• Fischerei-Verein Werdenberg
    Regula Jost und Christian Schwendener vom Fischereiverein Werdenberg.  (Daniel Schwendener)

"Es geht nicht nur um die Fische"

Der Fischereiverein Werdenberg setzt sich seit 125 Jahren für die Gewässer in der Region ein. Die Aufgaben reichen von Artenerhalt bis Gewässerschutz.

Der Fischereiverein Werdenberg  feiert heuer das 125-Jahr-Jubiläum, was habt ihr dazu geplant?
Regula Jost, Präsidentin: Im Mai ist die Fischzuchtanlage in Sevelen, die sonst nicht öffentlich zugänglich ist, für die Bevölkerung geöffnet. Zudem gibt es im Juni wieder die «Bachputzete», die diesmal auf das gesamte Gebiet ausgeweitet wird, und im November ein Jubiläums-Fischessen. 

Welche Fischarten züchtet ihr?
Christian Schwendener, Gewässerschutz und Aufzuchtanlage: Erst züchteten wir die Regenbogen- und die Bachforelle. Doch wurde dann die Regenbogenforelle als nicht heimisch deklariert. So beschloss der Verein, die Äsche, die in der Schweiz auf der roten Liste steht – also vom Aussterben bedroht ist –, zu züchten. Einige von uns haben sich im Ausland erkundigt, wie das funktioniert, denn in der Schweiz züchtete dazumal sonst niemand Äschen. Also gingen die Initianten das Projekt mit viel Zeitaufwand an. Es gab viele Rückschläge und es galt, auszuprobieren. Dies ging recht turbulent zu und her, bis wir alles im Griff hatten. Rund 20 Leute stehen im Frühling dafür im Einsatz. Zwischen März und April beginnt die Äsche zu laichen.

Wie viele Tiere befinden sich in der Anlage?
Christian Schwendener: Wir haben einen Stamm von 800 bis 1000 Muttertieren, die jedes Jahr etwa 120 000 Eier ablegen. Die Fische werden etwa sechs Jahre lang gestreift. Danach werden die Elterntiere aussortiert und wieder zurück ins Gewässer gesetzt. Aus der Brut stossen neue Äschen dazu, um die Vielfalt in der Genetik beizubehalten. 

Welche Herausforderungen hält dabei die Natur bereit?
Christian Schwendener: Die Zucht gestaltet sich wegen dem Biber als schwierig. Er wirbelt den Sand auf und im Frühling beschädigt er damit die Brut in den Gläsern wie auch die Jungtiere, die frisch geschlüpft sind. Es ist eine Kontroverse, da der Biber in der Schweiz ebenfalls auf der roten Liste steht. 

Befindet sich die Zucht denn direkt im Bach?
Regula Jost: Das reine Bachwasser fliesst oben herein, durch die Gräben der Anlagen und unten wieder heraus, also ein Durchlauf durch die Anlage. Trotzdem ist alles eingezäunt und verschlossen. 

Wie gross ist euer Pachtgebiet?
Regula Jost: Der gesamte Kanal misst etwa 21 Kilometer. Das Pachtgebiet beginnt kurz nach dem Tankgraben in Wartau in Sevelen und reicht bis Höhe der Tanklager in Sennwald. Alle Seen und Bäche der Gemeinden in diesem Gebietsabschnitt sind im Pachtgebiet eingeschlossen. 

Habt ihr als Pächter einen bestimmten Auftrag?
Regula Jost: Wir unterhalten, schützen, besetzen die Gewässer mit Fischen und noch vieles mehr. Die Aufgaben sind komplexer geworden. Vor ein paar Jahren hat sich auch die Artenvielfalt stark erhöht. 

Christian Schwendener: Mit der Revitalisierung der Simmi in Gams nahm man das Nase-Projekt wieder auf. Auch dieser Fisch befindet sich in der Schweiz auf der roten Liste. Mit ihm zog die Barbe, die hier zuvor nie heimisch war, in den Bach. Diese Fische fressen die Eier der Äsche.

Warum sind sie hierhergekommen?
Christian Schwendener: Die neuen karpfenartigen Fische vertragen die höheren Temperaturen besser und bevorzugen tiefere Gewässer. Zuvor waren die Bachforelle, Regenbogenforelle und Äsche allein hier mit ein paar Aalen und kleinen Fischen. In der Simmi kamen beim Abfischen um die 15 verschiedene Arten zum Vorschein. 

Sind die Fische zurückgekehrt oder neu hier?
Christian Schwendener: Die Nase ist bestimmt wieder zurückgekehrt. Die Barbe nicht. In den Gewässern im Tal ist die Bachforelle im Sommer mittlerweile überfordert, weil es ihr zu warm ist. Die Regenbogenforelle ist ebenfalls deswegen gefährdet. Für die Äsche war es auch schon fast zu warm und ihre Art ist massiv zurückgegangen, da sie auch von der Barbe verdrängt wird. Alles spielt zusammen.

Wie steht es um das Nahrungsangebot für die Fische?
Christian Schwendener: Heute hat es im Gegensatz zu vor 15 Jahren viel weniger Insekten und Mücken. Ein Gewässer trägt nur so viele Fische, wie Nahrung vorhanden ist. Wenn die Nahrung nicht stimmt, wandern die Tiere ab, da bringt auch die Besiedelung nichts. Das grösste Problem ist nebst der Temperatur die Nahrung.

Wie stark wird der Fischereiverein in die Revitalisierung der Gewässer miteinbezogen? 
Regula Jost: Wir führen die Umsiedelung und Zurücksetzung der Fische in die Gewässer durch. Mit den Verantwortlichen schauen wir den Bachverlauf an, geben Inputs und nehmen an den Bausitzungen teil.

Christian Schwendener: Ohne die Fischerei geht es nicht mehr. Eine Revitalisierung wird intensiv angeschaut, es wird auf die Vögel und Enten wie Flora Rücksicht genommen, es geht nicht nur um die Fische, sondern um das Ganze. 

Hat sich schon etwas verändert? 
Regula Jost: Die revitalisierten Abschnitte sind für drei Jahre gesperrt, das haben unsere Mitglieder so beschlossen, damit sich die Fische wie auch ihre Nahrungsquellen erholen können. Meist findet nach den drei Jahren ein Monitoring statt.

Wie schreitet die Revitalisierung des Binnenkanals voran? 
Christian Schwendener: Erst sind 1,9 Kilometer geschafft, in Sevelen werden es noch 0,9 Kilometer und in Sennwald 1 Kilometer. Dazwischen ist das Land bebaut, wird landwirtschaftlich genutzt oder die Autobahn liegt unmittelbar daneben. Daher ist eine Revitalisierung nicht überall möglich. 

Regula Jost: Je nachdem müssen die Bauern Boden abgeben. Hier in Buchs wurde der alte Verlauf des Kanals zugeschüttet und die Landwirte gewannen dadurch Land für die Bewirtschaftung.

Darf jeder in den Gewässern fischen?
Regula Jost: Die Mitglieder, Gast- wie Aktivmitglieder und die Jungfischer dürfen. Die Gastmitglieder bezahlen einen höheren Beitrag und erhalten nach drei Jahren die Möglichkeit, Aktivmitglied zu werden. Die Fischer bekommen jedes Jahr ein Patent. Bis im Juni dürfen sie nur in den Alpwasser im unteren Teildes Gebiets fischen, dabei bildet die Staatsstrasse die Grenze, ab Juni sind die Gewässer in höheren Lagen geöffnet. Für den Kanal und Voralpsee gibt es Tageskarten zu kaufen.

Gab es Fälle von ausgesetzten Fischen, die Schaden anrichten? 
Regula Jost: Goldfische und Koi sieht man immer wieder. Meistens werden sie in Teiche und Amphibienweiher ausgesetzt, da man diese gut mit dem Auto erreicht. 

Christian Schwendener: Für die Amphibien ist es eine Katastrophe, weil die Goldfische die Laiche fressen. Das Abfischen ist schwierig, da die Goldfische ein enges Schuppenkleid tragen und kaum auf Strom reagieren. Den Teich trocken legen schadet aber den Amphibien. Viele Menschen wissen das nicht, die Tiere suchen sich alles, was sie essen können, im Teich zusammen. Schildkröten hat es auch immer wieder. Im unteren Bereich des Kanals lebt bereits seit einigen Jahren ein Koi. Immer wenn wir ihn abfischen möchten, verschwindet er. Bei offenem Gewässer jagt man den einfach vor sich her. Einen einzelnen Fisch zu fangen, ist sehr schwierig.

Wie geht es den heimischen Fischen grundsätzlich?
Christian Schwendener: Das ist immer Ansichtssache. Fragt man die Ertrags-Fischer, heisst es, früher hätte es mehr Fische gegeben. Dass man in einem fliessenden Gewässer an einem Tag sechs Fische nach Hause bringt, wird es wegen der Industrie und intensiven Landwirtschaft nicht mehr geben. Für die Talgewässer braucht man mehr Zeit und darf keine hohen Erwartungen haben. Das Umfeld hat sich verändert. Die Revitalisierung ist auch kein Wundermittel. Die neue Artenvielfalt ist sicher schön, aber dafür wird das, was zuvor heimisch war, davon bedroht. (ms)

15. Feb 2020 / 21:58
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