• Patrik Dentsch, Vaduz
    Interview mit Patrik Dentsch zum Thema Vertical Farming.  (Tatjana Schnalzger)

Warum nicht in die Höhe gehen?

«Warum geradeaus gehen, wenn man in die Höhe könnte.» Mit seinem «Vertical Farming»-Projekt will Patrik Dentsch die Landwirtschaft revolutionieren.

Als Videoproduzent sind Sie versiert im Umgang mit der Technik. Wie ist das mit den Pflanzen, haben Sie einen grünen Daumen?
Patrik Dentsch: Nun ja, mittlerweile habe ich mir einiges an Wissen angeeignet und viel experimentiert. Ob man nun behaupten kann, dass ich einen grünen Daumen habe, kann ich nicht sagen. Vermutlich schon.

Wie sind Sie denn zu Ihrem Hobby gekommen?
Das erste Mal habe ich vor rund drei Jahren versucht, etwas anzupflanzen. Das hat allerdings nicht so gut funktioniert, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Warum nicht?
Ich bin damals recht unbedarft an die Sache herangegangen. Ich dachte, ich kauf mir ein paar Samen, schmeisst sie in die Erde und dann wird das schon. Aber ein bisschen Pflege brauchen die Pflanzen halt doch. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich dann den zweiten Versuch gewagt. Dabei habe ich mich mit meiner Nachbarin zusammengetan. Seither gehört das Gärtnern zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen.

Nun ist das aber doch etwas mehr als nur ein Hobby. Immerhin haben Sie beim Ideenkanal ein Projekt eingereicht: «Vertical Farming». Worum geht es da?
Vereinfacht gesagt geht es darum, wie man auf kleinem Raum Lebensmittel anbauen kann. Wir leben in einer Zeit, in der es immer mehr Menschen gibt, die auch immer mehr Platz und immer mehr Nahrung benötigen. Allerdings haben wir immer weniger Platz, um unsere Nahrung anzubauen. «Vertical Farming» bietet eine Lösung für das Problem, indem man statt in die Breite in die Höhe geht.

Die Idee kommt mir irgendwie bekannt vor …
Die Idee ist nicht neu, sie geht bis in die Zeit der Babylonier zurück. Die Menschen suchten schon damals nach einer unabhängigen Anbaumethode. Heute nennt man das System «Hydrokultur» zu dem zum Beispiel auch das pflanzen von Blumen mit Tonkugeln gehört. 

Beim «Vertical Farming» geht es also um Tonkugeln?
Nein (lacht). So kann man es zwar auch machen, aber ich habe mir da ein etwas anderes System ausgedacht. Meine Idee basiert auf dem «Aeroponik-System».

Wie funktioniert das?
Die Erde beziehungsweise die Tonkugeln sind nur das Substrat – also das Mittel, in dem sich die Nährstoffe für die Pflanzen befinden. Bei mir befinden sich die Nährstoffe im Wasser. Das System ist als geschlossener Kreislauf aufgebaut. Man muss sich das so vorstellen: Oben werden die Pflanzen in sogenannte Netzkörbe gesteckt, damit die Wurzeln rauswachsen können. Unter dem Behälter befindet sich ein Wassertank mit einer Pumpe, die das Wasser nach oben pumpt. Über Sprinkler werden die Wurzeln der Pflanze mit dem Wasser getränkt. Die Pflanzen nehmen auf, was sie brauchen. Der Rest läuft zurück in den Kreislauf.

Das tönt recht aufwändig. Ist die Idee mit den Tonkugeln nicht praktischer?
Es kommt darauf an, was ich möchte. Wenn ich zum Beispiel meine Pflanzen im Wohnzimmer langfristig mit Wasser versorgen möchte, ist das sicher eine gute Idee. Will ich aber Gemüse anbauen und vielleicht noch im grossen Stil, ist das unpraktisch. Neben den Tonkugeln gibt es noch den Bimsstein. Der wird jedoch zu nass und bildet dann Algen, die den Pflanzen mit der Zeit die Nährstoffe wegnehmen. In einem geschlossenen System können sich jedoch keine Algen bilden. Ausserdem hat das System weitere Vorteile.

Nämlich?
Es ist vor allem ressourcenschonend. Auf einem Feld versickert ein Grossteil des Wassers in der Erde. In unseren Breitengraden ist das normalerweise kein Problem. Diesen Sommer haben wir aber gesehen, was passiert, wenn es zu wenig regnet. Im System nimmt sich die Pflanze, was sie braucht und der Rest des Wassers läuft zurück in den Kreislauf. Wird das «Vertical Farming» in einem geschlossenen System betrieben, wie es zum Beispiel bereits in Japan der Fall ist, kann zudem auf Pestizide verzichtet werden, da es keine Krankheiten oder Schädlinge gibt.

Heisst das, die Produkte aus dem «Vertical Farming» sind Bio-zertifiziert?
Nein, soweit geht es leider nicht. Laut EU-Verordnung können nur jene Lebensmittel biozertifiziert werden, die in der Erde wachsen. Da es bei diesem System keine Erde gibt, kann man es gemäss dieser Definition nicht «bio» nennen.

Was kann man mit Ihrem System alles anbauen?
Grundsätzlich kann man so alles anbauen – ausser Bäume. Die werden irgendwann zu gross für so ein System. Je nachdem, was man anbauen möchte, muss man das System selbstverständlich anpassen. Manche Pflanzen, wie zum Beispiel Kürbisgewächse, brauchen mehr Platz als andere. Ausserdem muss man darauf achten, welche Pflanzen man zusammen anbaut.

Das tönt knifflig. Das heisst, man kann es nicht einfach aufstellen, ein paar Pflanzen reinsetzen und laufen lassen?
Nicht wirklich. Die Pflanzen brauchen nach wie vor Pflege. Auch wenn man verschiedene Pflanzen einsetzen will, muss man aufpassen. Eine Tomate zum Beispiel ist eine starkzehrende Pflanze. Sie braucht viele Nährstoffe. Ein Radicchio hingegen ist eine schwachzehrende Pflanze. Setzt man sie in dasselbe System, versalzt der Radicchio.

Also nichts für Hobbygärtner.
Mein Projekt umfasst zwei Bereiche: Einerseits möchte ich neue Lösungen für den industriellen Anbau aufzeigen. Da braucht es nach wie vor ein entsprechendes Wissen. Andererseits möchte ich auch kleine Systeme für Zuhause bieten, für jene, die keinen Garten haben. Die werden selbstverständlich so gestaltet, dass sie auch für jene attraktiv sind, die keinen grünen Daumen haben.

Die Projekte des Ideenkanals befinden sich noch bis zum 3. Dezember in der Voting-Phase. Sie konnten mit Ihrer Idee bereits einige Fans gewinnen. Was, wenn es nicht für das Ideencamp reicht. Beerdigen Sie Ihre Idee vom «Vertical Farming» dann?
Nein, sicher nicht. Ich habe auf jeden Fall vor, meine Idee umzusetzen – auch ohne Ideenkanal. Klar, mit seiner Unterstützung und jener der Mentoren geht es sicher schneller und leichter. Aber Aufgeben ist für mich keine Option.

Das tönt sehr überzeugt.
Das bin ich. Immerhin geht es um unsere künftige Nahrungsversorgung. Das betrifft uns alle. Ich meine, wir sollten so früh wie möglich anfangen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich glaube, mit «Vertical Farming» können wir einer drohenden Nahrungsknappheit entgegensteuern. (sms)

24. Nov 2018 / 21:31
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