•  (Urs Homberger Arosa Switzerland)

"Ich möchte keine Einschränkung haben"

Vor rund 20 Jahren warf ein Unfall Patrick Mayer aus der Bahn. Seither spielen Sport und Mobilität eine grosse Rolle in seinem Leben. Mit seinen Produkten möchte er anderen Betroffenen zu mehr Lebensfreude verhelfen.

Anfang 20 war Patrick Mayer auf seinem Höhepunkt. Freestyle Snowboard – dafür lebte er. In seiner Heimat Deutschland rangierte er auf Platz 5, in der Schweiz gehörte er zu den Top 30 in seinem Sport. «Ich war in Warteposition. Ich wusste, dass ich Vollgas geben kann, sobald ich die Matura bestanden habe», erzählt er. Er gehörte zu jenen Kindern, die Skifahren konnten, bevor sie laufen konnten. Seine Eltern waren Skilehrer. Mit eineinhalb Jahren stellten sie ihren Sohn schon auf die Bretter. Mit neun Jahren entdeckte er das Snowboarden für sich. Später besuchte er ein Internat im Engadin. «Snowboard-Profi werden, das war mein Ziel.»

Doch so weit sollte es nicht kommen. Drei Monate bevor er seinen Abschluss machte, stürzte der leidenschaftliche Wintersportler bei einem Boardercross und verletzte sich schwer an der Wirbelsäule. «Ich schlug mit dem Rücken hart auf der vereisten Piste auf, erinnert er sich. Durch den Aufprall wurde seine Wirbelsäule nach vorne gedrückt und die Luft aus seiner Lunge gepresst. Einige Minuten lag er bewusstlos im Schnee. Als er erwachte, stand er unter Schock. Er versuchte aufzustehen, konnte seine Beine aber nicht mehr spüren oder kontrollieren. «In dem Moment wusste ich sofort, was los war. ‹Querschnitt›, schoss es mir sofort durch den Kopf.» 

Zurück auf der Piste
Heute sieht der 39-Jährige den Sport kritisch. Die Snowboard-Wettkämpfe verfolge er nur noch sporadisch. Mit der Querschnittlähmung habe das aber wenig zu tun. «Das war vor 20 Jahren. Meine Karriere wäre auch so schon zu Ende», sagt er. «Ausserdem hat sich viel verändert. Früher ging es mehr um den Style, die persönliche Ausdrucksweise. Heute geht es nur noch darum, wie oft du flippst.» 

Dem Wintersport hat er nach dem Unfall dennoch nicht abgeschworen und er bestand sogar noch seine Matura. Die Prüfung schrieb er im Spital. «Ich hatte sofort wieder ein Ziel vor Augen. Das hat geholfen.» Acht Monate nach seinem Unfall war er schon wieder auf der Piste unterwegs. Monoskifahren habe er schnell gelernt. «Es ist ein tolles Gefühl», schwärmt er mit einem Funkeln in den Augen. «Mit Ausrüstung bringe ich über 100 Kilo auf die Piste und dank der aerodynamischen Bauweise ist die 100-km/h-Marke schnell geknackt. Die Geschwindigkeit und die Fliehkräfte in den Kurven sind echt der Wahnsinn.» Patrick Mayer zeigte auch hier Talent. Er war so gut, dass ihn seine Trainerin zu einer Teilnahme an den Paralympics motivierte. Bald fuhr er beim Europacup mit und schaffte es auf Platz 9. «Da war schon Potenzial da, vorne mitzumischen», sagt er. Doch war er nicht mehr bereit, den Schalter umzulegen und übers Limit zu gehen. «Ich hatte keine Lust mehr, alles für eine Medaille zu riskieren», erklärt er und erzählt von seinen Eindrücken aus der Reha-Klinik. Von den extremen Fällen, die vom Kopf abwärts gelähmt waren und ihren Rollstuhl mit dem Kinn steuern mussten. «Das hat mich geprägt.»

«Damit sind viele überfordert»
Bis er sich an den Rollstuhl gewöhnt hatte, dauerte es eine Weile. «Die Reha ist das eine. Doch wenn man mit dem Rollstuhl in die Gesellschaft kommt, wird einem der Unterschied zwischen behindert und nicht behindert jeden Tag aufs Neue bewusst. «Am Anfang habe ich mich gefühlt wie ein Idiot und es hat lange gedauert, bis mein altes Ich wieder zurück war.» Auch an die neugierigen Blicke einiger Mitmenschen musste er sich erst noch gewöhnen. «Ich kann gut stehen und kurze Strecken mit Gehhilfen zurücklegen. Damit sind viele Menschen überfordert. Rollstuhl bedeutet für die meisten Menschen, gar nicht mehr laufen zu können, dem ist jedoch nicht so. Ein inkompletter Querschnitt hat ein sehr breites Spektrum und je nach Verletzungsgrad können sich mehr oder weniger Funktionen erholen. Das ist nicht wie bei einer Amputation: Bein dran oder Bein ab.» 

Als Tabuthema würde er eine Behinderung heutzutage trotzdem nicht bezeichnen. «Fälle wie jene von Michael Schuhmacher, Samuel Koch oder der Film ‹Ziemlich beste Freunde› helfen, das Thema in den Vordergrund zu stellen», meint er. Tabu seien jedoch Aspekte wie zum Beispiel Sexualität und Behinderung. «Darüber spricht man in der Gesellschaft nicht. Obwohl es für Betroffene ein riesiges Thema ist.»

Ein neuer Weg
Freiheit und Mobilität sind Patrick Mayer wichtig. «Ich möchte keine Einschränkung haben und so frei wie möglich leben können.» Mit einer Querschnittlähmung, auch wenn es in seinem Fall eine inkomplette ist, ist ein barrierefreies Leben kaum mehr möglich. Gerade im Freizeitbereich ist das ein grosses Thema für den Sportler. «Mobilität bedeutet, dass man die negativen Konsequenzen der Behinderung reduzieren kann», sagt er. Diesem Ziel hat er sich mittlerweile verschrieben und entwickelt Hilfsmittel, um Menschen mit einer Behinderung das Leben zu erleichtern, wie zum Beispiel mit seinen Wheelblades. «Das sind, vereinfacht gesagt, Skier für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen», erklärt der innovative Tüftler. Er arbeite bereits an weiteren Ideen. Unterstützt wird er dabei unter anderem von der Stiftung Cerebral Schweiz, bei der er auch im Stiftungsrat sitzt. «Mit meiner Firma habe ich da eine Tür aufgestossen, von der ich keine Ahnung habe, wo sie hinführt», meint er und lacht. Doch er ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit seinen Ideen Menschen mit Handicap zu mehr Freiheit und Lebensfreude verhelfen kann. Für dieses Ziel ist er bereit, alles zu geben. «Ich will meinen Fokus nicht auf das richten, was ich verloren habe, sondern auf die vielen Möglichkeiten und Chancen, die auch trotz Handicap möglich sind.» (sms)

02. Dez 2018 / 00:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistkommentiert
Meistgelesen
13. Dezember 2018 / 13:23
09. Dezember 2018 / 00:00
13. Dezember 2018 / 06:30
02. Dezember 2018 / 00:00
Aktuell
13. Dezember 2018 / 13:23
13. Dezember 2018 / 06:30
13. Dezember 2018 / 05:00
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
Schloss Vaduz
Zu gewinnen 1 Ravensburger Puzzle Schloss Vaduz
29.11.2018
Facebook
Top