• Linus Schumacher, Grabs
    Linus Schumacher und seine Frau betreiben ein Waisenhaus in Nairobi.  (Tatjana Schnalzger)

"Es ist schön, zu sehen, was alles möglich ist"

Linus Schumacher unterstützt mit seinen Geschwistern ein Kinderheim in Nairobi. Zudem bauten sie eine Schule und kauften eine Farm .

Der Verein Kinderheim St. Paul unterstützt das Kinderheim in Nairobi, Kenia. Wie kam es dazu? 
Linus Schumacher, Vorstand Verein Kinderheim St. Paul: Das Kinderheim gab es bereits, es war purer Zufall. Unsere Ferien verbrachten wir oft in Kenia und Ostafrika. Wir gehen gerne in die Berge wandern. Vor etwa zehn Jahren erzählte uns der Bergführer von seiner Cousine, die ein Kinderheim leitete. Also statteten wir ihr einen Besuch ab. Für das Heim kauften wir eine Ziege für die Fleischproduktion und später ein paar Nähmaschinen zum Arbeiten. Damit fertigten sie Moskitonetze. So fing es an. Doch eines Tages brannte das Kinderheim nieder. Wir hatten zwar kein Geld, um ein Kinderheim zu bauen, fanden aber zum Glück jemand anderen. Von da an unterstützen wir es finanziell mit Spendengeldern. Die Kinder vom Heim hatten nicht einmal warmes Wasser zum Duschen. Nairobi liegt etwa 1800 Meter über Meer. Da kann es schon recht kalt werden, das ist dann nicht das warme Afrika. Doch mit einem Solarpanel und einem Tank haben wir für Warmwasser gesorgt und sie waren so dankbar dafür.

Dazu gehört auch eine Schule?
Vorher befand sich eine Privatschule im Kinderheim, gehörte aber der Direktorin und zwei Schwestern. Die Kinder vom Heim besuchten mit unserer Unterstützung den Unterricht. Eine der Schwestern wollte plötzlich das Grundstück und die Leute mussten gehen. Innert drei Monaten stellten wir ein paar hundert Meter vom Heim entfernt ein neues Schulhaus auf, in dem nun 130 Schüler vom Vorkindergarten bis zur achten Klasse unterrichtet werden. Die Schule gehört aber nicht zum Heim.

Gehen nur die Kinder vom Heim in diese Schule?
Und vom Quartier, in dem die armen Leute leben. Daneben befindet sich gleich Karen (dort spielte der Film «Out of Africa»), wo viele Engländer und reiche Leute wohnen. 

Wie oft besuchen Sie das Heim?
Mindestens zweimal im Jahr, manchmal auch öfters. Die Reise bezahlen wir aus eigener Tasche, für das Heim und die Schule sammeln wir Spenden. Wir möchten wissen, wie die Spendengelder eingesetzt werden. Unseren Sponsoren gegenüber sind wir verpflichtet, dass alles funktioniert. Darum ist mir die Kontrolle auch wichtig. Jeden Monat erhalten wir vom Heim einen Bericht. Jedoch verzögern sich jeweils die Abstände. Den vom Dezember zum Beispiel erhielt ich am 14. Januar. 

Diesbezüglich herrscht wahrscheinlich eine andere Mentalität?
Am Anfang hatte ich Mühe damit. Man vereinbart etwas und zwei Wochen später ist es noch immer nicht erledigt. Das muss man einfach akzeptieren, es ist ja nicht böse gemeint. Ich habe mich damit abgefunden. Im Heim sagen sie zwar, ich sei streng und verlange viel. Aber für mich gilt das, was vereinbart wurde. Ich stehe mit ihnen per Whatsapp in Kontakt und wenn es dringend ist, telefoniere ich mit ihnen. Anders würde es gar nicht gehen. Der Bergführer und der Elektroingenieur, das sind mittlerweile gute Freunde von uns geworden,  wohnen in der Nähe und schauen hin und wieder nach dem Rechten. 

Zeigt sich diese Schwierigkeit auch in anderen Bereichen?
Wir haben beispielsweise eine Solarpumpe, um das Wasser aus dem Boden zu befördern. Da es aber oft windet, müssen die Panels jeweils geputzt werden. Wenn ich nachfrage, heisst es immer: «Ja, wir haben sie geputzt.» Als ich nachschaute, konnte ich meinen Namen in den Staub schreiben. Dann funktionieren sie eben nicht mehr. 

Das letzte Mal waren Sie im Oktober dort? 
Da war gerade die Schulschlussfeier und wir brachten einige Laptops mit. Wir haben vor einiger Zeit für das Kinderheim eine Farm gekauft, die etwa drei bis vier Fussballfelder gross ist. Diese haben wir ebenfalls besucht, da dort die Bewässerung noch fertiggestellt werden muss. Sobald diese funktioniert, wachsen die Pflanzen und dann kann drei bis vier Mal im Jahr geerntet werden. 

Ist die Farm für den Eigengebrauch gedacht?
Das Heim braucht etwa ein Drittel der Farm, der Rest kann für den Verkauf produzieren. Es ist sozusagen ein Mittel zur Selbsthilfe, damit sie auch zu Geld kommen. Dann müssen sie uns nicht wegen jedem Tisch oder Kleinigkeit fragen. Letztes Jahr haben sie Knoblauch angepflanzt und den konnten sie teuer verkaufen. Sie haben einen Vertrag mit einer Gesellschaft abgeschlossen, die den Knoblauch abholt. Bohnen pflanzen sie auch, beides kann drei Mal im Jahr geerntet werden. So werden sie finanziell immer unabhängiger. Auf der Farm beschäftigen wir derzeit zwei Personen. Einer haben wir die Ausbildung bezahlt, damit sie etwas versteht von der Farm. Jetzt arbeitet sie aber auf einer anderen Farm zehn Kilometer entfernt. Da wird sie wohl besser bezahlt. Nun haben wir einer weiteren die Ausbildung finanziert. Das ist nicht schlimm, so haben zwei eine Ausbildung anstatt nichts und sie verstehen etwas von Gemüse. Das ist auch eine Entwicklung. 

Sie unterstützen auch Privatpersonen?
Ich unterstütze eine junge Frau, die im Heim aufgewachsen ist und Medizin studiert. Wenn alles gut geht, macht sie nächstes Jahr ihren Abschluss und ist Ärztin. Das Studium konnte ich ihr nicht finanzieren, dafür aber die Wohnung, Bücher und etwas Taschengeld. Sie ist jetzt 26 Jahre alt und wenn sie den Abschluss macht, gehe ich sie besuchen. Ich bin sehr stolz auf sie, sie hatte immer gute Noten und hat echt hart gearbeitet. Es ist schön, zu sehen, was alles möglich ist. 

Wie viele Kinder beherbergt das Heim? 
Laut Report derzeit 30 Kinder. Es bietet Platz für 40 bis 45. Die Polizei oder das Childrens Department bringt sie zu uns, wenn sie keine Eltern mehr haben oder auf der Strasse leben. Ab dann sind wir verantwortlich. Wir hatten auch schon Fälle von jungen Frauen aus Samburu im Norden. Sie sollten mit 14 Jahren an 50-jährige Männer verheiratet werden, das ist dort noch so üblich, und sind geflohen. Obwohl in Kenia die Schulpflicht herrscht, haben die meisten noch nie eine Schule besucht, sprechen also weder Suaheli noch Englisch. Das Volk lebt so abgelegen, da gibt es keine richtigen Kontrollen. Die Landessprache in Kenia ist Suaheli und die Kinder in der Schule sprechen meist drei Sprachen: Englisch, Suaheli und die Muttersprache. 

Werden die jungen Frauen dann noch in die Schule geschickt?
Ja, aber stellen Sie sich das einmal vor: Eine 14-Jährige, die schon ein Kind hat unter lauter Erstklässlern. Wir haben auch schon zwei schwangere Mädchen aus dem Samburu aufgenommen. Die wussten nicht einmal, dass man von Sex schwanger werden kann. Eine junge Frau glaubte nicht einmal, dass sie schwanger war. Als sie dann im Spital ihre Kinder auf die Welt bringen wollten, riefen sie uns an, sie müssten erst 100 Dollar bezahlen, bevor sie behandelt werden. Nun haben wir für alle Heimkinder eine Krankenversicherung abgeschlossen.

Welche Projekte stehen derzeit an? 
Wir müssen eine neue Wasserleitung bauen. Vor der Schule befindet sich eine Strasse, welche die Chinesen geräumt haben. Dabei ging die Wasserleitung kaputt. Das ist 1,5 Jahre her und niemand repariert sie. Per Lastwagen erhalten die Kinder nun Wasser. Die Leute, die an der Strasse wohnen, haben gar kein Wasser. Alle regen sich auf, aber niemand tut etwas. Da wir im Kinderheim sauberes Wasser haben, kaufen es die Dorfbewohner bei uns. Es ist zwar nicht so sauber, wie wir es gerne hätten, da sich Fluor darin befindet. Bei uns ist die Menge nicht so tragisch, aber weiter im Norden haben die Leute davon gelbe Zähne und kaputte Gelenke. Diesbezüglich läuft ebenfalls ein Projekt. Es gibt noch viel zu tun. Das hängt immer davon ab, wie viel Geld wir zur Verfügung haben. 

Was geschieht mit den Kindern, wenn sie aus dem Heim kommen?
Die Jungs verschwinden meist nach der achten Klasse mit 14 Jahren und man weiss nicht, was mit ihnen passiert. Die Spur geht verloren. Die Mädchen besuchen oft noch eine High School, so ist es weniger problematisch. Die Kinder haben nach der Zeit im Heim nichts und sind oft auch hilflos. Wir stiessen im Heim auf eine Sozialarbeiterin und sie möchte etwas für die Zukunft der Kinder nach dem Heim aufbauen. Beispielsweise eine Berufsausbildung ermöglichen und unterstützend beiseite-
stehen. Dafür müssen die Jugendlichen dann auch etwas tun und wollen. Es kommt nicht direkt von uns, sondern von der Sozialarbeiterin, die wir dann auch bezahlen würden. Es gibt durchaus einige, die nach dem Heim eine Ausbildung absolvieren und jetzt gute Jobs haben.

Wie läuft es mit den Spenden? 
Viele zahlen jeweils ein bisschen. Wenn wir ein grosses Projekt haben, wie das neue Schulhaus, müssen wir auf die Suche gehen und ich schreibe Briefe und hoffe. Bis jetzt hat es funktioniert. Wir fanden auch jemanden, der die Krankenversicherung von 50 Franken im Monat für die Kinder übernimmt. Eine Schulgemeinde spendete auch schon Bücher und Hefte. (ms)

18. Jan 2020 / 21:50
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