• Franziska Ledergerber in Sevelen
    Mit einfachen Techniken kann Franziska Ledergerber in die Tiefe der Lebensgeschichten eintauchen.  (Daniel Schwendener)

"Wir sind eine Art kreative Psychologen"

Dem roten Faden auf der Spur. Franziska Ledergerber, Biografiebegleiterin Imaginationstechnik, spricht über die spannendste Reise des Lebens.

Eine Reise zu sich selbst braucht schon etwas Mut. Wem raten Sie, sich auf eine Biografiearbeit einzulassen?
Franziska Ledergerber: Allen Menschen, die in Krisensituationen re­sistenter und belastbarer werden möchten. Zudem jenen Menschen, welche sich selbst richtig kennen lernen wollen. Ich bin natürlich selbst begeistert von dieser Arbeit, denn ich weiss, was sie bewirkt. Aus meiner Sicht ist es die humanste, angenehmste, schönste, kreativste und tollste Art, eine Reise zu sich selbst zu erleben.

Sie arbeiten als Biografiebegleiterin Imaginationstechnik. Was heisst das?
Über die Vorstellungskraft ist es möglich, mit bestimmten Techniken Ereignisse aus der kleinkindlichen und vorgeburtlichen Situation, wie beispielsweise die Schwangerschaft, hervorzuholen. Mit dieser über die Jahre erlernten Technik kann ich in die Tiefe der Lebensgeschichten schauen. Unser Körper speichert alles, doch oft fehlt der Zugang zu den Erinnerungen.

Hört sich spannend an. Wie muss ich mir das vorstellen?
Die Methoden sind einfach: Wir sitzen am Tisch. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die Sie zum Beispiel an einen Ort führt, an dem Sie sich fühlen wie damals im Bauch Ihrer Mutter. Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Mit einer Bilderreise führte ich einen Jugendlichen durch seine eigene Geburt. Der junge Mann erinnerte sich dabei an Geschehnisse vor, bei und nach seiner Geburt. Er hatte vorher keine Kenntnisse davon. Nach der Bilderreise bestätigte seine Mutter diese Ereignisse voll und ganz.

In welchen Situationen wird die Imaginationstechnik eingesetzt?
Immer dann, wenn man sich im Kreis dreht, nicht weiterkommt und sich verloren fühlt. Oder wenn man in zwischenmenschlichen Beziehungen steckenbleibt. Dann empfehle ich eine Bilderreise.

In dem Falle kommen Personen nicht zu Ihnen, wenn es ihnen gut geht?
Doch, denn grundsätzlich kann jeder und jede zu mir kommen. Die Biografiearbeit wirkt beim gesunden Menschen am besten. Wenn die Menschen krank sind, gehören sie nicht zu mir. 

Ihr Beruf ist ähnlich wie jener eines Psychologen.
Die Berufsbezeichnung Psychologe ist geschützt. Wenn ich nach unserer Arbeit gefragt werde, dann versuche ich zu erklären, dass wir in der Biografiebegleitung so was wie kreative Psychologen sind. Die Berufe unterscheiden sich unter anderem wie folgt: Die Psychotherapie befreit von etwas, die Biografiearbeit befreit zu etwas. Das ist ein grosser Unterschied.

Biografiebegleiterin Imaginationstechnik ist keine alltägliche Arbeit. Wie sind Sie auf diesen Beruf gestossen?
Mich interessieren Lebensgeschichten. So staune ich immer wieder, wie mir wildfremde Menschen innert kürzester Zeit ihre Lebensgeschichten erzählen. Ursprünglich wollte ich den Beruf der Hebamme erlernen, doch wegen den Präsenzzeiten kam diese Tätigkeit nicht in Frage. Mit 36 Jahren liess ich mich auf ein Gespräch mit einem Berufsberater ein. Dieser sah mich im Ausbildungsweg zur diplomierten Biografiebegleiterin. So wurden aus dem dreijährigen Grundstudium schliesslich zehn Schuljahre.

Gibt es ein optimales Alter, um mit der eigenen Biografiearbeit zu starten?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, das spürt jeder anders. Und die ganze Arbeit nützt nichts, wenn man sich nicht freiwillig diesem Abenteuer stellt. Ich bin immer froh, wenn der Klient erst dann kommt, wenn er denkt, jetzt brauche er mich. Ich mache die Erfahrung, dass in Liechtenstein die Menschen mutig sind. Sie sensibilisieren bereits ihre Kinder auf dieses Thema.

Eltern sensibilisieren ihre Kinder auf das Thema? Das müssen Sie erklären. 
Oft projizieren Eltern, die sich trennen, ihre Probleme auf die Kinder. In diesen Situationen werde ich gerne miteinbezogen. Ich spreche mit den Kindern, bin für sie da und antworte auch mal abends auf ihre Fragen, die sie mir per Whatsapp schicken. Und es gibt auch Mütter, die ihre Kinder langfristig zu mir bringen. Zuerst ein Kind, dann das zweite und schliesslich das dritte. Und am Schluss kommen Mutter und Vater auch. Bei Jugendlichen greift die Arbeit am besten. Sie sind mit kreativen Methoden gut abzuholen.

Zu Ihren Klienten zählen auch ältere Menschen, die in ihrem Leben einen «Knorz» haben oder hatten.
Bei älteren Menschen ist interessant, dass man bei ihnen mit wenigen Sätzen sehr viel bewirken kann. Und die grosse Frage heisst immer wieder: Wurde ich geliebt? Kann ich lieben, kann ich gut sterben? Im Leben geht es stets darum. Man wird geboren und spürt bereits Liebe oder Ablehnung. Die meisten Menschen begleiten diese Themen dann ein Leben lang. Gegen Ende des Lebens beschäftigt sie hauptsächlich folgende Frage: Habe ich wirklich mein eigenes Leben gelebt?

Sie begleiteten schon viele Menschen in ihren Biografien. Was erstaunt Sie immer wieder?
Überrascht bin ich immer wieder, wie detailliert die Menschen Situationen und Gefühle in Erinnerung haben. Dies bereits im Mutterleib und in ihrer frühen Kindheit. Die meisten Klienten können nach einer Biografiearbeit leichter atmen. In der Biografiearbeit geht es immer um die Liebe. Viele Menschen kommen zu mir, weil sie in der Liebesfähigkeit überfordert sind. Sie fühlen sich nicht geliebt oder im nahen Umfeld abgelehnt. 

Ist die eigene Biografie mehr als ein Erbstück? 
Meine Mutter glaubte früher, sie stehe kurz vor einem Herzinfarkt. Der Arzt fragte sie, weshalb sie Angst habe. Darauf meinte sie, dass alle ihre Brüder einen Herzinfarkt hatten. Diese Infarkte seien in ihrer ­Familie vererbt. Darauf erklärte ihr der Herzspezialist: «Man erbt nicht zwingend die Krankheit, man übernimmt die vorgelebten Familienmuster.» Die Biografiearbeit ist ein guter Grund, genauer hinzuschauen: Was gehört genetisch zu mir und welches sind antrainierte Muster und Gewohnheiten? Mit Hilfe der Biografiearbeit kann der ureigenste Kern unserer Persönlichkeit wiedergefunden werden. Die Biografiearbeit führt uns dahin, unsere Lebensgeschichte gegliedert schreiben zu können. Unabhängig davon gibt es auch die Möglichkeit, sie zu fotografieren, zu malen, zu nähen, zu sprechen und so weiter. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.  

 

Zur Person

Franziska Ledergerber,  Andeer/GR, arbeitet seit rund 17 Jahren in der Biografiearbeit. Sie ist in der Schweiz eine der wenigen Biografie-begleiterinnen, welche diese ganzheitliche Form der Imaginationstechnik anbietet.
In der Biografiearbeit haben die Farbe, die Form, das Material und der Geschmack eine Wirkung. Alle Sinne finden Platz.
Die Wahrnehmungsfähigkeit und die Achtsamkeit werden in der Biografiearbeit ganzheitlich gestärkt. 
28. Mär 2020 / 18:40
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