• Chäsi Manser, der letzte Milchmann
    Chäsi Manser aus Altstätten ist der letzte Milchmann im Rheintal.  (Roland Rick)

"Für die Milchtouren brauchte es Ausdauer "

Er ist der letzte Milchmann vom Rheintal. Sein Beruf hat Stefan Manser bis heute fit gehalten. Im Januar 2020 ist Schluss. Ein Blick zurück mit dem 77-jährigen Molkerist aus Altstätten.

Die Ladenglocke klingelt im Viertelstundentakt. Es ist Fondue-Zeit, das Geschäft läuft. Seit über 100 Jahren gehört die «Chäsi Manser», 1908 von Alfred Manser als Molkerei gegründet und seit drei Generationen in Familienhand, zu Altstätten. Ende Januar 2020 schliesst das Traditionsunternehmen die Tür, eine Ära geht zu Ende. Gleichzeitig wird auch Stefan Manser seinen letzten Einsatz leisten. Milchmann zu sein, war seine Leidenschaft und hat ihn dazu bewogen, weit über die Pension hinaus zu arbeiten. Für den 77-jährigen Molkerist kam das «Finito» früher als gedacht. «Die Batterien von Ehefrau Gertrud sind nach 34 Jahren Herzblut-Arbeit leer, für die Töchter Cristin und Stefanie kommt eine Geschäftsübernahme nicht infrage. Ja nu, es ist, wie es ist.» Sein Naturell humorvoll, positiv, den Schalk im Nacken, schwingt in der Stimme von Stefan Manser nun doch ein wenig Wehmut mit. Er wie auch die Kundschaft würde sich freuen, fände man zeitnah einen Nachfolger. 

Mit 21 nach Neuseeland
Auf das Gespräch hat er sich mit Bleistiftnotizen in einem kleinen Buch vorbereitet, Fotoalben mit Bildern aus früheren Zeiten hergerichtet: Der Onkel mit Velo und Anhänger auf seiner Tour durchs Städtle, Tante Hedi, die Zeit ihres Lebens im Laden stand, Vater, Mutter, Geschwister, allerlei Fahrzeuge. Schon in der Schulzeit half  Stefan Manser zu Hause aus. «Unser Dreiräder, V6 mit Verbrennungsmotor, kam aus England. Wir waren die Ersten, die so ein Gefährt hatten, und ich durfte schon als Junge damit fahren.» Für die Milchtouren brauchte man vor allem Ausdauer. «Die Winter waren streng, minus 17 Grad waren keine Seltenheit. Die Milch gefror in den Kannen und man musste drinnen im Haus warten, bis sie aufgetaut war.»

Die Lehre zum Molkerist absolvierte der Altstätter in Zürich, am Wochenende kam er jeweils nach Hause und löste die Angestellten in der Käserei ab. Im Alter von 30 Jahren übernahm er als Ältester von sieben Geschwistern die Molkerei, heute  Milchprodukte- und Spezialitätengeschäft, von seinem Vater Erwin, der mit 44 Jahren früh verstarb. «Mit 21 reiste ich für drei Jahre nach Neuseeland, arbeitete dort als Molkerist für Nestlé. Es war eine schöne Zeit, aber ich wusste, dass ich zurückkommen würde, hatte ich meinem Vater doch versprochen, einmal das Geschäft zu übernehmen.» 

Ausliefern statt Kirchgang
Der Arbeitstag als Milchmann begann für Stefan Manser jeweils morgens um 5.30 Uhr und dauerte bis mittags. «Dass man nur morgens unterwegs war, machte Sinn. Gerade im Sommer. Am Nachmittag wurde es warm, die Frauen waren meist nicht mehr zu Hause, draussen auf dem Feld oder mit anderem beschäftigt.» Die Grossfamilien wurden mit Milch, Butter, Käse, Joghurt beliefert. «Sieben Tage die Woche – auch sonntags. Damals gab es noch keine Kühlschränke. Als kleiner Junge kam es mir schon komisch vor: Mein Vater und ich mussten arbeiten, die anderen gingen zur Kirche.» Er liest aus seinem Notizbuch vor: «Bringe mit Vater den Leuten im Städtle am Sonntag frische Milch. Der Pfarrer überbringt den Kirchenbesuchern die Frohe Botschaft des Herrn.» Als schönste Zeit beschreibt er, als es noch keine Migros gab, man am Morgen die Milch von den Bauern abholte und teilweise auch in der Chäsi verarbeitete. Man kannte damals nur die Milch aus der Kanne. «Jeden Morgen draussen sein zu können, hat mir immer gefallen, obwohl es Ausschlafen, Verein oder Fasnacht für mich nicht gab. Man musste einfach immer ausliefern gehen, komme, was wolle.» Viele Geschichten hat der Milchmann über die Jahre erlebt und erzählt bekommen. «Zum Beispiel die einer Frau, scheinbar unheilbar krank und völlig abgemagert. Kein Medikament nützte. Der Arzt verordnetet ihr eine Rahmkur. 50 Jahre später fuhr Anna immer noch mit ihrem kleinen Cinquecento durch die Strassen. Der Rahm hatte ihr das Leben gerettet.»  Die Chäsi Manser hat im Laufe der Jahre viele Veränderung erfahren, der Altstätter Molkerist musste stets mit der Zeit gehen. «Die Einkaufsgewohnheiten und auch der Mensch selbst haben sich gewandelt. Die Grossfamilien verschwinden, Mann und Frau gehen arbeiten. Und auch die Milch wurde zeitweise spürbar verdrängt. Das Internet ist zum verlängerten Arm des Milchmannes geworden», lacht Stefan Manser, den die Bewegung an der frischen Luft fit gehalten hat. Wie wird sein Alltag ohne das Geschäft rund um die Milch aussehen? «Meine Tochter hat mich bereits gefragt, worauf ich mich freuen würde. Ehrlich gesagt, weiss ich es noch nicht. All die Jahre war ich täglich ausgelastet und so werde ich künftig wohl viel Zeit haben ...» (ge)

14. Dez 2019 / 21:13
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