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"Mit weniger mehr haben"

«Global Happiness» titelt die laufende Ausstellung im Landesmuseum. Für LED-CEO Peter Ritter geht weltweites Glück nicht ohne Nachhaltigkeit.

Herr Ritter, der Untertitel der  Ausstellung lautet: «Was brauchen wir zum Glücklichsein?»  Was brauchen Sie dazu?
Peter Ritter:
Ich bin überzeugt, dass wir alle weit weniger brauchen, als wir derzeit glauben, haben zu müssen. Ich strebe danach, auf der Suche nach meinem Glück das Glücklichsein anderer nicht zu kompromittieren. So ist es die Nachhaltigkeit, die ich für mein Glück brauche. Mit Initiativen für mehr Effizienz allein wird es für uns alle nicht getan sein. Vielmehr braucht es eine Debatte um Suffizienz – was und wie viel brauchen wir zum guten Leben? Mit weniger mehr zu haben, ist ein gutes Motto.

Der Liechtensteinische Entwicklungsdienst (LED) brachte «Global Happines» von Aarau nach  Liechtenstein und hat damit  augenscheinlich einen Kracher  gelandet. Was macht die Ausstellung so anziehend? 
Das Glücksstreben ist eine alte und weltweite Sehnsucht des Menschen. In einer Zeit der materiellen (Über-) Sättigung suchen viele Menschen verstärkt nach dem tieferen Sinn. Die aktuelle Gesundheitskrise regt uns zusätzlich zu Gedanken um Sinn und Wert des Lebens an. Nachhaltiges Wohlsein kann dafür viel bieten. Diese intensive Suche ist eine wichtige und notwendige Zeiterscheinung, wenn wir unsere Existenz als Gattung Mensch und unser aller Wohl auf diesem wunderbaren Planeten erhalten wollen. Zudem sind alle Menschen direkt betroffen und können als Experten bei diesem Thema teilhaben.

Im Mittelpunkt der multimedialen Ausstellung stehen Glücksgeschichten und -konzepte aus aller Welt. Welches sind die  wesentlichen Unterschiede im  länderbezogenen Glücks- empfinden?
Nahrung, Gesundheit, Bildung, Sicherheit, ein Auskommen und ein soziales Netz, das trägt und schützt, sind essenziell. Die Wertschätzung dessen, beharrlicher Optimismus und Durchhaltevermögen sind wirksame und erlernbare Katalysatoren zum Wohlsein. Da unterscheiden wir Menschen uns nicht wesentlich. Es sind meines Erachtens vielleicht Nuancen, die abweichen, und das eher von Mensch zu Mensch als von Land zu Land.

Mit der Definition von Glück setzt sich auch die Wissenschaft auseinander. Welchen Platz  nimmt dieser Bereich in der Entwicklungszusammenarbeit ein?
Die Erfüllung der Grundbedürfnisse unter Einhaltung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit ist eine Kernaufgabe der  Entwicklungszusammenarbeit und somit auch des LED bei der Umsetzung seines Mandats im Auftrag der Regierung und der liechtensteinischen Bevölkerung. Die messbaren Resultate und die erzielte Wirkung der Projekte orientieren sich an den Grundbedürfnissen und Menschenrechten. Daraus resultieren viele Momente des Glücks und auch langanhaltendes Wohlsein.

In welchem Zusammenhang  stehen Glück und Nachhaltigkeit?
Nachhaltige Entwicklung ist prinzipieller Konsens und als dringendes Ziel anerkannt, aber nicht selten werden damit Einbussen der Lebensqualität assoziiert. Dies gilt vor allem, wenn es um suffiziente Lebensstile geht. Auf den ersten Blick passen Glück und Nachhaltigkeit somit nicht unbedingt zusammen, aber auf den zweiten Blick zeigen sich ganz andere Einblicke und mögliche Verbindungen, denn aus dem Verzicht entsteht oft ein Gewinn an Wohlsein, Glück und Lebensqualität 

Die Liechtenstein-spezifische  Zusatzausstellung trägt den Titel «solidarisch – weil Liechtenstein das Wohl aller am Herzen liegt». Wie ist es um das zivilgesellschaftliche und globale Engagement im Land bestellt? 
Der Titel ist eine Aussage. Liechtenstein engagiert sich. Es ist unabdingbar, das Richtige – und zwar richtig – zu tun. Die Ausstellung belegt dies. Der Titel ist auch ein subtiler Imperativ. Lasst uns mehr tun, weil uns das Wohl aller Menschen am Herzen liegt!  

Die 17 Ziele der nachhaltigen  Entwicklung der Agenda 2030, vor fünf Jahren definiert und von allen UNO-Mitgliedstaaten unterzeichnet, ziehen sich als roter Faden durch die Sonderausstellung. Wie muss man sich deren Umsetzung vorstellen? 
Ich zitiere gerne aus der Agenda 2030: «… Diese Agenda ist ein Aktionsplan für die Menschen, den Planeten und den Wohlstand. […] Alle Länder […] werden diesen Plan in kooperativer Partnerschaft umsetzen. Wir sind entschlossen, die Menschheit von der Tyrannei der Armut und der Not zu befreien und unseren Planeten zu heilen und  zu schützen. Wir sind entschlossen,  die kühnen und transformativen Schritte zu unternehmen, die dringend notwendig sind, um die Welt auf den Pfad der Nachhaltigkeit und der Widerstandsfähigkeit zu bringen. Wir versprechen, auf dieser gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zurückzulassen.Wir, die Staats- und Regierungschefs und Hohen Vertreter, ver- sammelt vom 25. bis 27. September 2015 am Amtssitz der Vereinten Nationen in New York zum siebzigsten Jahrestag der Organisation, haben heute neue globale Ziele für nachhaltige Entwicklung beschlossen. Im Namen der Völker, denen wir dienen, haben wir einen historischen Beschluss […] gefasst. Wir verpflichten uns, uns unermüdlich für die volle Umsetzung dieser Agenda bis zum Jahr 2030 einzusetzen.» Wenn das keine Ansage ist. Also, los geht’s! Wir Bürger der Welt sollten geflissentlich zur Umsetzung anmahnen, denn es sind 17 hehre Ziele, deren Erfüllung uns zustehen. Die Lektüre des gesamten Dokuments kann ich übrigens sehr empfehlen. 

Hat Liechtenstein bei Ziel 12 – verantwortungsvoller Konsum und Produktion – Ihrer Meinung nach noch Nachholbedarf? 
Ich habe vor einigen Wochen gelesen, dass wir Liechtensteiner, die uns für dieses Jahr zustehenden Ressourcen – trotz Corona-Lockdown – bereits verjubelt haben. Die Idee, allen Menschen und künftigen Generationen einen Lebensstil zu ermöglichen, der demjenigen heute in Industrieländern entspricht, ist nicht realisierbar. Es gilt, für alle Menschen einen Lebensstil zu finden, der dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung entspricht.

Ist der Einsatz zum Wohle anderer  ein Glücklichmacher? Steht  gemeinschaftliches Glück über dem privaten?
Wenn ich etwas im Leben mit Sicherheit erfahren habe, dann ist  es die Tatsache, dass gegebenes Glück  – zwar nicht unmittelbar, aber doch immer und immer vermehrt – zum Ursprung zurückfindet. Punkt! Zweitens: Gemeinwohl steht über dem Individuum, da gibt es keinen Interpretationsspielraum. 

Seit 23 Jahren arbeiten Sie in der Entwicklungszusammenarbeit, davon 15 Jahre als Geschäftsführer und 5 Jahre als Verantwortlicher für diverse liechtensteinische Entwicklungsprojekte. Schon bald verlassen Sie den LED. Ein  würdiges Happy End mit «Global Happiness» sozusagen. Wer wird Ihr Nachfolger und wie geht es für Sie weiter? 
Ja, mein Abschied vom LED wird durch die Ausstellungen «Global Happiness» und «solidarisch» im Landesmuseum zu einem finalen Höhepunkt und auch Ausdruck meiner Weltanschauung. Die Zusammenarbeit mit der Schweizer Partnerorganisation Helvetas sowie den liechtensteinischen Partnern (Amt für Auswärtige Angelegenheiten, Netzwerk für Entwicklungszusammenarbeit und Vereinigung der liechtensteinischen gemeinnützigen Stiftungen und Trusts) bringt viele geschätzte Personen zusammen, die sich gemeinsamen Zielen der nachhaltigen Entwicklung zuordnen. Mein grosser Dank gilt allen Beteiligten! Ich freue mich sehr, in den kommenden Wochen meiner Nachfolgerin Nicole Matt-Schlegel, der ich viel Energie und Herzblut für die herausfordernde, aber sehr befriedigende Arbeit wünsche, meine Pflichten beim LED zu übergeben. Meine Chance zur Neuorientierung nehme ich als Herausforderung und mit einer guten Portion Offenheit für Neues an. Gerne werde ich meine bisherige Lebenserfahrung auch weiterhin in den Dienst für eine zukunftsfähige Entwicklung stellen. Wie genau das erfolgt? Ungewiss, aber ich bleibe optimistisch und bin sehr gespannt ... 

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit  während der vergangenen Jahre glücklich gemacht?
Ich habe es immer als Privileg empfunden, im Namen Liechtensteins und seiner Einwohner die anerkannte und noble Aufgabe zu erfüllen, vielen benachteiligten Menschen dieser Welt eine Entwicklungsperspektive geben zu können. Insbesondere der Lebensabschnitt in Ostafrika hat mich emotional nachhaltig geprägt und mit anhaltendem Glück bereichert. Afrika ist Teil meines Lebens geworden – auch durch meine Frau Sarafina und unsere drei Kinder. 

Wie könnte nachhaltiges Glück aussehen?
«Nachhaltiges Glück ist Glück, das zu persönlichem, gemeinschaftlichem und globalem Wohlbefinden beiträgt und nicht andere Menschen, die Umwelt oder kommende Generationen schädigt» (Dr. Catherine O’Brien, Kanada). Liechtenstein hat alle Potenziale, diesbezüglich ein Vorbild zu werden.

Hat der Besucher beim Verlassen des Landesmuseums ein Lächeln auf den Lippen oder geht er nachdenklich wieder seines Weges?
Die Besucherinnen und Besucher werden mit nachdenklicher Zuversicht, hoffentlich mit einem Lächeln weiterziehen, nachhaltiges Glücklichsein suchen, finden und durch Weitergeben vermehren. Besuchen Sie die Ausstellung und und erleben Sie es selbst. Sie können dort auch Ihr persönliches Glücksniveau testen … (ge)

23. Mai 2020 / 19:32
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