•  (Tatjana Schnalzger)

"Ich habe noch weitere Ideen im Kopf"

Als Jürg Loser ein kleiner Junge war, erzählte ihm seine Tante eigens erfundene Geschichten. Unbewusst legte sie ihm damit den Grundstein für seine Kinderbücher.

Eigentlich war es ein waghalsiges Unterfangen, als Jürg Loser seinen eigenen Verlag gründete – und das wegen eines Kinderbuches. «Zu dieser Zeit fusionierten die grossen Verlage oder gingen Konkurs», erinnert er sich. «Davon wusste ich damals gar nichts.» Der Rheintaler ging den Weg, den er für richtig hielt. Denn als er 2011 sein erstes Werk veröffentlichte, erschienen jährlich um die 8000 Kinderbücher – ein regelrechter Boom. Er fand zwar einen Verlag, der Interesse an seinem Buch zeigte, doch gab es einen Haken: Sie wollten die Bilder für seine Geschichte selbst illustrieren. Das entprach aber nicht den Vorstellungen von Jürg Loser. Schliesslich sind er und sein Zeichner Patrick Steiger ein eingespieltes Team. «Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Türliverlag ins Leben zu rufen», lacht er. Das tat er auch und es stellte sich als Erfolg heraus. 

Den Grundstein für die Geschichten legte Jürg Losers Tante in seiner Kindheit. Sie erzählte ihren Neffen jeweils die Abenteuer von «Türli», die sie frei erfand. Später stiess dann von der Mutter die Figur «Flidari» hinzu. Die Familie besass damals noch keinen Fernseher und so verbrachten sie die Zeit damit, den Kindern Geschichten zu erzählen. Sie prägten ihn so sehr, dass er später die Figuren in Kinderbüchern wieder aufleben liess. Doch sind es nicht nur die Figuren, sondern auch die Schauplätze, welche die Geschichten so lebendig machen. Denn die Orte des Geschehens sind real. «Türli und Flidari» beschreiben auch die Unesco-Welterbestätten in der Schweiz.

Viele Projekte im Kopf
Der Autor kommt ursprünglich aus der Marketingbranche. Er liebte seine Tätigkeit im Messe- und Eventbereich. Trotzdem beschloss er 2011, seine Arbeitsstelle aufzugeben und eine Auszeit zu nehmen, ohne wirklich einen Plan davon zu haben, wo es ihn hin verschlagen wird. Er nahm all seinen Mut zusammen und kündigte seinen Job, der ihm sehr gefiel. «Viele Projekte schwirrten in meinem Kopf herum, eines davon war eben das Kinderbuch, die Musik und das Reisen», erzählt er im Rathaus Café in Altstätten. Das Reisen hat er bereits hinter sich, das Buch nun ebenfalls, neu steht die Musik auf seinem Programm. Sein Label nannte er «Flidari Music», was allerdings nichts mit seinen Büchern zu tun habe. Hinter dem Namen «Flidari» stecke ein Typ, der vor Lebensfreude strotzt und dabei vergisst, sich Sorgen zu machen. Er selbst arbeite noch daran, ein «Flidari» zu werden. «Ich habe noch weitere Ideen im Kopf», meint er voller Begeisterung. Da er bis jetzt in seinem Verlag alles selbst in die Hand nahm, hat er auch neue Fähigkeiten erworben, wie beispielsweise den Verkauf. «Schliesslich musste ich in die Geschäfte gehen und Vorträge halten, um mein neues Buch vorzustellen.»

Kaum mehr Zeit für die Kinder
In den mittlerweile sieben Bänden von «Türli und Flidari» geht es um die originalen Schauplätze und darum, die Schweiz kennenzulernen. Ausserdem sollten sie die Familien dazu animieren, mehr raus zu gehen. Nebst dem haben sie auch einen pädagogischen Hintergrund. Da bereits sein Vater wie auch zwei Brüder Lehrer waren, liege ihm die Pädagogik vermutlich irgendwie im Blut. Obwohl Jürg Loser selbst keinen pädagogischen Hintergrund hat, fällt es ihm leicht, eine Horde Kinder in Schach zu halten. Seiner Ansicht nach haben viele Eltern heute kaum mehr Zeit für ihre Kinder. Zu oft sitzen diese vor dem Fernseher, dem Tablet oder Smartphone. «Die Erziehung der Kinder wird immer mehr anderen übergeben.» Für das Kinderbuch jedoch müssen sie sich Zeit nehmen, denn viele Details stecken in den Bildern, was zum Verweilen animiert. Die Texte sind absichtlich kurz gehalten, damit die Fantasie durch die Bilder angeregt wird. «Die Geschichte kann jedes Mal neu erzählt werden und bringt andere Details zum Vorschein.» 

Die detailreichen Bilder kreiert Jürg Loser gemeinsam mit Patrick Steiger. Ihn lernte er bereits 1997 kennen. Erst entwarfen sie die beiden Hauptfiguren. «Ich schreibe die Absätze, die nur von den Hauptfiguren handeln. Dann kommt das Bild über die Doppelseite verteilt mit vielen kleinen Details. So können die Geschichten frei und ständig neu erzählt werden.» Bevor er mit einem Buch beginnt, holt er sich Inspiration. ­Beispielsweise reiste er auf einem Ausflug nach St. Moritz mit der Rhätischen Bahn und war von der Fahrt über die Viadukte beeindruckt. «Sogar als Schweizer war ich total überwältigt. Ich kannte die Bilder, aber mit dem Zug ist es noch viel eindrücklicher», schwärmt er. Und schon war eine Grundlage für die nächste Geschichte gefunden.

Weniger ist mehr
Jürg Loser richtet sein Leben nach dem Motto «Weniger ist mehr». Denn die heutige Konsumgesellschaft gibt ihm zu denken. Viele würden Frust in sich tragen und seien nicht glücklich. Er erinnert sich an ein Erlebnis, als er drei Wochen in Namibia verbrachte und zwar in einem Dorf, deren Einwohner in Strohhütten lebten. «Sie waren mit allem ausgestattet, hatten ein ordentliches Bett und kochten in der Küche über dem Feuer. Die Lehrer dort besassen wahrscheinlich zwei Hemden, die immer tiptop gewaschen und gebügelt waren. Sie tragen Sorge zu dem, was sie haben», erzählt er voller Respekt. Das Erlebnis beeindruckte ihn sehr. Die Menschen dort besitzen nicht viele Gegenstände, dennoch sah er sie ständig lachen und sie strahlten Lebensfreude aus. «Sobald ich auf dem Heimweg am Flughafen ankam, erlebte ich einen Schock: Die Menschen schienen so frustriert.» Darum konzentriert er sich darauf, selbst glücklich zu sein. Das bedeutet für ihn Freiheit und das zu tun, was er möchte und nicht, was er muss. So wie es Bob Dylan einst sagte: «Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt.» (ms)

23. Nov 2019 / 20:19
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