•  (Tatjana Schnalzger)

Meine grösste Kritikerin bin ich selbst

Tanja Eberle hinterfragt so gut wie alles, was mit dem Leben zu tun hat. Wichtig ist ihr auch die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben, um im Jetzt leben zu können.

Für Tanja Eberle ist das Sterben und der Tod seit ihrer Kindheit ein Bestandteil des Lebens. Während viele Menschen dem Tod mit Ängsten begegnen und ihn kaum ins Leben integrieren, setzt sie sich täglich damit auseinander – auch Berufs-wegen. Sie ist ein Mensch, der alles hinterfragt – sogar ihre eigenen Gedanken. «Oft verbindet man den Tod mit Ängsten, da man im Alltag kaum damit konfrontiert wird. Jedoch gehört das Sterben einfach zum Leben dazu», erzählt die kleine schlanke Frau im Café. Sie trinkt einen Cappuccino, trägt ihre langen dunklen Haare, in denen sich graue Strähnchen abzeichnen, offen. Sie hat eine klare Aussprache und in ihrer Stimme liegt etwas Beruhigendes.

Das Schlüsselerlebnis, das sie wahrscheinlich in den Pflegeberuf führte und die Auseinandersetzung mit dem Tod veranlasste, sieht sie in ihrer Kindheit. Ruhig und gelassen berichtet sie von einer Freundschaft im Kindergarten: «Der sechsjährigen Junge verunglückte damals tödlich. Mich überkam aber niemals das Gefühl, einen Verlust erlitten zu haben. Er lebte für mich in einer anderen Form weiter.» Kinder würden ihrer Ansicht nach mit solchen Erlebnissen natürlicher umgehen – bei Erwachsenen dagegen dominieren die Ängste. Sie war eher ein zurückgezogenes und stilles Kind, introvertiert und grübelte über alles nach, was sie auch heute noch tut.

Streng zu sich selbst
Trotz allem blieb auch sie von der Angst vor dem Tod nicht verschont. Diese überkam Tanja Eberle, als sie Mutter wurde. «Der Gedanke, dass ich nun die Verantwortung für ein Kind trage und darum nicht einfach sterben kann, beherrschte mich.» Sie redet offen und deutlich mit klaren Worten darüber, wie sie diese Angst wieder loswurde: Die 44-Jährige fing an, ihre Gedanken zu ändern, zu akzeptieren dass es so ist und es kein richtig oder falsch gäbe. «Irgendwann schloss ich mit meinem Bewusstsein in mir Frieden.» Sie ist dabei sehr streng zu sich und bezeichnet sich selbst als die eigene grösste Kritikerin. Trotzdem gebe es Zeiten, in denen sie mit sich zufrieden ist. Diesen Punkt jedoch zu erreichen, setzt tägliches Training voraus. Tanja Eberle macht dies über die Atmung. Wenn sie sich darauf konzentriere, beruhige sie sich und sie fahre ihre Gedanken herunter. «In diesem Augenblick kann ich meine Gedanken ändern, was mir jedoch nicht immer gelingt. Ich muss loslassen und vertrauen können, um mich vom Leben tragen zu lassen», ist die Sarganserländerin überzeugt. Zudem vertritt sie die Meinung, sobald man sich mit dem Tod auseinandersetze, verliere man die Angst davor und verbessere seine Lebensqualität. Man lebt mehr im Jetzt. Auch Humor sollte immer einen Platz im Leben finden.

«Es gibt keine Pünktlichkeit»
Wie man im Jetzt lebt, erfuhr Tanja Eberle, während sie 1,5 Jahre in Tansania in einem Dorf lebte und für eine Organisation arbeitete. Es war ein lang gehegter Wunsch von ihr, einmal in einem Land zu leben, in dem Luxus kein Standard ist. «Am meisten beeindruckte mich, wie natürlich dort mit dem Tod umgegangen wird. Er ist in das Leben integriert. Der Leichenwagen parkiert nicht hinter dem Haus, sondern ist für alle sichtbar. Sterben wird als Teil des Lebens betrachtet und gilt als normal», berichtet sie fasziniert. Auch lernte sie dort die Sprache der Einheimischen. Innerhalb der Organisation wurde Englisch gesprochen, mit den Dorfbewohnern unterhielt sie sich in Kisuaheli und einer weiteren einheimischen Sprache. «Die Menschen leben im Jetzt und machen sich kaum Gedanken darüber, wie die Zukunft wohl aussieht. Es gibt auch keine Pünktlichkeit, sondern man beginnt dann zu arbeiten, wenn es gerade passt.»

Als die Pflegefachfrau vor fünf Jahren aus Tansania zurückkehrte, überkam sie das Gefühl, zurück zu ihren Wurzeln zu gehen und zur Ruhe zu kommen in den Flumserbergen. «Ich war oft auf Reisen und lebte auch sieben Jahre in Ungarn», fügt sie hinzu. Andere Kulturen zu erleben und Sprachen zu lernen, spielte für sie eine grosse Rolle in ihrem Leben. Vorerst aber sei ihre Reiselust gestillt. Ungarisch war bis jetzt für Tanja Eberle die schwierigste Sprache zu lernen. «Daran bin ich fast verzweifelt. Auch nach all den Jahren verstand ich noch nicht alles», lacht sie.

Alles hinterfragen
Die Philosophie und Spiritualität, mit der sie sich oft auseinandersetzt, fliessen für das Sprachtalent ineinander. Sie ist ein Mensch, der alles hinterfragt und beschäftigt sich mit Fragen wie «Wer bin ich?» oder «Wohin gehe ich?». «Es gibt nicht auf jede Frage eine Antwort. Genau das macht mich neugierig und spornt mich an, weiter darüber nachzudenken», begründet sie ihren Antrieb. Doch gelangt sie manchmal an einen Punkt, an dem sie die Sache einfach stehen lassen muss. Das Oberflächliche war nie ihr «Ding», obwohl sie sich genau das manchmal wünscht, nicht alles hinterfragen zu müssen. Anderen Menschen gegenüber begegnet sie neugierig und sie tauscht sich gerne aus – auch philosophisch.
Ihre Erfahrungen und Gedankengänge hält Tanja Eberle in einem Taschenbuch fest. Es entstand dadurch, dass sie sich hinsetzte und einfach zu schreiben begann. «Es half mir, mich selbst zu entwickeln. Während des Schreibens erlebte ich viele Aha-Erlebnisse», erzählt sie begeistert. 

Für die Philosophin ist die Pflege kein Beruf, in der Zeit Mangelware ist. «Ich sehe das von einer anderen Perspektive, nämlich wie man die Prioritäten setzt. Ich setze sie beim Menschen und seinen Bedürfnissen», betont sie ruhig. «Es liegt an mir, wie ich mit der Situation umgehe. Papier kann immer warten.» Trotzdem ist ihr durchaus bewusst, dass Zeitdruck und Stress in der Pflege verbreitet sind. «Wenn ich in Gedanken plane, befinde ich mich bereits im Stress und nicht mehr im Jetzt.» Deshalb ist es auch ein Wunsch von ihr, dass die Gesellschaft mehr im Jetzt lebt, sich im Umgang mit dem Sterben und dem Tod mehr öffnet, um die Ängste zu überwinden und die Prioritäten richtig zu setzen. (ms)

11. Jan 2020 / 20:44
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
24. Januar 2020 / 14:55
24. Januar 2020 / 11:15
24. Januar 2020 / 13:44
24. Januar 2020 / 22:12
Aktuell
24. Januar 2020 / 22:12
24. Januar 2020 / 14:55
24. Januar 2020 / 13:46
24. Januar 2020 / 13:44
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Grüsch
2 x 2 Tageskarten für die Skigebiete Grüsch / Pizol zu gewinnen
09.12.2019
Facebook
Top