•  (Daniel Schwendener)

Schnitzen passiert in der Natur

Sackmesser-Pädagoge Felix Immler möchte mit seinen Workshops den «Schnitzvirus» in der Schweiz und Liechtenstein verbreiten.

Erinnern Sie sich noch an Ihr 
erstes Schweizer Taschenmesser?
Felix Immler: Ich habe schon Messer für eine halbe Armee verloren, aber das erste habe ich noch. Mein «Götti» schenkte es mir zur Erstkommunion und hat meinen Namen eingravieren lassen. So konnte man es mir bei Verlust zurückgeben.

Heute verdienen Sie mit der Klinge Ihren Lebensunterhalt.  
Das Taschenmesser hat mein Leben sozusagen auf den Kopf gestellt. Ich habe Sozialarbeiter studiert und eine Weile in dieser Branche gearbeitet. Ich bin jedoch nie so gerne arbeiten gegangen wie heute. Hierzu eine Anekdote: Für mein drittes Buch habe ich im Garten an einem Fallschirm getüftelt, der sich mit einem Pfeil in die Luft befördern lässt. Nach gefühlten 70 Versuchen rief meine Frau aus dem Küchenfenster, ob ich irgendwann auch arbeiten würde. Das ist gerade das coole an meinem Job, dass solche Experimente zu meinem Alltag gehören. 

Wie kommt man auf die Idee, ein Sackmesser-Pädagoge zu werden?
Einerseits üben Taschenmesser eine unglaubliche Anziehungskraft auf Kinder aus. Anderseits sorgte es bei mir stets für Anspannung, wenn ich sie während des Schnitzens beaufsichtigte. Wenn die Kinder schon einen Anknüpfungspunkt zur Natur haben, wollte ich das fördern. Doch in einem angstgeprägten Umfeld lernt niemand gut. Um Vertrauen und Sicherheit zu wecken, schlug meine Frau einen Sackmesser-Führerschein vor. Mir wäre das gar nicht in den Sinn gekommen.

Damit haben Sie ein Lauffeuer fürs Schnitzen entfacht. 
Nach den ersten Kursen haben die Kinder zu Hause und in der Schule begeistert davon erzählt. Dadurch hat es die Runde gemacht. Plötzlich klingelte dreimal am Tag das Telefon, weil jemand einen Workshop wollte. Etwas später hatte ich Krach mit meiner Frau. «Entweder du zahlst mir Lohn oder ich nehme das Telefon nicht mehr ab», forderte sie. Da wurde mir klar: Ich habe so viele Anfragen, dass ich wohl Sackmesser-Pädagoge werden könnte. 

Der Anfang dürfte schwer 
gewesen sein.
Das Problem war, dass ich zu Beginn nicht genug verdient habe. In der Woche sind vielleicht drei Workshops möglich, auf die lange Sicht reicht das nicht aus. Ich musste eine Lösung finden. Durch mein erstes Buch hatte ich bereits Kontakt zu Victorinox. Herr und Frau Elsener (Konzernleitung) besuchten einmal einen Workshop und machten mir danach ein Angebot. Ich habe sofort zugesagt. (lacht) Es war eine gegenseitige Liebe. Sie wollten, dass jemand den «Schnitzvirus» verbreitet, und ich war dadurch finanziell abgesichert. Ich bin dann in der Marketingabteilung für Taschenmesser angegliedert worden. 

Was möchten Sie den Teilnehmern in Ihren Workshops vermitteln? 
Der durchschnittliche Mensch kennt vier Sackmesserprojekte: Pfeilbogen, Wanderstock, Steinschleuder und Bratstecken. Ich möchte vor allem Lust aufs Schnitzen machen und dafür musst du ihnen die Vielfalt zeigen. So ein Taschenmesser kostet 21 Franken und schon hast du eine Werkzeugkiste im Sack, mit der du alles machen kannst. Was es sonst noch für das Hobby benötigt, findet sich draussen in der Natur. Natürlich möchte ich den Teilnehmern auch den sicheren Umgang und die Technik weitergeben. Alle machen dieselben zwei Fehler. Geschnitzt wird vor den Knien, nicht auf dem Oberschenkel. Damit schneidet man sich nicht ins Bein, falls die Klinge abdriftet. Zudem wissen viele nicht, dass ein richtiger Schnitt immer eine Seitwärtsbewegung hat. Eine Mehrheit stösst das Messer nach vorne, womit sie das Holz eigentlich spalten. So zu Schnitzen ist nicht effizient.

Wie oft schneidet sich Experte Immler in den Finger?
Vor zwei Jahren ist das Taschenmesser während eines Fotoshootings harzig geworden, also wollte ich es putzen. Da habe ich mich zum letzten Mal geschnitten. 

Seit 2012 sind allein im 
deutschsprachigen Raum rund 
20 Sachbücher über das Schnitzen 
erschienen. Worauf lässt sich 
dieser Boom zurückführen?
Schnitzen passiert in der Natur und ist 100 Prozent analog. Du brauchst weder einen Akku noch ein 5G-Netz. Ich merke, dass viele einen Ausgleich zur digitalen Welt suchen. Das zeigt sich unter anderem im Aufkommen von Waldspielgruppen. Aktuell schiessen sie in der Region wie Pilze aus dem Boden.

Ihre Workshops sind über 
Wochenenden hinaus ausgebucht. 
Unter der Woche findet sich zeitnah eine Möglichkeit, um einen Workshop zu machen. Alle wollen aber am Samstag. Dort sind die Termine bis Ende 2020 vergeben. Das hört sich krass an, aber an Feiertagen, in den Ferien und im Winter möchte niemand Schnitzen. Insofern kann ich vielleicht 30 bis 35 Termine pro Jahr anbieten, die schnell vergeben sind. Sonntag ist unser heiliger Familientag. Das habe ich meiner Frau geschworen. 

Mit «Schnitz it yourself» ist nun 
Ihr drittes Buch erschienen. Darin stellen Sie «neue Lieblingsprojekte» vor wie das Wasserrad oder eine Schilfflöte. Woher nehmen Sie noch die Inspiration? 
Manche laufen mit dem Fokus durch die Welt, was es für schöne Autos oder Kleider gibt. Felix Immler fragt sich hingegen, was er noch schnitzen könnte. Oftmals erinnere ich mich daran, womit ich früher gerne gespielt habe oder beobachte meine Kinder. Es kommt kein Projekt in das Buch, das ich vorher nicht schon 15-mal geschnitzt habe. Das braucht viel Entwicklungsarbeit und ich bin meinem Arbeitgeber dankbar, dass er mich machen lässt. Er weiss, dass ich Vollgas gebe. 

Was unterscheidet es von den Werken davor? 
Die Rückmeldungen zu den anderen Büchern waren überwiegend positiv. Die kritischen Stimmen gingen meistens in dieselbe Richtung, dass man so schwere und nässeanfällige Bücher nicht mit in den Wald nimmt. Aus dieser Kritik sind die Taschenbücher-Varianten entstanden. Beim dritten Buch habe ich mich jetzt gefragt, was jeder sowieso dabei hat. Als 21. Schnitzbuch auf dem Markt wollte ich nicht nur neue Ideen liefern, sondern musste etwas Spezielles anbieten. Deshalb gibt es neu zu jeder Anleitung zwei QR-Codes, mit denen sich die Anleitung aufs Smartphone laden sowie ein Video abrufen lässt.
Planen Sie eine Fortsetzung?
Kreativität, Schreibfluss und Schnitzlust halten sich bei mir nicht an geregelte Arbeitszeiten. Bei einer Familie mit drei Kindern ist es jedoch schwierig, wenn diese mitten in der Nacht aufkommen. Von dem her beisst sich das Schreiben mit meiner aktuellen Lebenssituation. Nach einem Jahr intensiver Arbeit an diesem Buch möchte ich warten, bis sich diese geändert hat. 

Auf Ihrem Youtube-Kanal finden sich Videos mit 200 000 Aufrufen. Was hat Sie dorthin geführt?
Privat bin ich immer auf Abstand zu den sozialen Medien gegangen, aber ein Freund empfahl mir, sie darüber zu vermarkten. Mittlerweile ist es für mich zu einer wichtigen Werbeplattform geworden. Wenn ich ein neues Buch in die Kamera halte, wird es von einigen Leuten gesehen. Es hat  absolut Suchtpotenzial, wenn deine Videos über 100 positive Kommentare erhalten. Unter Bushcraftern wird auch noch anständig kommuniziert – das sind Welten zu den Kommentaren unter Rap-Videos.

Mit Ihrem Beruf stehen Sie 
ziemlich allein. Würden Sie 
anderen empfehlen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen?
Ich bin kein Risiko eingegangen, weil ich immer wieder als Pädagoge hätte einsteigen können. Es hat viel Herzblut und Durchhaltewillen gekostet, um sich bekannt zu machen. Aber bei mir hat es funktioniert. Ich kann Eltern nur dazu raten, dass sie Kinder ihre Faszination ausleben lassen. Wenn man mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit anklopft, kann daraus Wertvolles entstehen. 

Sie sind seit Jahren mit Ihren Workshops unterwegs. Kommen da keine Franchise-Gedanken auf?
Mein Arbeitgeber und ich sind der Meinung, dass nicht jedes laufende Projekt sofort aufgeblasen werden muss. Du kannst die Spannung halten, indem es besonders bleibt. Ich muss gestehen, dass ich die «One-Man-Show» geniesse. Ich möchte im Moment kein Team führen und mit administrativen Aufgaben beschäftigt sein. Deshalb habe ich gar nicht so Lust darauf, eine grosse Geschichte daraus zu machen. (gk)

14. Apr 2019 / 00:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
hierbeimir_Logo_basic
Zu gewinnen ein Gutschein im Wert von 20 Franken von hierbeimir
18.06.2019
Facebook
Top