•  (Daniel Schwendener)

"Unser Fokus ist die werteorientierte Bildung"

Die Bilanz ist positiv. Im Jahr 2019 besuchten über 7000 Teilnehmer die Kurse im Haus Gutenberg. Ein Gespräch mit dem Leiter Bruno Fluder.

In der Schweiz ist das Du-Sagen nicht strassentauglich, im Gegensatz zu Liechtenstein. Wie war Ihr erster Eindruck vom Land?
Bruno Fluder:
Der war total sympathisch. Und der zweite Eindruck zeigte mir, wie klein doch das Ländle ist und dass hier jeder jeden kennt. Mittlerweile ist Liechtenstein seit über vier Monaten mein Arbeitsort. Ich merkte sehr schnell, man lernt hier die Menschen «chaiba schnäll» kennen und kommt ihnen recht nahe.

Lernt man hier in Liechtenstein die Menschen schneller kennen als in Luzern, Ihrem früheren Arbeitsort?
Ja, Luzern ist eine Stadt mit doppelt so vielen Einwohnern wie ganz Liechtenstein hat. Hier nehme ich einen offenen Geist wahr.

Was kommt Ihnen beim Wort Bildung in den Sinn?
Lebenslanges Lernen ist einer meiner Grundsätze, den ich pflege. Auch die aktuelle Forschung mit beispielsweise Gerald Hüther bestätigt, dass man auch noch mit 80 Jahren und älter die Chance hat, sich weiterzubilden. Diese Chance möchte ich auch für das Haus Gutenberg nutzen.

Apropos Gerald Hüther, wird der Neurobiologe nächstens Gast sein in Ihrem Haus?
Das ist nicht ausgeschlossen.

Seit Oktober 2019 sind Sie der neue Leiter im Haus Gutenberg. Wenn die Chefetage wechselt, dann pfeift auch meist ein anderer Wind mit neuen Ideen, Inputs, 
Abläufen usw. Welche Schwerpunkte werden Sie setzen?

In der Führung einer Organisation ist mir immer ihre Geschichte sehr wichtig. Ich informiere mich, höre gut hin, welche Geschichten erzählt werden und anhand dieser Erzählungen und Fakten gehe ich jeweils meinen Weg.

Was heisst das konkret?
In diesem Haus stecken 150 Jahre Geschichte. Ich wollte verstehen, warum zum Beispiel eine Gemeinde ein Bildungshaus so intensiv unterstützt. Es hat mich erstaunt, doch so richtig verstanden habe ich die Thematik erst, nachdem ich die Broschüre von 1985 über das Haus gelesen habe.
Und das mit dem neuen Wind hineinbringen war mir anfangs nicht so wichtig. Aber es stehen grosse Entwicklungsprozesse an im Haus Gutenberg.

Welche Prozesse sind das?
Das Haus Gutenberg ist eine Stiftung der Salettiner. Im Haus leben heute noch zwei Salettinerpatres. Künftig wird der Orden wohl keine Patres mehr nach Balzers schicken. Somit liegt es auf der Hand, dass eines Tages ein grosser Teil des Hauses frei wird.

Gibt es Pläne, wie dieses Potenzial genutzt werden soll?
Wir sind im Gespräch mit dem Stiftungsrat und dem Salettinerorden. Momentan sind wir in einer Fantasiephase, entschieden ist noch nichts. Für mich ist es offensichtlich, dass in den kommenden Jahren ein neuer Geschäftszweig entstehen wird. Der Bildungsbereich bleibt bestehen. Wir werden ein neues Produkt suchen, wie das vorhandene Potenzial der einmaligen Lage, der tollen Liegenschaft, des Personals und des guten Rufs des Hauses sinnvoll genutzt werden kann. Es kann beispielsweise eine Kooperation mit einer Gesundheitsinstitution oder mit einer anderen kontemplativen Gemeinschaft sein, Ideen sind vorhanden. Wichtig ist, dass wir den Veränderungsprozess konsequent weitergehen.

In unserer Region gibt es viele Bildungsangebote. In der Stein Egerta in Schaan werden zum Beispiel im Jahr an die 1000 Kurse angeboten. Welche Kriterien sind wichtig, um in diesem Geschäft zu überleben?
Entscheidend ist das eigene Profil. Unser Fokus ist die werteorientierte Bildung. Auf der Basis der christlichen Kultur. Dafür stehen wir. Wir sind ein Haus mit 150 Jahren christlicher Geschichte. Hier lebten Gemeinschaften mit verschiedensten Ausrichtungen, die je für ihre Zeit Werte zu leben versuchten.

In welchen Bereichen hebt sich das Haus Gutenberg von anderen Bildungshäusern ab?
Es ist immer eine Frage der Botschaft, die wir in den Bildungsangeboten platzieren. Bei der Stein Egerta sind beispielsweise die Themen breiter gefächert und das Werteorientierte ist ein kleiner Teil davon. Wie bereits erwähnt, sind bei uns werteorientierte Themen an vorderster Stelle, selbst wenn es um Pilates, Yoga, Lu Jong oder die Achtsamkeit geht. 

Das Haus Gutenberg hat eine lange Geschichte. Vor rund 150 Jahren wurden Mädchen von Schwestern unterrichtet mit Schwerpunkt religiöser Erziehung. Welchen Stellenwert hat heute das Religiöse im Bildungshaus?
Das explizit Religiöse hat nicht mehr den Stellenwert wie in den Achtziger- oder Neunzigerjahren. Religiös ist bei uns aber klar nicht kirchlich verbunden zu verstehen. Die Welt nach ihrer Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, das ist in vielen unserer Seminare, Vorträgen und Kurse Thema.

Wie hat sich die Teilnehmerzahl in den vergangenen zwanzig, dreissig Jahren entwickelt?
Im Jahr 2019 hatten wir so viele Teilnehmer wie noch nie. Die 140 Eigenkurse besuchten rund 4300 Teilnehmer. Die 164 Gastkurse wurden von über 3000 Teilnehmern in Anspruch genommen.

Das Bildungshaus ist Gastgeber für durchschnittlich 300 Kurse im Jahr. Was ist jeweils das Jahreshighlight?
Ein Highlight des vergangenen Jahres war das Gutenberger Ethik-Forum, eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Themen wie dem Populismus oder Medien und Ethik. Künftig werden wir unter dem Label Ethik-Forumplus pro Jahr noch weitere Veranstaltungen und Begegnungen mit hochkarätiger Besetzung organisieren. Auch die Gutenberger Gartenschau ist ein Highlight. Sie findet jährlich abwechslungsweise mit den Mittelaltertagen statt. Das sind attraktive Formate, die jeweils viele Besucher anlocken.

Ein Kurs heisst «Ja, ich will».  Angesprochen werden Hochzeitspaare. Wie reagieren Sie, wenn sich ein homosexuelles Paar für den Kurs anmeldet?
Ich finde, dass gleichgeschlechtliche Paare genauso dazugehören. Ich nehme an, dass die Referentin Beate Boes kein Problem damit hätte, aber das Problem ist, dass gleich-
geschlechtliche Paare nicht kirchlich heiraten dürfen. Übrigens, zum selben Thema arbeite ich mit einer neuen Referentin. Ich fragte sie, wie sie reagiere, wenn sich gleichgeschlechtliche Paare melden. Darauf sagte sie, ja klar, diese Paare gehören auch dazu. Für diesen Kurs werden wir die Ausschreibung neutral formulieren.

Ich nehme mal an, dass der Leiter eines grösseren Bildungshauses keine Zeit hat, um selbst Kursleiter zu sein. Oder liege ich falsch?
Ich will mir den Freiraum bewahren, auch selbst Seminare zu leiten. Im April folge ich meiner Leidenschaft mit einem Bibliodrama-Angebot. Da werden wir einen alten biblischen Text des Propheten Hosea mit Methoden des Improtheaters und mit anderen kreativen Ausdrucksformen auf seine Bedeutung für heutiges Leben erkunden. Und im Juni folge ich meiner anderen Passion, dem Gesang, mit einer singenden Kapellenwanderung im Sarganserland. 

Wie hoch ist der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das Bildungshaus besuchen?
Bei der Gründung 1985 war der Anteil der Jugend um einiges grösser als heute. Wie ich in einem Kursprogramm von damals lesen konnte, waren die Hälfte der Kurse für junge Teilnehmer ausgeschrieben. Das hat sich massiv geändert. Aus dem Jahresbericht von damals kann man jedoch herauslesen, dass die Teilnahme der Jungen auch damals nicht nach Wunsch funktionierte. Nebst einem Kinderprogramm bieten wir heute für die Lehrlinge von Oerlikon Balzers «Be free» zur Persönlichkeitsstärkung und Suchtprävention an, ein gemeinsames Projekt der Schulsozialarbeit und vom Haus Gutenberg. Ein neues Projekt ist in der Pipeline. Gemeinsam mit dem Liechtenstein Institut möchten wir die politische Bildung der Jugend ab der ersten Sekundarstufe fördern. Noch sind wir auf der Suche nach der Finanzierung dieses Projektes.

Wo steht das Bildungshaus im Jahr 2035, wenn der 50. Geburtstag gefeiert wird?
Ich stelle mir vor, dass auch dann weiterhin qualitäts- und gehaltvolle Bildung angeboten wird, in der wir uns mit Fragen aus der Gesellschaft auseinandersetzen und uns ebenfalls mit der Frage beschäftigen, was ist ein gutes Leben. Weiters stelle ich mir vor, dass zum fünfzigsten Jubiläum das Haus Gutenberg weit über die Landesgrenzen eine Ausstrahlung hat. Das Haus und sein Bildungsprogramm hat Potenzial, um vermehrt in der schweizerischen und österreichischen Nachbarschaft wahrgenommen zu werden. Ein kleiner Traum ist, dass wir so etwas wie eine Schlossschenke, ein öffentliches Restaurant, initiieren. Eine wunderschöne Terrasse mit Aussicht zum Gonzen oder dem Falknis ist bereits vorhanden. Dort zu sitzen, an einem wunderschönen Sommerabend, zusammen mit der Dorfbevölkerung. Wow. Davon träume ich. (mh)

29. Feb 2020 / 23:22
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