem Ganzen. Ich werde eingeladen, auf Bühnen vor bis zu 1000 Menschen zu sprechen, von denen die allermeisten ihren Sonntag anders als ich verleben. So sehe ich es als ein Geschenk, dass ich durch meine Projekte manche jener erreichen kann, die sonst wohl keinen Bezug zur Kirche mehr haben.  

Da kommt die Frage auf: Wie finanzieren Sie ihre teils monatelangen Reisen?
Über meine Reise nach Jerusalem habe ich bereits viele Vorträge gehalten und habe Preise bei einem wichtigen Vortragsfestival gewonnen. Seither werde ich von Veranstaltern im deutschen Sprachraum viel gebucht und das Interesse an den Büchern ist erfreulich gross. Hinzu kommt, dass mein Leben hier in den Bergen sehr einfach ist. Ich wohne in einem Steinhäuschen und brauche ausser Joghurt und Haferflocken nicht viel zum Leben. So geht sich das Leben und auch der eine oder andere Pilgerweg aus.

Früher waren Sie ja Kaplan in Triesenberg. Planen Sie, demnächst in eine Pfarrei zurückzukehren? 
Im Moment nicht. Einmal im Jahr gehe ich zu Bischof Haas, zeige ihm meine Projekte und stelle ihm meine Pläne vor. Es ist mir wichtig, dass meine Projekte seinen Segen haben. Im Moment hab ich noch Ideen, was man machen könnte. Es gibt Video- wie auch Glaubensverkündigungsprojekte, die ich noch realisieren möchte. In zwei Jahren werden wir sehen, was davon gelungen ist. Gehen mir die Ideen aus oder werde ich langsam zu alt, um effektiv mit Menschen über Youtube oder andere soziale Medien zu kommunizieren, wird sich sicher etwas Neues ergeben. Ich unterrichte ja bereits jetzt nebenbei und halte Vorlesungen. Und wenn meine Zeit hier in der Einsiedelei zu Ende gehen sollte, dann finde ich im akademischen Bereich oder in der Pfarrseelsorge sicher irgendwo die Möglichkeit, mitzuhelfen. 

Buch- und Filmpräsentation: 8. November, 20 Uhr, Dorfsaal Triesenberg 

15. Okt 2019 / 15:36
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