• Lernen
    Lernen will gelernt sein.  (HbrH)

Wenn das Lernen zur Qual wird

Manche Kinder lernen leichter, andere kämpfen mit Lernbarrieren. Woran das liegen könnte, weiss Lerncoach Angelika Seger.
Vaduz. 

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir», heisst ein Sprichwort. Eltern sind daher bestrebt, ihre Sprösslinge möglichst gut durch die Schule zu bringen, denn: Wer gute Noten hat, hat es später – so die Hoffnung – im Leben leichter. Doch für gute Noten muss man lernen. Und mit dem Lernen ist das so eine Sache: Es ist manchmal mühsam und oft fehlt dafür die nötige Motivation. Viele Kinder starten noch völlig begeistert in die Schule. Neugierde treibt sie an. Doch diese weicht bei so manchem bald dem Schulfrust. «Wir müssen uns bewusst machen, dass Kinder mit Lernproblemen mehr als andere Anerkennung, Wertschätzung und Respekt verdienen, da sie sich tagtäglich ihren Defiziten stellen. Wer von uns Erwachsenen würde das freiwillig machen?», sagt Angelika Seger, Dipl. Lerncoach in Vaduz. Sie geht Ursachen von Lern- und Verhaltensproblemen auf den Grund und lenkt bei ihrer Arbeit den Blick nicht auf einzelne Leistungen, sondern auf die körperlichen Voraussetzungen, also den Entwicklungsstand der Kinder und versucht bessere Voraussetzungen zu schaffen.

Wenn sich Kinder in der Schule und beim Lernen schwertun, kann das viele Ursachen haben, weiss die Expertin. «Bei manchen sind die Defizite so gross, dass einfache Lernhilfen, wie zum Beispiel lerntypgerechtes Lernen nicht greifen oder ausreichen, weil die Ursachen viel tiefer liegen. Hier braucht es manchmal eine intensive, länger dauernde Nachreifungstherapie, wie zum Beispiel die Neuromotorische Entwicklungsförderung INPP oder ein individualisiertes Hörtraining. Diese Trainings-Programme nutzen die Plastizität des Gehirns und bieten diesem eine zweite Chance, neue Vernetzungen zu bilden», erklärt Angelika Seger.

Lernen mit allen Sinnen
Um zu verstehen, weshalb es beim Lernen nicht klappt, muss man erst verstehen, wie Lernen funktioniert. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Lerntypen: dem visuellen Typ, der gut durch Lesen lernt, dem auditiven Typ, der sich Gehörtes gut merken kann und dem kinästhetischen Typ, der am besten durch Schreiben lernt. «Ihm ist aber auch das emotionale Wohlbefinden in Lernsituationen wichtig. Es sind oft Kinder, die besser in Partnerarbeit lernen.» Beim Lesen, Schreiben und Sprechen bzw. Hören werden jeweils andere Bereiche im Hirn angesprochen. Wird mit allen Sinnen gelernt, werden die Informationen in verschiedenen Bereichen abgelegt, was es einfacher macht, die Informationen wieder abzurufen.

«Es kann sein, dass der eigentlich stärkste Aufnahmekanal ein Defizit aufweist. Wenn zum Beispiel beim  auditiven Lerntyp eine auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung vorliegt. Hier kann ein individualisiertes Hörtraining eine gute Möglichkeit sein, das Kind zu unterstützen», erklärt Angelika Seger.

Ein kinästhetischer Lerntyp, der die Vokabeln nur durch wiederholtes Lesen versucht, zu lernen, wird sich schwertun, diese schriftlich wiederzugeben. «Schreiben ist für ihn besonders wichtig. Denn dabei werden viele Muskeln und Gelenke beansprucht, wodurch viele Bewegungsbahnen in verschiedenen Regionen im Gehirn angesprochen werden», weiss die Lernberaterin.

«Bewegung ist fundamental»
Lernen ist eine komplexe Angelegenheit, bei der Informationen über die Sinne aufgenommen und im Gehirn verarbeitet werden. Das klappt beim einen besser als beim anderen – und bei manchen irgendwie überhaupt nicht. «Dahinter kann eine Unreife stecken», erklärt Angelika Seger.

Die Ursache für eine solche Entwicklungsverzögerung kann eine mangelnde Ausreifung der frühkindlichen Reflexe sein. «Wir wissen, dass sich das Gehirn bzw. das zentrale Nervensystem aufgrund von sensorischen und motorischen Sinnesreizen entwickelt. Diese werden durch Bewegung ausgelöst. Bewegung ist daher für die Entwicklung des Gehirns fundamental», sagt der Lerncoach. Die Bewegungsentwicklung beginnt bereits im Uterus und wird von den frühkindlichen Reflexen vorangetrieben. Es handelt sich dabei um unwillkürliche Reaktionen auf die inneren oder äusseren Reize des Neugeborenen.

Wenn diese Reflexe ihre Aufgabe erfüllt haben, werden sie gehemmt und durch kontrollierbare Bewegungen ersetzt. Wird dieser Entwicklungsablauf gestört, wirkt sich das auf die Entstehung, Ausreifung und Unterdrückung weiterer Reflexe aus und beeinträchtigt damit die Entwicklung des zentralen Nervensystems. «Die frühkindlichen Reflexe sitzen tief im Stammhirn. Kinder, bei denen einer dieser Reflexe noch wirkt, kämpfen also gegen körperliche Reaktionen, die sie nicht kontrollieren können», erklärt die Expertin. So kann ein gesundes ­intelligentes Kind in unterschiedlichsten Bereichen seiner Entwicklung – Bewegung, Wahrnehmung, Verhalten, emotionale, kommunikative und soziale Kompetenz, Lernen usw. – empfindlich beeinträchtigt werden.

Bei manchen Kindern macht sich eine neuromotorische Unreife sehr deutlich bemerkbar. Sie haben zum Beispiel Konzentrationsprobleme, können nicht stillsitzen, haben Probleme beim Sprechen, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Die Auffälligkeiten können sehr ­vielfältig sein. Oft macht sich die Unreife erst in der Schule bemerkbar. Betroffene Kinder haben Probleme beim Lesen, können sich das Gelesene nicht merken oder verdrehen Buchstaben beim Schreiben. «Das sind nicht selten ganz intelligente Kinder, die sich sehr wohl bewusst sind, dass mit ihnen etwas nicht stimmt», weiss Angelika Seger.

Mehr Bewegung und weniger Mattscheiben
Diverse Studien weltweit belegen, dass etwa 30 Prozent der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung nicht schulreif sind und zum Teil noch unter den Auswirkungen unreifer Bewegungsmuster leiden. «In den vergangenen Jahren wurden es immer mehr», stellt die Lernberaterin fest. Gründe dafür gebe es verschiedene. Ein Stück weit kann man dies gar nicht beeinflussen. Denn schon Stress während der Schwangerschaft, eine schwere Geburt oder ein Trauma in frühen Kindertagen können die Ursache für eine neuromotorische Unreife sein. Kritisch sieht die Lernpädagogin da ganz stark den Umgang mit den neuen Medien. «Kinder müssen sich bewegen und mit ihren Sinnen die Welt entdecken.» Stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen oder mit dem Tablet zu spielen, beeinträchtige die Entwicklung merklich. «Auch zu grosse Anforderungen, die schon ganz früh an die Kinder gestellt werden, wirken sich negativ aus», weiss die Expertin. Sie rät, natürliche Entwicklungsschritte zuzulassen, den Kindern Zeit und Raum zu lassen und nichts zu forcieren, zum Beispiel keine Laufhilfen anzubieten, sondern das Kind krabbeln zu lassen. Gerade beim Krabbeln werden viele Vernetzungen im Gehirn und wichtige Voraussetzungen für das schulische Lernen angelegt.

Doch was tun, wenn das Kind an einer neuromotorischen Unreife leidet? «Das muss von Fall zu Fall betrachtet werden. Es kann gut sein, dass dieser Unreife noch frühkindliche Reflexe zugrunde liegen. Diese können mit der vorgenannten Therapie, mit einfachen Übungen angegangen werden», weiss Angelika Seger besorgte Eltern zu beruhigen. «Ich wünsche vor allem den Erstklässlern, aber auch den grösseren Kindern, morgen einen guten Schulstart, bei dem wir trotz geforderten Leistungen nicht vergessen, den liebevollen Blick auf deren Gesamtentwicklung zu bewahren.» (sms)

17. Aug 2019 / 18:41
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