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    Erziehung ist heute nicht mehr nur die Aufgabe der Mutter.  (RoBeDeRo)

Das Bild der aufopfernden Mutter ist (k)ein altes

Nie war das Bild der Mutter so vielfältig wie heute: Fürsorglich, liebevoll und gleichzeitig ehrgeizig und zielstrebig ist sie. Im Laufe der Geschichte hat sich die Definition von Muttersein oft gewandelt. Ein Rückblick.

Liebevoll, fürsorglich und aufopfernd soll sie sein, die Mutter. In unserer Gesellschaft hat sich ein stereotypes Rollenbild entwickelt, das Ideal einer Mutter, wie sie wohl jeder gern hätte. Eine Zeit lang hat es sie auch gegeben, die Frau, die zu Hause bleibt und sich selbstlos um den Nachwuchs und den Haushalt kümmert. Mittlerweile haben die Frauen die Wahl zwischen Karriere und Familie – oder beidem. Diese Möglichkeiten bringen das traditionelle Bild der sich aufopfernden Mutter ins Wanken. Dabei ist dieses Bild gar nicht so alt, wie man vielleicht denken mag.

Die Kinder wurden nebenbei erzogen 
Bis ins 18. Jahrhundert, vor der Industrialisierung, lebte der Grossteil der Bevölkerung in kleinen Ortschaften auf dem Land. Die Kernfamilie lebte zusammen mit Nicht-Familienmitgliedern in einer Haus-
gemeinschaft, die sich fast ausschliesslich selbst versorgte. Demnach stand nicht die Familie, sondern die Arbeit und damit der Erhalt der Lebensgrundlage im Vordergrund. Der Wert eines Mitglieds der Hausgemeinschaft wurde vor allem an dessen Beitrag zur Produktion gemessen. Dem Vater kamen, als dem Oberhaupt der Familie, sämtliche Rechte zu. Die Kinder kamen in der Rangordnung des Hauses neben dem Gesinde an letzter Stelle. Demnach war deren Erziehung damals auch nicht die Aufgabe der Mutter oder des Vaters. Deren Arbeitskraft war nämlich viel zu kostbar, um sie an den Nachwuchs zu verschwenden. Die Erziehung der Kinder wurde zu der Zeit von verschiedenen Personen der Hausgemeinschaft nebenbei erledigt. In der vorindustriellen Zeit entwickelten die Eltern nur wenig Interesse für ihren Nachwuchs. Nicht nur, weil dieser in den ersten Jahren eine Belastung für die Familie bedeutete, sondern auch wegen der hohen Kindersterblichkeit. 

Zu Beginn der Industrialisierung änderte sich an dieser Familien- bzw. Gemeinschaftsstruktur wenig. Die Familienmitglieder lebten und arbeiteten nach wie vor in einem Haus. In der Hausindustrie war Kinderarbeit weit verbreitet. Und so änderte sich der Wert der Kinder insofern, dass eine hohe Kinderzahl mit einer hohen Produktion gleichgestellt wurde. Auch zu der Zeit war die Eltern-Kind-Beziehung, ebenso wie die Ehegattenbeziehung mehr eine Arbeits- denn eine Liebesbeziehung. 

Keine Zeit und keine Lust zum Stillen
Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Erhaltung der Gesundheit des Volkes zentral wurde, widmete man sich vermehrt der Kinderpflege. Bald stellte man fest, dass durch das Stillen die Zahl der Säuglingssterblichkeit eingedämmt werden konnte. Doch das Stillen des Nachwuchses galt beim Grossteil der Bevölkerung lange als unpopulär. Die Frauen der unteren Schichten hatten aufgrund der Arbeitsbedingungen nicht die Gelegenheit, ihre Kinder nach Bedarf zu stillen. Bei den wohlhabenderen Frauen des edlen Bürgertums und des Adels galt es wiederum als unschicklich, den Kindern die Brust zu geben. Eine Einstellung, die auf reinem Egoismus gründete, denn die wohlhabenden Frauen waren nicht bereit, ihr geselliges Dasein zum Wohl ihrer Sprösslinge aufzugeben. Zudem war es in den höheren Schichten seit jeher üblich, den Nachwuchs von speziellem Personal aufziehen zu lassen, wie zum Beispiel Ammen, Erziehern und Hauslehrern. Im 17. und 18. Jahrhundert war es auch in den unteren Bevölkerungsschichten üblich, die Kinder Ammen zur Pflege zu geben. 

Die Mutterrolle erwuchs aus dem Wohlstand
Die Rolle der Frau wurde in der vorindustriellen Zeit in keiner Gesellschaftsschicht über Mutterliebe, Mütterlichkeit oder die Mutterrolle an sich definiert. Die in der heutigen Gesellschaft als allgemein geltenden Mutterpflichten waren über Jahrhunderte gänzlich unbekannt. Erst als sich mit dem technischen Fortschritt Ende des 18. Jahrhunderts die Kernfamilie aus der bisherigen Hausgemeinschaft loslöste und sich die Lebensbereiche Wohnen und Arbeit trennten, wurde die Aufgabe der Kindererziehung ein Thema. Da es die Frau ist, die die Kinder gebärt, war auch sie für deren Versorgung und Betreuung zuständig – es lag «in der Natur der Frau». 

Durch den materiellen Wohlstand, den die fortschreitende Industrialisierung mit sich brachte, war es ausserdem erstmals möglich, die Frau von der Erwerbsarbeit freizustellen. So wurde es auch zur Auf-
gabe der Frau, sich um die Hausarbeit zu kümmern. Da diese im Bürgertum als nicht standesgemäss angesehen wurde, hatte sie möglichst unbemerkt und reibungslos abzulaufen. Gegenüber der Öffentlichkeit wurde zudem ein gewisser Müssiggang der Frau demonstriert. Diese strikte Trennung von öffentlich und privat ermöglichte das Unsichtbarwerden der Haus- wie auch der Erziehungsarbeit. 

Um die Rolle der Frau – und auch des Mannes – in der Familie zu festigen, konstruierte die Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg polarisierende Geschlechtercharaktere. Die Selbstaufgabe der Frau aus Liebe zur Familie wurde seit Beginn des 19. Jahrhunderts zur weiblichen Tugend erklärt. Weiblichkeit wurde dabei mit Mütterlichkeit gleichgesetzt. In diesem Zuasmmenhang definierte sich die Frau folglich über ihre Mutterschaft. 

Die enge emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind ist also ein nicht so altes Phänomen. Sowohl Sozialwissenschaftler wie auch Historiker sind sich einig, dass die Mutterschaft, wie man sie im heutigen Sinne versteht, ein relativ neues Phänomen darstellt, ebenso wie die traditionelle Familienform.
Die Erwartungen sind gestiegen. Nach der Einführung der Antibabypille in den 60er-Jahren wurde für die Frauen eine selbstbestimmte Familienplanung möglich. Das führte dazu, dass sie in vielen Bereichen des Lebens unabhängiger wurden. Erstmals konnen sich Frauen selbst verwirklichen und am Erwerbsleben teilnehmen. Erwerbstätige Mütter wurden in der Gesellschaft jedoch lange nicht akzeptiert. Eine arbeitende Mutter wurde mit «Mutterlosigkeit» gleichgesetzt. Denn nach wie vor galt die Annahme, dass eine dauernde Betreuung durch die leibliche Mutter unentbehrlich für die optimale Entwicklung der Kinder sei. 
Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an die Erziehungsarbeit über die Jahrzehnte hinweg intensiviert haben, besonders während der 70er-Jahre, in denen begonnen wurde, pädagogisches und psychologisches Wissen in Form von Elternratgebern zu verbreiten.

Als gute Eltern galten jene, die sich dieses Wissen aneigneten. Und mit der Verbreitung der Psychoanalyse wurden kindliche Fehlentwicklungen vor allem dem Fehlverhalten der Mutter zugeschrieben. Die Psychologie kannte das Bild der vernachlässigenden Mutter ebenso wie der schizophrenen und der überbehütenden Mutter. Noch heute werden Störungen oder Verhaltensauffäligkeiten mit einem Fehlverhalten der Mutter in Verbindung gebracht.

Ein erheblicher Mehraufwand

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Erziehungsansprüche an die Eltern immer mehr gesteigert. Um die Kinder auf die Gesellschaft und das spätere Erwerbsleben vorzubereiten, reicht es nicht mehr aus, einfach nur da zu sein. Die optimale Förderung des Nachwuchses verlangt Müttern und Vätern gleichermassen immer mehr ab und bedeutet mittlerweile einen erheblichen Mehraufwand an Zeit, Kompetenzen und finanziellen Aufwendungen. 

Gleichzeitig steigt der Druck auf die Frauen, erwerbstätig sein zu müssen. Eine Frau, die nicht arbeitet, die keine Karriere machen will, die nur Mutter sein will, gilt als nicht ehrgeizig. Doch nicht erfolgsorientiert zu sein, ist in einer auf Erfolg getrimmten Gesellschaft nicht aktzeptabel. 

Heute leben wir in einer Zeit, in der Muttersein nicht mehr so einfach definiert werden kann. Da gibt es jene Mütter, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, weil es finanziell nicht reicht. Andere sind selbstständig und verwirklichen sich, während ihr Partner sich um die Kinder kümmert. Es gibt die Mütter, die in der Vergangenheit bereits Karriere gemacht haben und jene, die sie nach der Familiengründung machen. Und es gibt Frauen, die ganz in ihrer Rolle als Mutter aufgehen und für die ein Erwerbsleben nicht infrage kommt. 
Das Bild der Mutter ist so vielfältig wie die Frauen, die diese Rolle einnehmen. Doch eines ist gewiss: Auch wenn sie sich heute nicht mehr für ihre Familie aufopfern wie einst, sind sie doch nach wie vor liebevoll und fürsorglich. (sms)

12. Mai 2019 / 00:00
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