• Jaqueline Gantenbein in Grabs
    Jaqueline Gantenbein würde wenn nötig sogar jede Nacht arbeiten.  (Daniel Schwendener)

"Die Liebe muss echt sein"

In ausgefallenen Outfits und Kostümen wirbelt Jacqueline Gantenbein durch die Grabser Brocki. Die Geschichten hinter den Waren sind ihre liebsten Schätze und die Besucher ihr grösstes Glück.

Für Porzellan hat Jacqueline Gantenbein eine besondere Vorliebe. «Dahinter stecken besondere Geschichten», erklärt sie. «Das weisse Porzellan mit dem Goldrand, das nur sonntags und zu besonderen Anlässen hervorgeholt wurde – damit verbinden viele wertvolle Erinnerungen.» Ihr ist es wichtig, dass die vielen Sachen in ihrer Brocki ein «gutes Zuhause» finden, wo sie geschätzt werden. «Das Strahlen der Leute, wenn sie etwas Schönes finden – das ist Glück. Das kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen», sagt sie und strahlt selbst. So gebe sie auch schon mal das ein oder andere antike Stück wesentlich günstiger her, als es andernorts kosten würde. «Was habe ich davon, wenn es hier ewig herum steht?»
In der Grabser Brockenstube verstaubt nichts. Nicht nur, weil die Chefin pingelig ist, wenn es um Sauberkeit geht. «Was nach zwei, drei Wochen noch da ist, wird zusammengepackt und an Bedürftige ins Ausland verschickt», sagt sie. Kleider, Geschirr, Deko-Artikel, Möbel – zwischen 60 und 80 Säcke und Kartons gibt sie den Transporten regelmässig mit.

Zahnarztgehilfin: «Nie im Leben!»

Schon als Kind war Jacqueline Gantenbein sehr hilfsbereit. «Ich wollte sogar Nonne werden», verrät sie. «Obwohl mir nicht einmal klar war, was eine Nonne ist. Ich wusste nur: Die helfen armen Menschen.» Geworden ist sie Zahnarztgehilfin. «Als mein Lehrer mir damals den Beruf vorschlug, dachte ich: ‹Nie im Leben mache ich das!›» Nach ihrer Lehre bei einem schwedischen Zahnarzt in Grabs arbeitete sie 22 Jahre in derselben Praxis, bis ihre Chefin den Ruhestand antrat. Sie sei es auch gewesen, die sie dazu ermunterte, eine eigene Brockenstube zu eröffnen. Denn zu der Zeit hatte sie gerade ihre neue Liebe entdeckt. «Ich hatte einen Sack Kleider in die Brocki gebracht. Wenig später musste ich feststellen, dass meine Stücke in einem Berg von Kleidern untergingen», erinnert sie sich. Auf ihr Nachfragen wurde ihr erklärt, dass die Leiterin der Brocki verschwunden war und es an Hilfe fehlte. Die hilfsbereite Frau musste nicht lange überlegen und packte sofort mit an. «Ich habe vor lauter Funktionieren gar nicht gemerkt, wie gut mir das tut.» 

Die Arbeit in der Brocki ist keine leichte. Laufend kommen neue Sachen, die sortiert, gewaschen, geputzt und eingeräumt werden müssen. Altes wird aussortiert, verpackt und verschickt. «Erschwerend kommt hinzu, dass ich ständig umräume», gesteht Jacqueline Gantenbein und lacht. So habe sie schon nachts um 2 Uhr in der Brockenstube gewütet. «Die besten Ideen habe ich in der Nacht. Und diese muss ich sofort umsetzen.»  

Dass sie so viel arbeitet, mache ihren Eltern hin und wieder schon Sorgen. «Aber ich liebe es einfach», sagt sie mit einem Leuchten in den Augen und ist sich sicher: «Wenn nötig, würde ich jede Nacht arbeiten, um das Projekt am Leben zu erhalten.» Mittlerweile packt die ganze Familie in der Brocki mit an. Einer, der ihre Leidenschaft für alte Sachen teilt, ist Rolf. «Er ist auch der Brocki-Künstler», erklärt sie. So verbringe auch er Sonntag für Sonntag in den Räumlichkeiten der ehemaligen Druckerei und helfe beim Umräumen, verschönere alte Möbel oder male Bilder.

Neben der Brocki bleibt Jacqueline Gantenbein kaum Zeit für anderes. Urlaub habe sie in den vergangenen zwei Jahren nur einmal gemacht. Drei Tage hat sie in Salzburg verbracht. «In Gedanken war ich ständig bei meiner Brocki. Geniessen konnte ich meinen Urlaub nicht.» Nur die Berner Sennenhündin Lilly schafft es, sie aus ihrem Tun zu holen. Beim Spazierengehen könne sie den Kopf auslüften, «und wieder neue Ideen spinnen.» 

Privat ist sie eine Minimalistin

Und wie lebt Jacqueline Gantenbein privat? Zu Hause habe sie wenig – ganz wenig. «Ich habe nicht einmal ein Bett. Wozu auch? Ich fühle mich wohl auf meiner Matratze.» Von ihren Deko-Artikeln hat sie sich schon lange getrennt. In der Küche hat sie nur das Nötigste. Kleider kaufe sie schon lange keine mehr. «Ich bekomme so viele schöne Sachen. Wozu sollte ich noch welche kaufen?» Die 46-Jährige mag es bunt und ausgefallen. So trifft man sie jeden Tag in einem neuen verrückten Outfit an. «Es kommt vor, dass ich mich an einem Nachmittag drei- mal umziehe», erzählt sie und lacht. Wenn einem Brocki-Besucher nämlich ihre Bluse gefällt, hat sie kein Problem damit, diese herzugeben. 

Dass jemand die Brockenstube mit leeren Händen verlässt, kommt selten vor. Denn auch wer nichts kauft, wird von der quirlig-fröhlichen Chefin zumindest mit Blumen beschenkt. «Um anderen eine Freude zu bereiten, braucht es nicht viel», weiss sie und sie setze alles daran, dass es den Besuchern gut geht, wenn sie die Brocki verlassen. Manchmal genügt es schon, wenn die 46-Jährige ein offenes Ohr und eine Umarmung für ihre Besucher hat. 

Sie selbst sieht sich als jemanden, der im Dienste der Menschlichkeit unterwegs ist. Ihr Vorbild ist der Zürcher Pfarrer Sieber, dessen Wirken sie auch nach seinem Tod noch beeindruckt. «Es geht mir um die Menschen», sagt sie und meint, dass jemand, der kein Feingefühl für andere hat, bei ihr nicht gut aufgehoben ist. «Die Liebe muss echt sein. Anderen Menschen etwas vorzuspielen – das merken sie. Man darf die Leute nicht für blöd verkaufen.» Und wenn die Besucher der Brocki wiederkommen und mit einem Strahlen erzählen, wie lange ihre Blumen gehalten haben, weiss sie: «Es lohnt sich für mich.» (sms)

23. Feb 2020 / 00:00
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