• Fresh avocado on cutting board
    Von Mexico nach Europa: Die Avocado hat eine lange Reise hinter sich.  (tashka2000)

Avocado: «Grünes Gold» gar nicht so grün?

Als Superfood gehypt, ist die Avocado gefragter denn je. Um die starke Nachfrage befriedigen zu können, wird in Massen produziert – und dies neigt zur Monokultur mit schwerwiegenden Folgen für Umwelt und Mensch.

Man nennt sie auch «grünes Gold», die Avocado. Aus gutem Grund, denn in den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach der grünen Frucht unaufhörlich gestiegen. Gemäss Eidgenössischer Zollverwaltung wurden im Jahr 2017 über 14 000 Tonnen Avocados in die Schweiz importiert. Geschätzt sind das etwa 58 Millionen Stück der «Butterfrucht».Weltweit wurden im selben Jahr rund 3,2 Millionen Tonnen Avocados geerntet. Mit fast 1,9 Millionen Tonnen ist Mexico der grösste Produzent der grünen Beere – das sind etwa 60 Prozent der weltweit geernteten Avocados, gefolgt von Peru (13 Prozent), Chile (7 Prozent), Kalifornien (5 Prozent), Südafrika (4 Prozent), Kolumbien (3 Prozent), Israel (3 Prozent), Australien (2 Prozent) und Spanien (1 Prozent). Mittlerweile haben auch andere Länder das Potenzial der Frucht erkannt, wie zum Beispiel Guatemala, Marokko, die Philippinen, Indien und China. 

Superfrucht superschlecht?
Doch der Anbau der Avocado ist umstritten. Die Superfrucht soll nämlich gar nicht so super sein. Vor allem die Ökobilanz der Beere wird scharf beäugt, gar als «Ökokatastrophe» bezeichnet. Als besonders gravierend wird der hohe Wasserverbrauch des Avocadoanbaus beschrieben. Um ein Kilo der Frucht ernten zu können, werden etwa 1000 bis 1500 Liter Wasser benötigt. Das tönt erst einmal nach viel. Schaut man sich jedoch den Wasserverbrauch von anderen Lebensmitteln an, relativiert sich die Zahl wiederum. Denn für ein Kilo Spargel, Weizen und Gerste wird praktisch dieselbe Menge an Wasser benötigt. Da rangieren andere Lebensmittel, wie zum Beispiel Eier (ca. 3300 Liter), Reis (rund 3700 Liter), Schweinefleisch (fast 5000 Liter) oder Rindfleisch mit über 15 000 Litern Wasser weit höher auf der Liste. Kaffee fällt sogar mit 21 000 Litern ins Gewicht und für ein Kilo Kakao braucht es ganze 27 000 Liter Wasser.
Es ist vor allem die Tatsache, dass  die Avocado ausgerechnet in jenen Ländern angebaut wird, in denen die Wasserversorgung grundsätzlich ein Problem ist, die den Umweltschützern sauer aufstösst. Rund um die Plantagen herrscht meist Wasserknappheit, und der dort lebenden Bevölkerung bleibt der Zugang zu Trinkwasser verwehrt.

Es ist nicht alles grün, was glänzt
Ein weiterer Kritikpunkt, der gegen die Avocado ins Feld geführt wird, ist die Rodung von Wäldern, um den nötigen Platz für den Anbau zu schaffen. Zwischen 2006 und 2016 vergrösserte sich die Anbaufläche weltweit von 381 000 auf 564 000 Hektar. Der grösste Teil wird nach wie vor in Mexiko angebaut. Schätzungen zufolge werden jährlich 1500 bis 4000 Hektar Wald für die Avocadoplantagen gerodet. Oft auch illegal. Mit negativen Folgen für die Umwelt. Umweltschützer und Wissenschaftler warnten das weltgrösste Anbauland Mexiko bereits vor der Abholzung. Laut einer mexikanischen Studie aus dem Jahr 2012 führt der steigende Anbau der Avocado zu einem Verlust der Artenvielfalt und zu Bodenerosion. 
Hinzu kommt der unkontrollierte und übermässige Einsatz von Pestiziden. In vielen Ländern, in denen die «Butterfrucht» angebaut wird, gibt es diesbezüglich keine Vorschriften oder Kontrollen. Für die Endverbraucher ist das Risiko gering. Die Giftstoffe dringen nicht durch die Schale der Beere. Für die Arbeiter auf den Plantagen hat der permanente und unmittelbare Kontakt mit den oft krebserregenden Pestiziden jedoch gravierende Folgen. 

Lediglich bei Früchten aus europäischen Ländern oder Israel, die das EU-Biosiegel tragen, werden die Standards beim Einsatz von Pestiziden und dem Wasserverbrauch kontrolliert. Zudem haben diese Beeren eine bessere CO2-Bilanz als jene, die von Amerika oder Afrika auf weiten Transportwegen eingeschifft werden. Denn bis die Avocados von den warmen Anbauländern nach Europa gelangen, haben sie einen langen Weg hinter sich. Da die Früchte schnell nachreifen, werden sie in speziellen Kühlkammern transportiert. In Europa angekommen, werden sie wiederum in Reifekammern gelagert. Um den Prozess zu beschleunigen, wird das Gas Ethen verwendet. Das Gas soll in geringen Mengen zwar unbedenklich sein, trotzdem ist es Grundbestandteil vieler Pestizide. 

Nachhaltiger als ein Steak
Als nachhaltig kann die Avocado also nicht bezeichnet werden. Heisst das nun, dass wir die leckere «Butterfrucht» von unserem Speiseplan streichen sollten? 
Würden wir diese Frage nun mit einem Ja beantworten, müssten wir fairerweise noch ganz andere Dinge von unserem Speiseplan streichen. Sämtliche Südfrüchte nämlich, die aus denselben Ländern und Regionen importiert werden wie die Avocado. Ebenso müssten wir auf Kaffee und Kakao verzichten. Noch mehr jedoch auf Fleisch und Milchprodukte. Denn die tierische Lebensmittelindustrie belastet Wasser und Böden wesentlich mehr als der Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln. Und den Treibhausgas-
emissionen, die die Lebensmittelproduktion verursacht, gehen laut einer Studie des WWF rund 70 Prozent auf das Konto der tierischen Lebensmittel. Ausserdem darf nicht vergessen werden, dass die Menschen in den Anbaugebieten vom Verkauf der Avocado leben. 

Wie bei so vielen Dingen im Leben stellt sich somit auch bei der Avocado nicht die Frage, ob, sondern in welcher Form wir sie konsumieren sollten. Statt jeden Tag sollten wir sie vielleicht nur ab und zu geniessen und dafür beim Einkauf darauf achten, wo die Frucht herkommt und unter welchen Bedingungen sie angebaut wird. Denn wenn sich nachhaltig und fair produzierte Produkte besser verkaufen als umweltschädliche Massenproduktion, sorgt das langfristig auch für ein Umdenken bei den Produzenten.  (sms)

26. Jan 2019 / 21:18
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