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"Es ist meine Lebensaufgabe"

Seine Träume sind sein Ziel. Als Kind träumte Varghese Thaniyath davon, Priester zu werden. Als Pfarrer Georg träumt er davon, den Menschen in seiner Heimat ein besseres Leben zu ermöglichen.

Seit über vier Jahren ist Varghese Thaniyath schon Pfarrer der beiden Vorarlberger Gemeinden Göfis und Satteins. Dort kennt man ihn als Pfarrer Georg. «Das ist schon mein richtiger Name», erklärt er. «Varghese heisst nämlich auf Deutsch Georg.» Ursprünglich stammt er aus Kerala, einem der südlichsten Bundesstaaten Indiens. Aufgewachsen ist er in einer Grossfamilie mit elf Kindern. 

Wer den fröhlichen Inder kennt, weiss auch um sein Herzensprojekt, den Verein «Dach überm Kopf» (www.dachuebermkopf.com). Als Initiant und Gründer des Vereins setzt er sich seit 33 Jahren dafür ein, bedürftigen Menschen in seiner Heimat ein Zuhause zu geben. Wie es dazu kam? Dazu muss man erst die Geschichte von Pfarrer Georg erzählen.  

Der Traum
Schon als Siebenjähriger sei er fest entschlossen gewesen, Priester zu werden, wie er erzählt, seit jener Priesterweihe. «Ich bin frühmorgens aufgewacht und hatte den inneren Drang, dass ich bei der Messe ganz vorne stehen muss», erinnert er sich. Also habe er sich eine halbe Stunde früher aufgemacht, um einen guten Platz zu erwischen. In Indien sind die Kirchen immer voll. Oft stehen die Leute. «Während der Bischof das Evangelium predigte, schlief ich ein und träumte davon, dass der Bischof mich zum Priester weiht.» Nach der Priesterweihe küssen die Leute üblicherweise die Hände des Geweihten und werden anschliessend von ihm gesegnet. Und so habe Varghese Thaniyath, als er nach eineinhalb Stunden endlich wieder erwachte, seinem Banknachbarn seine Hände hingehalten, um sie von ihm küssen und segnen zu lassen. «Erst als er mich zum zweiten Mal angestossen hatte, bin ich zu mir gekommen», sagt der Pfarrer und lacht. 

Als Varghese Thaniyath zu Hause seiner Mutter verkündete, dass er Priester werden wolle, habe ihn seine Mutter zu beruhigen versucht, «wie das Mütter eben so machen». Doch dem Jungen war es ernst, und um seinen Entschluss zu untermauern, verzichtete er aus Protest sogar auf sein Abendessen. Seine Mutter habe ihn schliesslich am nächsten Morgen nach der Messe mit zum Pfarrer genommen. Und obwohl es üblich war, dass die Kinder erst ab einem Alter von zehn Jahren ministrieren durften, machte der Pfarrer eine Ausnahme für ihn. «Von da an bin ich ministrieren gegangen.» 

Für den eifrigen Ministranten war das jedoch noch zu wenig. Und so trommelte er regelmässig nach der Messe in der Kirche seine Geschwister und die Nachbarskinder zu Hause zusammen, um Priester zu spielen. 

Der Weg
In der Schule war Varghese Thaniyath immer einer der Besten. Und so hatte er auch die Möglichkeit, nach der Matura zu studieren. Mathematik und Physik hatten es ihm angetan. «Nach drei Jahren hat mir unser Bischof gesagt, ich habe jetzt genug ­Mathematik studiert, um zählen zu können, wie viele Leute zur Messe kommen. Es sei Zeit, dass ich Philosophie studiere», erinnert er sich. Und da dies Bedingung war, um später Theologie studieren zu können, liess er sich nicht lange bitten. Also studierte er drei Jahre lang Philosophie an der päpstlichen Universität in Pune. Das anschliessende Theologie-Studium sollte er jedoch im Ausland absolvieren. Dabei hatte er die Wahl zwischen den Universitäten in Innsbruck, Chicago und Rom. 

Zu der Zeit spielte Pfarrer Georg leidenschaftlich gern Volleyball. Und als sein spiritueller Begleiter meinte, dass er in Rom, vor der Nase des Papstes, vermutlich seinen Sport nicht weiter ausüben können würde, fiel seine Wahl auf Innsbruck. «Chicago kam nicht in Frage. Von dort wäre ich, als Inder, nicht mehr zurückgekommen.»

Die Watsche
An seine Priesterweihe vor 33 Jahren kann er sich noch gut erinnern. Vor allem an jenen Moment nach der Allerheiligenlitanei. Dabei liegt der Kandidat bäuchlings auf dem Boden, während die anwesenden Priester und Bischöfe um die Unterstützung der Heiligen bitten. Anschliessend steht der Kandidat auf und wird zum Priester gesalbt. «Während der Salbung habe ich plötzlich die Watsche des Messmers auf meiner Wange ­gespürt.» Jener kleine «Backenstreich», den Varghese Thaniyath vor 20 Jahren kassierte, als der Messmer ihn in der Sakristei erwischte, als er heimlich das Messgewand des Pfarrers probierte. «Ich hatte seine ‹Firmung› bis dahin völlig vergessen», meint er und lacht. Doch in jenem Moment musste ich mir unwillkührlich über die Wange streichen.»

Kurz darauf reiste er zurück in seine Heimat nach Indien. Dort wurde er fürstlich empfangen. «Und es war jener Messmer, der mich im Dorf als erstes begrüsste», erzählt er. Denn auch er erinnerte sich noch an die kleine Ohrfeige von damals. Mit einer grossen Blumengirlande und Tränen in den Augen habe sich der Mann dafür bei ihm entschuldigt. Bei der Erinnerung steigen Pfarrer Georg heute noch Tränen der Rührung in die Augen. «Meine Mama hat erzählt, dass er zu ihr gekommen war und sie gebeten hat, mich als erster begrüssen zu dürfen …» Normalerweise gilt der Mutter nämlich diese Ehre.

Das Versprechen
Drei Tage nach seiner Ankunft in Indien, es war ein Sonntag, hatte der frischgebackene Pfarrer drei Messen und elf Taufen auf der Agenda – vormittags. Am Nachmittag wollte er sich zur traditionellen Familienrunde durch das Dorf aufmachen. «Ich sage es ganz ehrlich: ich war hundemüde», erzählt er. Nur kurz habe er sich hinlegen wollen. Doch er ruhte nicht lange, als ihn das Weinen eines Säuglings weckte. 

Vor seiner Haustüre erwartete ihn eine Frau in zerrissenem Sari, mit pockennarbigem Gesicht, den weinenden Säugling im Arm und zwei weiteren Kindern neben sich. Unter Tränen bat sie um etwas zu essen. «Bei einer Taufe ist es üblich, dass jeder etwas zu essen mitbringt. Ich hatte also genug und gab ihr etwas zu essen mit.» Denn zu Hause, wie die Frau erzählte, warteten noch zwei weitere Kinder und der Ehemann. Sie lägen krank in der Hütte.  

Varghese Thaniyath besuchte die Familie am Abend. «Was ich vorfand, hat mich zutiefst schockiert», erzählt er und schüttelt den Kopf. Eine kleine Hütte aus Lehm, der Boden ein matschiger Brei, die Wände aus Karton- und Plastikstücken zusammengebastelt und ein Dach aus Palmzweigen, das mehr Löcher zählte als Sterne am Himmel. «Die Freundlichkeit und Güte, die ich selbst sechs Jahre lang in Österreich erleben durfte, forderte mich auf zu handeln.» So versprach Pfarrer Georg der Familie, dass er ihnen ein Haus bauen werde. 

Der Anfang
Ein Haus zu bauen, das kostet Geld – auch in Indien. Davon hatte Varghese Thaniyath nicht viel. «Während meines Studiums in Österreich habe ich verschiedene Ferialjobs angenommen. Das und das Geld, das ich zu meinem Abschluss bekommen habe, damit wollte ich eigentlich ein Moped kaufen.» Denn oft müssten die Menschen im Dorf mehrere Stunden zu Fuss gehen, um in den nächsten Ort zu gelangen. Das Moped hatte er sogar schon bestellt. Was sollte er tun? «Ich bin nicht stolz darauf, aber ich musste mich einer theologischen Notlüge bedienen», gesteht der 60-Jährige. Mit der Entschuldigung, dass seine Familie das Geld benötige, stornierte er die Bestellung und baute mit dem Geld ein Haus und zwei kleine Hütten. 

Nur kurze Zeit später bekam der indische Pfarrer überraschend Besuch aus Österreich: zwei seiner Wohltäter aus Hohenems, der eine ein Bankdirektor, der andere ein Baumeister. «Georg, wir haben gemeint, du holst uns mit den Moped vom Flughafen ab», so hätten sie gescherzt. Varghese Thaniyath zeigte ihnen sein «Moped». Einen Monat später erhielt er einen Anruf von seiner Bank. Die beiden Gäste hatten, ohne etwas zu sagen, zu Hause Spenden gesammelt. «Also habe ich das Geld genommen und noch weitere vier Häuser gebaut. Das war der Anfang.»

Die Projekte
Heute stehen über 1700 Häuser in Indien, die vom Verein «Dach überm Kopf» gebaut wurden. «Ich dachte einst, wenn alles gut geht, kann ich in zehn Jahren vielleicht zehn Häuser bauen – das war mein Traum.»

Ans Aufhören habe er schon so manches Mal gedacht, wie er gesteht. Nach 500 Häusern, dann nach 1000 und auch nach weiteren 500. Doch immer, wenn er genug hat, kommen ihm die Bilder von damals in den Sinn, als seine Eltern ihr Haus bauten. Damals war seine Mutter hochschwanger mit dem siebten Kind. Das Haus war noch nicht fertig, als der Monsunregen einsetzte. «Meine Mutter hat all unser Hab und Gut in eine grosse Kiste gepackt und uns Kinder darauf gesetzt. Das Wasser stieg immer weiter und wir Kinder weinten, denn unser Vater war nicht da.» Ein Onkel kümmerte sich schliesslich um die Familie. Das Weinen höre er heute noch. Es treibt ihn an und lässt ihn weitere Häuser bauen. 

Neben dem Verein unterstützt Varghese Thaniyath auch zwei Waisenheime für Mädchen. «Die Kinder bekommen eine Unterkunft, Verpflegung und eine Ausbildung», erzählt er. Dazu gehört auch ein Nähzentrum. Um Geld für die Heime und das Zentrum zu sammeln, schwinge er gern selbst den Kochlöffel und lädt zum indischen Menü. Selbst esse er hauptsächlich vegetarisch, vor allem wenn er zu Besuch in Indien ist. Dann schwärmt er von den Restaurants in seiner Heimat. «Stellen Sie sich vor, da steht in der Mitte des Tisches ein grosser Teller mit 20 verschiedenen Gerichten und rund herum kleine Schüsseln mit Reis, Saucen und anderen Zutaten.» 

Die Zukunft
Zuletzt besuchte Pfarrer Georg seine Heimat im Januar. 36 neue Häuser durfte er wieder einweihen und damit den neuen Besitzern ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Dass seine Arbeit ein Tropfen auf den heissen Stein ist, das sei ihm durchaus bewusst, wie er sagt. «Diese Projekte, das ist meine Lebensaufgabe. Solange ich Kraft habe, werde ich weitermachen.» (sms)

14. Mär 2020 / 20:45
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