• Jasmine Andres-Meier, Leiterin des Frauenhauses Liechtenstein.  (pd)

«Thema immer wieder in den Fokus rücken»

Seit Jahren berät und unterstützt Jasmine Andres-Meier, Leiterin des Frauenhauses Liechtenstein, Frauen und Kinder, denen Gewalt angetan wurde.

Warum braucht es in der heutigen Zeit überhaupt noch einen Gedenktag, an dem auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam gemacht werden muss? Nämlich darauf, dass Diskriminierung und Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen bekämpft werden muss?
Jasmine Andres-Meier: Häusliche Gewalt ist ein weitverbreitetes soziales Problem und findet mitten in unserer Gesellschaft statt, Liechtenstein eingeschlossen. Häusliche Gewalt an Frauen und Kindern ist zugleich eine schwere Menschenrechtsverletzung. Und genau diese massive Gewalt geschieht in den eigenen vier Wänden, sprich im privaten Bereich. Gewalt im sozialen Nahraum ist keine Privatsache, sie ist die am häufigsten ausgeübte Gewalt in der Gesellschaft und wir müssen immer wieder die traurige Thematik an die Öffentlichkeit bringen und uns dafür einsetzen, dass Frauen und Kinder ein Leben ohne Gewalt führen können.

Wie viele Frauen haben in diesem Jahr bereits Schutz und Hilfe im Frauenhaus gesucht?
Bis zum heutigen Tag haben 14 Frauen und 17 Kinder den stationären Schutz des Frauenhauses gesucht. Zusätzlich zu den stationären Aufnahmen wurden 31 Frauen ambulant durch die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses beraten und begleitet.

Als Leiterin des Frauenhauses werden sie täglich mit Gewalt gegen Frauen und Kinder konfrontiert. Gibt es so etwas wie eine «Rangliste», die aufzeigt, was die Gründe für die Gewalt sind?
Die Gründe für die Entstehung von häuslicher Gewalt sind sehr vielfältig und komplex. Es gibt keine einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Verschiedenste Faktoren auf unterschiedlichsten Ebenen müssten berücksichtigt werden, wie zum Beispiel auf der Ebene Individuum, Beziehung, Gemeinschaft und Gesellschaft. Ich kann Ihnen hier nur ein paar Beispiele geben, ansonsten würde dies den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich werde mich auf ein paar wenige mögliche Ursachen konzentrieren. Auf der Ebene Individuum zeigen repräsentative Erhebungen, dass familiäre Gewalt mehr mit den Eigenschaften der gewaltausübenden Person zu tun hat, als mit denjenigen der betroffen Person. Verhält sich der Partner ausserhalb der Partnerschaft gewalttätig, so besteht für die Frau ein massiv erhöhtes Risiko, Gewalt durch ihren Partner zu erleben. Auch zeigen Studien einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Stressfaktoren, wie Arbeitslosigkeit, Überlastung usw. auf. Das Gewaltrisiko verstärkt sich dabei insbesondere in Kombination mit weiteren Risikofaktoren. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Machtverteilung innerhalb der Beziehung und der Partnerschaftsgewalt. Kontrolle und Dominanz kommt in Beziehungen, in welcher der Partner die Entscheidungsmacht für sich beansprucht, häufiger vor. In diesen gewaltbelastenden Beziehungen erleben die Frauen ein höheres Mass an Kontrolle und erleiden mehr Erniedrigungen durch den Partner. Auch können unterschiedliche sozio-ökonomische Ressourcen und Statusunterschiede eine Rolle spielen. So traurig, wie es nun klingen mag, sind Ereignisse, die das Leben respektive die Partnerschaft verändern, ein Risikofaktor für die Entstehung von Gewalt. Im Vordergrund stehen die eigentlich schönen Ereignisse wie Schwangerschaft und/oder Geburt, in welche überdurchschnittlich häufig das erstmalige Auftreten der Gewalt fällt, sowie Trennung des Paares. Ich kann mich sehr gut an meine erste Fortbildung vor über zehn Jahren erinnern, damals erfuhr ich, dass die häusliche Gewalt in der Schwangerschaft oftmals zunimmt, ich war regelrecht schockiert. In der Zwischen­zeit habe ich sehr viele Frauen erlebt, die genau diese Gewalt erlebt haben.

Mit welchen Problemen haben diese Frauen und Kinder neben den psychischen Problemen am meisten zu kämpfen?
Die mit der ausgeübten Gewalt verbundene grosse Angst und Scham kann unter anderem dazu führen, dass Frauen viele Jahre in einer Gewaltbeziehung bleiben. Das können Existenzängste, wie zum Beipsiel Arbeitsplatzverlust oder die Angst, langfristig von der Sozialhilfe abhängig zu werden, sein. Häufig haben die Frauen keinen eigenen Zugang zu finanziellen Ressourcen. Durch die jahrelange soziale Isolation fehlt den Frauen oft ein persönliches unterstützendes Umfeld. Mütter müssen auch nach einer Trennung immer wieder mit dem Kindsvater in Kontakt treten. Die Ausübung des Besuchsrechts bzw. die Übergabe der Kinder können Anlass für erneute Gewalt sein. Dies sind nur einige wenige Beispiele. Betroffene Frauen versuchen immer wieder ihre Situation zu verändern. Oftmals fehlt ihnen der Zugang zu den für sie wichtigen Informationen. Sie kennen ihre Rechte und Ansprüche oftmals zu wenig und fühlen sich oft handlungsunfähig und gefangen in der Situation. Entscheidet sich die Frau ins Frauenhaus einzutreten, steht der Schutz und die Sicherheit der Frauen und Kinder an oberster Stelle. In Beratungsgesprächen können zusammen mit den Frauen Zukunfts- und Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden. Rechtliche Fragen, wie Existenzsicherung, Aufenthaltsstatus, Obsorge usw. müssen zusätzlich geklärt werden.

Trotz aller Sensibilisierungskampagnen existiert das Problem weiterhin. Fehlen noch entsprechende Regulatorien oder reichen jährliche Sensibilisierungskampagnen wie «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» tatsächlich aus?
Das Thema häusliche Gewalt muss immer wieder in den Fokus gerückt werden und zum Nachdenken und Handeln anregen. Unsere jahrelange und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit hilft, ein Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit zu schaffen. Diese Sensibilisierung trägt zur Enttabuisierung bei, und betroffene Frauen wagen vermehrt den Schritt in eine Beratung. Das Frauenhaus bietet neben dem stationären Angebot auch eine anonyme ambulante Beratung an. Ein grosser und sehr wichtiger Meilenstein ist das Gewaltschutzgesetz. Die Kernaussage dieses Gesetzes lautet, dass die Verantwortung für die Gewalt immer bei der Person liegt, die sie ausübt. Die von Gewalt Betroffenen haben Anspruch auf Schutz, Sicherheit und Unterstützung. In diesem Zusammenhang stehen das Wegweisungsrecht und das Betretungsverbot. Das Gewaltschutzgesetz ist auch ein gutes Instrument für Präventionen und um die Frauen zu stärken. Ein weiterer internationaler Erfolg ist die Istanbul-Konvention. Sie ist weltweit das erste bindende Instrument, das Frauen umfassend vor jeglicher Form von Gewalt schützt. Liechtenstein hat diese im November 2016 unterzeichnet. Damit wird ein internationales Zeichen gesetzt und stärkt uns in unserer täglichen Arbeit gegen Gewalt an Frauen und deren Kinder. Eine schnellstmögliche Ratifizierung der Istanbul-Konvention wäre unabdingbar.

Wenn Sie am heutigen Tag der Gewalt gegen Frauen einen Wunsch frei hätten – welcher wäre das?
Ich wünsche mir eine Welt, in der Gleichberechtigung von beiden Geschlechtern eine Selbstverständlichkeit ist, und dass man sich in einer Beziehung auf Augenhöhe begegnet. Dies wären aus meiner Sicht ideale Voraussetzungen für ein gewaltfreies Leben. Dies wünsche ich allen Frauen und Kindern auf dieser Welt! (dv)

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24. Nov 2018 / 21:40
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