• Niko Panagiotidis und Krisztina Zürcher
    Niko Panagiotidis und Krisztina Zürcher  (Daniel Schwendener)

"Faire Löhne für alle sind uns wichtig"

Eine faire Bezahlung – das hängt nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch von den Kunden ab. Ein Gespräch über Mindestlöhne in der Reinigungsbranche.

Ein Blick in die Lohnstatistik zeigt: 14 Prozent der Arbeitnehmer in Liechtenstein verdienen weniger als 3000 Franken monatlich. Oft handelt es sich dabei um Teilzeitstellen und meist sind es Frauen, die sich mit tieferen Löhnen begnügen müssen. 

Herr Panagiotidis, Frau Zürcher, Ihre Branche gehört zu den umstrittensten, wenn es um Mindestlöhne geht.
Niko Panagiotidis: Das stimmt. Aber es lohnt sich, in unserer Branche über Mindestlöhne zu sprechen. Denn das Lohndumping wirkt sich direkt auf die Preise und den Markt aus. Das ist deutlich zu spüren. Der Markt ist stark umkämpft.

Wie macht sich das bemerkbar?
Krisztina Zürcher: Am deutlichsten ist der Preiskampf bei der Auftragsvergabe zu spüren. Immer wieder wählen Kunden die Konkurrenz aufgrund des tiefsten Angebots.

Niko Panagiotidis: Verstehen Sie uns nicht falsch: Wir gönnen unseren Konkurrenten ihre Kunden. Jeder hat seine Daseinsberechtigung und der Markt ist gross genug. 

Krisztina Zürcher: Die Personalkosten machen in unserer Branche etwa 74 Prozent des Preises aus, dazu kommen noch Materialkosten, Autos, Geräte, Versicherungen, Miete und so weiter. Die Gewinnmarge für das Unternehmen ist allgemein gering. Wenn man sparen beziehungsweise die Preise tief halten möchte, geht das entweder, indem man die vertraglich vereinbarten Leistungen nicht einhält oder über die erwähnten Nebenkosten. 

Niko Panagiotidis: Der Gesamtarbeitsvertrag ist ein Schutz für die Mitarbeiter und darüber hinaus eine Unterstützung für den Arbeitgeber. Mindestlohn, Ferienguthaben, Arbeitszeiten, Zuschläge und so weiter – das alles ist darüber geregelt. 

Wie verhält es sich mit der Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen in der Branche? Gibt es da ebenfalls Unterschiede?    
Niko Panagiotidis: Der Gesamtarbeitsvertrag unterscheidet nicht zwischen Frau und Mann – und wir auch nicht. Was das betrifft, können wir nur von uns ausgehen. In unsere Lohnkalkulation fliessen verschiedene Faktoren mit ein: Wie lange arbeitet die Person in der Branche? Welche Ausbildung hat sie? Wie alt ist sie? Wie lange arbeitet sie schon im Betrieb? Dementsprechend werden die Mitarbeitenden entlohnt. Wenn es Unterschiede beim Lohn zwischen Mann und Frau gibt, dann, weil sie nicht in derselben Abteilung arbeiten. In der Unterhaltsreinigung arbeiten fast ausschliesslich Frauen. Wir haben überhaupt wenig männliche Angestellte und diese arbeiten fast alle als Hauswarte und haben von daher schon einen anderen Lohn. Da Vergleiche zu ziehen, ist schwierig. 

Krisztina Zürcher: Es ist allgemein bekannt, dass Angestellte in der Reinigungsbranche nicht denselben Lohn haben, wie zum Beispiel jemand, der im Büro arbeitet. Auf der anderen Seite wäre der Kunde nicht bereit, angemessene Preise zu bezahlen. Allgemein kann man aber nicht sagen, dass sie weniger als 3000 Franken im Monat verdienen. Monatslöhne sind in der Branche nicht üblich. Die meisten Mitarbeitenden sind Teilzeitkräfte oder arbeiten auf Stundenbasis.

Die Mitarbeiter müssten doch darauf bestehen, dass der Gesamtarbeitsvertrag eingehalten wird …
Niko Panagiotidis: Klar. Doch in der Reinigungsbranche werden Sie kaum Liechtensteiner oder Schweizer finden. Das sind grösstenteils Menschen mit Migrationshintergrund. Wir haben Angestellte aus Portugal, Ungarn, Griechenland, Somalia, den Philippinen und noch einigen anderen Ländern. Zum Teil sind das sehr gut ausgebildete Personen. Teilweise mit einem Studium. Doch aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse finden sie in Liechtenstein bzw. der Schweiz keine Stelle in ihrer Branche. Also entscheiden sie sich für die Reinigungsbranche. 

Krisztina Zürcher: An dieser Stelle möchte ich gern noch betonen: Diese Menschen nutzen nicht die Leistungen des AMS oder der Arbeitslosenkasse. Stattdessen entscheiden sie sich dazu, als Reinigungskraft zu arbeiten und produktive, Steuer zahlende Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Ich meine, das sollte man anerkennen.  

Wie gut sind die Angestellten in der Branche ausgebildet?
Krisztina Zürcher: Es gibt in der Schweiz und Liechtenstein bestens ausgebildete Reinigungsfachkräfte. Sonst ist die Ausbildung des Personals Sache des Unternehmens. 
Regelmässige Schulungen gehören dazu.

Gehen die Kunden davon aus, dass die Mitarbeiter gerecht entlohnt werden?
Niko Panagiotidis: Das weiss ich nicht. Nach dem Gesamtarbeitsvertrag wird nicht gefragt. Höchstens nach der Preisdifferenz. Aber selbst das ist selten – leider. Tatsächlich ist es den Kunden sogar wichtiger, dass die Reinigungskraft zum Arbeitsumfeld passt, als dass sie gerecht entlohnt wird. Sprich: Sie sollte perfekt Deutsch sprechen, bestens ausgebildet sein und möglichst gut aussehen. Solche Anforderungen werden nicht selten gestellt. Auch sonst sind die Ansprüche der Kunden hoch. Heute müssen die Reinigungsmittel oft bio und vegan sein, gerade wenn kleine Kinder oder Haustiere da sind. Wir wurden auch schon gefragt, ob wir nicht einen Akkulaubbläser verwenden könnten, weil ein benzinbetriebener zu viel Lärm mache.

Krisztina Zürcher: Da stellt sich die Frage: Welche Preise sind noch seriös, wenn man von einem Reinigungsunternehmen nicht nur eine saubere Auftragsausführung, sondern auch umweltfreundliche Reinigungsmittel, spezielle Maschinen, korrekte Arbeitsbedingungen und die beste Ausbildung für die Angestellten erwartet? Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass gerade bei sehr günstigen Angeboten nicht alle Anforderungen eingehalten werden können. Interessant ist, dass vielen faire Löhne bzw. Arbeitsbedingungen in anderen Ländern wichtiger sind. Dafür ist man sogar bereit, mehr zu bezahlen.^

Wie meinen Sie das?
Krisztina Zürcher: Wenn man einen Fair-Trade-Kaffee haben möchte, bei dem man weiss, dass die Arbeiter auf der Plantage gerecht entlohnt werden, muss man mehr bezahlen. Und so ist es in allen Bereichen: Gute und faire Leistung kostet mehr. Das gilt auch für die Reinigungsbranche. Beim Kaffee oder der Schokolade nimmt man das gerne in Kauf. Bei der Reinigungskraft, die unser Umfeld sauber hält, hat man wenig Verständnis dafür. (sms)

07. Mär 2020 / 20:55
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