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Was ist recht und unrecht?

Wir wollen gute Menschen sein – zumindest versuchen wir es. Was moralisch Korrekt ist, ist in allen Gesellschaften tief verankert und gilt teilweise als selbstverständlich. Trotzdem stecken hinter unseren guten Taten manchmal keine selbstlosen Gründe. Denn die moralische Urteilsfähigkeit ist bei jedem individuell ausgeprägt.

Die meisten von uns haben ein Verständnis davon, was anständig ist und was in der Gesellschaft als verwerflich gilt. Dabei ist die Übereinstimmung bei moralischen Idealen erstaunlich hoch – egal ob Mann oder Frau, alt oder jung, arm oder reich, man ist sich zum grössten Teil einig – zumindest in der Theorie. Gleichzeitig gibt es viele verschiedene Auffassungen davon, was sittlich ist und was nicht. Denn Moral ist subjektiv. Daher lässt sich Moral nicht testen. Einzig wenn es um die Tötung von Menschen geht, ergibt sich eine gesellschaftliche Gemeinsamkeit. Um Moral zu messen haben Wissenschaftler daher ihre Probanden vor hypothetische Aufgaben gestellt, bei denen sie gezwungen waren, über Leben und Tod zu entscheiden. 
Seit Jahrzehnten versuchen Psychologen festzustellen, wie sich die Moralvorstellungen zwischen Einzelpersonen, Gruppen und Kulturen unterscheiden und wie sich Moral entwickelt. Die Tests beschränkten sich allerdings meist auf theoretische Aufgaben und simulierte Situationen im Labor – nicht wirklich zuverlässig. 

Gute Taten sind ansteckend
Wissenschaftler von der Universität Köln konnten vor einigen Jahren mittels einer App das moralische Verständnis im Alltag testen. 1252 Menschen aus unterschiedlichen Alters-, Sozial- und Wirtschaftsschichten nahmen daran teil. In unregelmässigen Abständen wurden die Probanden gefragt, ob sie in den letzten Stunde eine moralische oder unmoralische Tat begangen haben beziehungsweise eine solche bei anderen beobachten konnten. 

Die Ergebnissen lassen relativ zuverlässig auf das moralische Verhalten im Alltag schliessen. So wirkt sich positives Verhalten ansteckend aus. Wenn sich andere uns gegenüber hilfsbereit, ehrlich oder anderweitig korrekt verhält, neigen wir eher dazu, uns selbst ebenso zu verhalten. Allerdings wirkt dieser Effekt nicht bei uns selbst, im Gegenteil: Nach einer guten Tat ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt unmoralisch handeln. Wir werden demnach nachsichtiger mit uns selbst, wenn wir bereits eine gute Tat vorgelegt haben. 

Religiöse Menschen handeln nicht moralischer
Die Wissenschaftler versuchten auch herauszufinden, ob die Religion beim moralischen Verhalten eine Rolle spielt. In ihren Taten unterscheiden sich religiöse Menschen nicht von unreligiösen. Lediglich ihre Reaktion auf ihre Taten fällt emotionaler aus. So sind sie beschämter und fühlen sich schuldiger, wenn sie sich unsittlich verhalten haben, sind zugleich aber auch stolzer und dankbarer, wenn sie Gutes geleistet haben. 
Deutlicher liessen sich die Probanden anhand ihrer politischen Gesinnung unterscheiden. Bei liberal eingestellten Personen spielten Fairness, Freiheit und Ehrlichkeit eine grosse Rolle. Konservative Probanden berichteten hingegen über Taten in den Bereichen Loyalität und Recht beziehungsweise Unrecht. Das zeigt, dass politische Ideologien unterschiedliche Schwerpunkte in der Moralvorstellung setzen. 

Das Selbstbild verteidigen
Bei der Berichterstattung fällt auf, dass die Probanden dazu neigten, eher gute Taten von sich zu erzählen, als schlechte. Dafür berichteten sie doppelt so häufig von schlechten als von guten Taten, die sie bei anderen beobachteten. Hinter diesem Verhalten liegt allerdings keine böse Absicht. Viel mehr neigen wir dazu, die guten Taten an uns eher zu registrieren und zu behalten, als bei anderen. 

Auch aus evolutionärer Sicht lässt sich dieses Verhalten erklären: Um herauszufinden, wem man trauen kann, ist es wichtig, Unehrlichkeit und Egoismus gegenüber Mitmenschen schnellstmöglich aufzudecken und die Informationen über das schlechte Verhalten an jene weiterzugeben, die man schützen möchte. Für das eigene Selbstbild ist es von Vorteil, die eigene moralische Unbeflecktheit hervorzuheben. Eigene Fehltritte werden hingegen gern als seltene Ausrutscher geahndet, obwohl sie eigentlich die Norm sind. 

Selbstlos oder eigennützig?
Doch was passiert, wenn die moralische Urteilsfähigkeit fehlt? Nicht jeder ist fähig, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, beziehungsweise die moralischen Ideale auch zu verwirklichen. Wer nicht gelernt hat, Situationen moralisch zu beurteilen, neigt dazu, Gewalt gegen sich oder andere auszuüben. Hinter Gewaltdelikten stehen oft ungelöste moralische Konflikte. 

Um die moralische Urteilsfähigkeit von Menschen zu messen, werden die Personen in moralische Diskussionen verwickelt. Dabei wird geprüft, wie weit sie dabei mitmachen oder ob sie sich dagegen sträuben. Anhand ihrer Reaktion lässt sich erkennen, wie weit ihre moralische Urteilsfähigkeit ausgeprägt ist. Ein Beispiel: Es wird der Fall einer todkranken Krebspatientin geschildert, die den Arzt darum bittet, ihr so viel von dem Schmerzmittel zu geben, dass sie stirbt. Die Frage ist: Wie soll sich der Arzt verhalten?
Je nachdem wie sich die Person entschieden hat, wird sie mit verschiedenen Argumenten konfrontiert. Dabei geht es weniger um die Entscheidung selbst, als vier mehr um die Qualität der Argumente. Ein Mensch mit einer niedrigen moralischen Urteilsfähigkeit würde sich zum Beispiel für die Sterbehilfe entscheiden, weil der Arzt damit Geld verdient. Jemand mit einer hohen Urteilsfähigkeit würde sich gegen dieses Argument wehren, auch wenn er dieselbe Entscheidung getroffen hätte.

Dieses Beispiel zeigt: Bei unserem moralischen Verständnis, geht es nicht immer um die Entscheidung selbst, sondern vielmehr um die Beweggründe dahinter. Helfen wir aus Selbstlosigkeit oder aus einem persönlichen Nutzen heraus? Das ist, was Moral ausmacht.

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09. Sep 2018 / 00:00
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