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Zehn Jahre Verein Sternenkinder

Vom Schweigen zur Sichtbarkeit

Als der Verein Sternenkinder  vor zehn Jahren gegründet wurde, sprach kaum jemand über Fehlgeburten und Kindsverlust. Präsidentin Anouk Joliat blickt zurück.
Der Vorstand des Vereins Sternenkinder: Anouk Joliat, Caroline Kindle, Janina Lippuner, Sandra Tschenett, Maja Nägele und Bettina Hofmänner (v. l.). (Bild: Daniel Schwendener)
Verein Sternenkinder in Balzers
Anouk Joliat, Präsidentin des Vereins Sternenkinder in Liechtenstein. (Bild: Daniel Schwendener)

Eine Blumenwiese statt eines klassischen Grabfelds. Dazwischen Bronzesterne, manche mit eingravierten Vornamen, zwei grosse Findlinge und ein Weg, der sie miteinander verbindet. Der «Sternenweg» auf dem Vaduzer Friedhof wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Ort der Trauer. Und genau das war die Absicht. Vor zehn Jahren entstand hier ein Platz für Kinder, die viel zu früh verstorben sind – und für Eltern, die oft nicht wussten, wohin mit ihrer Trauer. Heute ist das Gemeinschaftsgrab weit mehr als ein Bestattungsort. Es steht für einen Wandel, den Vereinspräsidentin Anouk Joliat in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat.

Verein Sternenkinder in Balzers
Anouk Joliat, Präsidentin des Vereins Sternenkinder in Liechtenstein. (Bild: Daniel Schwendener)

Der Verein Sternenkinder Liechtenstein entstand aus einer persönlichen Erfahrung. Als Hebamme und heutige Vereinspräsidentin Anouk Joliat selbst eine Fehlgeburt erlitt, stellte sich ihr eine Frage, die viele Betroffene kennen: Was geschieht mit einem Kind, das früh in der Schwangerschaft stirbt? «Ich kannte aus Basel Gemeinschaftsgräber für Sternenkinder und merkte damals: So etwas fehlt in Liechtenstein», erinnert sie sich. Sie begann, mit anderen Betroffenen zu sprechen. Eine von ihnen war Maja Nägele.

Gemeinsam mit weiteren Interessierten entstand eine Gruppe, aus der später der Verein hervorging. Damals war das Thema noch deutlich stärker tabuisiert als heute. «Man sprach kaum darüber, auch weil manche das Gefühl hatten, etwas falsch gemacht zu haben», sagt Joliat. Schuldgefühle, Scham oder die Angst, andere mit dem eigenen Schmerz zu belasten, hätten viele Betroffene schweigen lassen. Hinzu kamen gesellschaftliche Erwartungen: Schwangerschaften sollten unkompliziert verlaufen, Kinder gesund zur Welt kommen. Wer ein Kind verlor, passte oft nicht in dieses Bild. Die Trauer blieb privat und häufig unsichtbar.

Der Sternenweg als Ort der Erinnerung

Schon früh war den Initiantinnen und Initianten klar, dass sie nicht einfach ein Grab schaffen wollten. Der Ort sollte niederschwellig, kostenlos und für alle offen sein – unabhängig von Religion, Herkunft, Schwangerschaftswoche oder persönlicher Geschichte. Die Suche nach einem geeigneten Platz führte über verschiedene Friedhöfe im Land. Schliesslich stellte die Gemeinde Vaduz einen Standort zur Verfügung. Was den Verein bis heute erfreut: Trotz des sensiblen Themas stiess das Projekt kaum auf Widerstand. 

Aus der Idee entstand der «Sternenweg», gestaltet von der Künstlerin Katharina Bierreth von Hartungen. Die naturnahe Blumenwiese wurde bewusst gewählt.

Sie verändert sich mit den Jahreszeiten, blüht mal üppiger, mal zurückhaltender und steht für Leben, Vergänglichkeit und Erinnerung.

Bestattet werden können Sternenkinder unabhängig davon, ob sie vor oder nach der 23. Schwangerschaftswoche verstorben sind. Auch anonyme Bestattungen sind möglich. Hebammen können Kinder dem Verein übergeben, und selbst nach frühen Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüchen soll ein Abschied möglich sein. Musik, Briefe, Fotos oder kleine Erinnerungsstücke begleiten viele Bestattungen. «Eltern werden gesehen in ihrem Verlust. Das ist unglaublich wichtig», betont Joliat.

Ein Vater habe dem Verein später erzählt, die Abschiedsfeier sei so würdevoll gewesen, dass seine Trauer danach nur noch halb so schwer gewesen sei. Bis Mai dieses Jahres fanden 78 Sternenkinder auf dem Gemeinschaftsgrab ihre letzte Ruhestätte.

Zehn Jahre später: Der Auftrag bleibt derselbe

In den vergangenen Jahren habe sich viel verändert, sagt die Vereinspräsidentin. Betroffene würden häufiger über ihre Erfahrungen sprechen, auch soziale Medien hätten dazu beigetragen, dass Fehlgeburten und Kindsverlust sichtbarer geworden seien. «Zudem wird der Verlust heute häufiger als gemeinsame Erfahrung beider Eltern wahrgenommen.» Ganz verschwunden sei das Tabu dennoch nicht. Umso wichtiger sei es, betroffenen Familien einen Ort zu geben, an dem ihre Trauer Platz habe. Das Gemeinschaftsgrab zeige: Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein, und ihre Kinder werden nicht vergessen.

Am 11. Juni feiert der Verein Sternenkinder sein 10-jähriges Bestehen. Im Mittelpunkt stehen Rückblicke, Musik und Austausch – bewusst nicht traurig, sondern gemeinschaftlich. «Wir möchten feiern, dass Sternenkinder heute einen Platz haben – auf dem Friedhof, aber auch im öffentlichen Bewusstsein», sagt Anouk Joliat. Geblieben sei vor allem ein Auftrag: «Wir wollen weiterhin für jene da sein, die uns brauchen. Das ist unser Antrieb.»

Jubiläumsfeier am 11. Juni, 18 Uhr, im Rheinbergerhaus in Vaduz. Weitere Infos unter www.sternenkinder.li.

 

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