•  (Daniel Schwendener)

"Kinder sind etwas vom Wertvollsten"

Seit April gibt es in Liechtenstein den Verein SOS-Kinderdorf. Warum es die Institution braucht und wie sie helfen möchte, erzählt Magdalena Frommelt.

Frau Frommelt, wem der Name SOS-Kinderdorf ein Begriff ist, hat schnell das Bild von einem Walserdorf mit Kindern und Müttern im Kopf. 
Magdalena Frommelt:
Das stimmt. SOS-Kinderdorf ist weltweit für seine Kinderdörfer bekannt. Allerdings wird es ein solches in Liechtenstein nicht geben. Das ist nicht geplant. Dafür sind die Fallzahlen im Land zu gering.

Dann ist an dem Gerücht, dass aus dem Kinderheim Gamander ein SOS-Kinderdorf entstehen soll, nichts dran?
Nein, absolut nichts! Das Gerücht höre ich zum ersten Mal und muss es dementieren. Das Kinderheim Gamander wird vom Liechtensteinischen Roten Kreuz und betrieben und das wird auch so bleiben. 

Wie viele Kinder in Not gibt es in Liechtenstein überhaupt?
Das kommt darauf an, wie wir überhaupt den Begriff «Kind in Not» definieren. Grundsätzlich kümmert sich SOS-Kinderdorf weltweit um Kinder, die schwer traumatisiert sind, vernachlässigt oder misshandelt wurden oder wenn sich die Eltern nicht mehr um die Kinder kümmern können, weil sie zum Beispiel unter Depressionen leiden oder drogenabhängig sind. Eine Fremdplatzierung ist für ein Kind der absolute Härtefall. Heute versucht man, immer zuerst die Kinder bei der Familie zu lassen und durch Familienstärkungsprogramme mit Sozialpädagogen zu unterstützen. Ich kann Ihnen für Liechtenstein keine konkrete Zahl nennen. Dazu müssten Sie das Sozialamt befragen. Laut Studie von der Sophie von Liechtenstein Stiftung «Frühe Kindheit in Liechtenstein» von Christoph Jochum ist die Lebenssituation von 8 bis 10 Prozent aller liechten­steinischen Eltern, die ein Kind zur Welt bringen, so stark belastet, dass ein deutlich erhöhtes Risiko für Be­ein­trächtigungen der kindlichen Entwicklung mit lebenslangen gesundheitlichen, sozialen, schulischen und beruflichen Nachteilen besteht. Dies betrifft Anfang 2019 zirka 100 bis 130 Familien mit rund 200 Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren. 

Was ist Ihre Aufgabe in Liechtenstein? 
SOS-Kinderdorf ist heutzutage nicht mehr nur das Kinderdorf als Institution, sondern eine international tätige Organisation, die einen aktiven Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen leistet, die ihre Eltern verloren haben oder Gefahr laufen, diese zu verlieren. Eben für Kinder in Not. Das geschieht durch die Generierung von Spenden und anderen Einnahmen zur Finanzierung von Programmen und Projekten weltweit. 

Seit wann gibt es den gemeinnützigen Verein? 
Nun, das SOS-Kinderdorf gibt es seit 1949. Hermann Gmeiner, ein Vorarlberger, hat das erste Kinderdorf am 25. April 1949 in Imst gegründet und gebaut. Seine Idee ging um die Welt. Heute haben wir circa 2700 Einrichtungen und 2000 Programme in 
136 Ländern. Der gemeinnützige Verein SOS-Kinderdorf Liechtenstein wurde am 9. April gegründet. 

Gibt es schon ein erstes Fazit von Ihrer Arbeit in Liechtenstein?
Was ich bis jetzt sagen kann, ist, dass wir in Liechtenstein noch recht viele Organisationen haben, die sich für das Wohl der Kinder und die Rechte der Kinder auf dieser Welt einsetzen. Was ich aber auch erlebe, ist, dass diese zu wenig miteinander vernetzt sind. Nächstes Jahr werde ich mich mit dem Thema intensiv auseinandersetzen und sehen, wo sich SOS-Kinderdorf Liechtenstein einbringen und helfen kann. Zurzeit haben wir keine Spenden, die zweckgebunden an Liechtenstein sind. Aber selbstverständlich kommen wir dem Wunsch von Spendern nach, die Kinder und Jugendliche in Liechtenstein berücksichtigen wollen. 

Sie sagen, SOS-Kinderdorf engagiert sich in verschiedenen Bereichen. Welche wären das?
Ursprünglich ist die Organisation aus der Kinderdorf-Idee entstanden. Wenn wir uns diese Kinderdörfer einmal anschauen, bestehen sie heute nicht nur aus Unterkünften. Heute gehören Schulen und Kindergärten dazu sowie Gesundheitszentren. In Krisengebieten hat es zum Beispiel auch Spitäler und Krisenzentren. Und wie gesagt liegen uns Familienstärkungsprogramme, Bildung, Gesundheit und die Rechte der Kinder sehr am Herzen. 

Sie haben gerade das erste Spendenprojekt gestartet. Dabei sammeln Sie für die Nothilfe der SOS-Kinderdörfer in Syrien. Warum Syrien?
Der Bürgerkrieg in Syrien dauert nun schon acht Jahre. Seit seinem Beginn sind offiziell über 7000 Kinder ums Leben gekommen, inoffiziell sind es wohl um ein vielfaches mehr. Die Not dort ist immer noch akut. 2018 wurde zum tödlichsten Jahr für Kinder in Syrien seit Beginn des Bürgerkrieges. SOS-Kinderdorf ist seit rund 30 Jahren in Syrien aktiv. Seit dem Bürgerkrieg leisten wir zusätzlich Nothilfe. Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, die Kinder mit ihren Familien wieder zusammenzuführen. Für 72 Kinder im Kinderdorf in Damaskus war das jedoch nicht möglich. Nun müssen wir das Kinderdorf umstrukturieren und für sie eine dauerhafte familienähnliche Betreuung einrichten. Dafür sammeln wir Spenden in Liechtenstein.

Wie gross ist die Spendenbereitschaft der Liechtensteiner?
Zum Glück sehr gross. In Liechtenstein gibt es viele Menschen, private Förderer und Stiftungen, die helfen wollen. Und auch wenn die Institution SOS-Kinderdorf im Land nicht so bekannt ist wie zum Beispiel in Österreich, durften sich die SOS-Kinderdorf-Vereine in der Schweiz, Österreich und Deutschland immer wieder über die Grosszügigkeit der Liechtensteiner freuen. Mich freut es, wenn künftig diese Spenden direkt aus Liechtenstein kommen und in die nationalen und internationalen Programme einfliessen werden, die SOS-Kinderdorf weltweit hat. Ich hoffe, dass die Menschen sehen, wie grossherzig die Liechtensteiner sind. Eine Marke wie SOS-Kinderdorf in Liechtenstein zu haben, ist sicher eine Bereicherung für das Land.

Da war es sicher nicht schwer, Prinzessin Tatjana von Lattorff als Schirmherrin gewinnen zu können …
Dass wir I. D. Tatjana von Lattorff als Schirmherrin für SOS-Kinderdorf Liechtenstein gewinnen konnten, ist für uns eine grossen Ehre und erfüllt uns mit Freude. Sie strahlt so viel Herzlichkeit und Güte aus, wie ich ihre Grossmutter, Fürstin Gina, noch als Kind in Erinnerung habe. Mit ihr als Schirmherrin haben wir in der Tat ein grosses Glück und meiner Meinung nach hätten wir keine Bessere finden können. Als erfahrene Mutter und Managerin von sieben Kindern verkörpert sie genau das, was SOS-Kinderdorf repräsentiert. Wir sind dafür wirklich sehr dankbar. 

Warum engagieren Sie sich für SOS-Kinderdorf?
Kinder sind für mich etwas vom Wertvollsten, weil sie unsere Zukunft sind. Ich empfinde es als eine sehr sinnvolle Aufgabe, für Kinder, die in Not sind, tätig zu sein, Spenden zu sammeln und damit nationale und internationale Programme zu unterstützen, damit die Kinder wieder froh in die Zukunft blicken können. Ich glaube, Kindern wieder Wurzeln geben zu können, ist eine schöne Aufgabe. Ausserdem erreichen wir mit unserer Arbeit nicht nur die Kinder, sondern auch ihr Umfeld und können so eine ganze Gesellschaft verändern. (sms)

23. Nov 2019 / 20:11
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