•  (Gemeinde Ruggell)

"Es geht die gesamte Bevölkerung etwas an"

Die Gemeinden Schellenberg, Ruggell und Gamprin bereiten sich mit dem Projekt Rugas auf den demografischen Wandel in der Bevölkerung vor.

Das Projekt Rugas (Wohnen und Leben im Alter) war ursprünglich auf vier Jahre ausgelegt, in denen analysiert, organisiert und Massnahmen erarbeitet wurden. 2018 wurde die erste Dienstleistung aus dem Massnahmenkatalog vorgestellt. Was ist seit diesem Zeitpunkt passiert? 
Norman Wohlwend:
Da uns der Einbezug der Bevölkerung mit ihren Wünschen und Vorstellungen von Anfang an wichtig war, wurden anhand von Befragungen und Workshops Massnahmen erarbeitet. 2018 folgte die Umsetzung. So führten wir zum Beispiel das Angebot der Wohnberatung ein: Stehen altersbedingt Anpassungen des Wohnumfelds oder einfach «nur» Fragestellungen bezüglich des Älterwerdens zu Hause an, bieten die Gemeindebauverwaltungen eine koordinierte Erstberatung an und ziehen bei Bedarf Fachleute hinzu. Ein weiterer Meilenstein ist die Förderung des hindernisfreien Wohnraums. Auch hier informiert die Verwaltung, wie die finanzielle Förderung von Um- und Neubauten auf Basis des Labels LEA («living every age») funktioniert. Das genannte Label liefert die Grundlage für die Förderzusage der Gemeinde, die sich je nach Qualität zwischen 10 000 und 25 000 Franken pro Wohneinheit bewegen kann.

Wie verläuft der Prozess bisher? 
Maria Kaiser-Eberle:
Wir sind bezüglich des demografischen Wandels frühzeitig gestartet und nahmen darum eine Vorreiterrolle ein. Neben der genannten Wohnberatung sowie der Förderung des hindernisfreien Wohnraums haben wir unsere Mitarbeitenden geschult, damit sie älteren Menschen bei spezifischen Fragen helfen, sich an die richtigen Stellen zu wenden, oder für ältere Menschen auch gewisse Dienstleistungen erbringen können. Wir befinden uns im Plan und der Prozess läuft so weit gut. Nun haben wir gerade kürzlich im Steuerungsausschuss eine Auslegeordnung vorgenommen und konnten so einige neue Aspekte für den künftigen Prozess beschliessen.

Welche Herausforderungen stellen sich für die involvierten Gemeinden und wie gehen Sie diese an?
Johannes Hasler:
Die erwähnten gemeinsamen Angebote wurden bisher leider wenig genutzt. Daher stellt sich die Frage, ob dies an der noch fehlenden Bekanntheit der Angebote liegt, schliesslich weisen wir bei jeder Gelegenheit darauf hin. Zudem haben wir relevante Berufsgruppen gezielt über unser Angebot informiert. Die öffentliche Kommunikation sowie den Austausch mit den wichtigsten Partnern werden wir künftig noch verstärken. Eine weitere Herausforderung sehe ich in der Wohnberatung, die eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Auch diesbezüglich werden wir weiter sensibilisieren, um ältere Menschen vom Mehrwert dieses Angebots zu überzeugen.

Gibt es spezifische Besonderheiten in den einzelnen Gemeinden zu beachten?
Johannes Hasler:
Die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, speziell vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, gehen 
die ganze Gesellschaft an. Gerade darum war die Sensibilisierung der Bevölkerung so wichtig. Die grundsätzlichen Herausforderungen in den Gemeinden sind somit die gleichen. Aufgrund der unterschiedlichen räumlichen und organisatorischen Strukturen ergeben sich in einzelnen Themenfeldern angepasste Lösungsansätze.

Maria Kaiser-Eberle: Ja, grundsätzlich geht es in allen drei Gemeinden um dieselben Themen. Aber natürlich gibt es in jeder Gemeinde unterschiedliche Voraussetzungen, die bei der Umsetzung von Massnahmen berücksichtigt werden müssen. So sind beispielsweise die Seniorenkommissionen unterschiedlich aufgestellt und nehmen teilweise unterschiedliche Aufgaben wahr. Einen Teil ihrer Arbeit bestreiten sie aber in allen Gemeinden gemeinsam. Auch die Siedlungsstrukturen sind unterschiedlich und müssen bei einem Bauvorhaben einbezogen werden.

Wie sie erwähnten, haben Sie eine Förderung für hindernisfreies Bauen eingeführt. Was bedeutet das konkret und betrifft diese auch andere Generationen?
Maria Kaiser-Eberle:
Wenn nach bestimmten Standards hindernisfrei gebaut wird, kann das LEA-Label in allen drei Gemeinden erworben werden. Dies bedeutet, dass wir, je nach Höhe der erreichten Baustandards in Bezug auf die Hindernisfreiheit, Subventionen ausbezahlen. Die Erstberatung bieten die Bauverwaltungen der Gemeinden. Ein entsprechendes Reglement liegt vor. Das LEA-Label ist vor allem für die junge Generation, für Bauherren oder Investoren bei Neubauten interessant. Ohne wirklichen Mehraufwand kann hindernisfrei gebaut werden – und dies bringt auch den jungen Familien einen Nutzen. Für das Alter ist man damit sehr gut vorbereitet. Bei Umbauten ist das etwas aufwändiger, aber mit einer guten Planung bringt dies ebenso eine bessere Wohnqualität mit sich. Hier würde ich den älteren Menschen aber vorderhand die Wohnberatung empfehlen. Denn mit kleinen Massnahmen kann die Wohnqualität enorm aufgewertet werden.

Planen die Gemeinden auch selbst, spezifischen Wohnraum zu realisieren? Was wären die Voraussetzungen?
Norman Wohlwend:
Unsere repräsentative Befragung hat klar gezeigt, dass die Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen möchten. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Bereitschaft zu einem Umzug eher vorhanden ist, wenn ein Angebot für entsprechenden Wohnraum gegeben wäre. Obwohl in Schellenberg derzeit noch kein akuter Bedarf besteht, hat die Gemeinde die Entwicklung eines entsprechenden Projekts federführend in die Hand genommen. Wir wissen heute, was die Menschen wollen, und kennen die relevanten Eckpunkte: Entsprechende Überbauungen sollen generationenübergreifend geplant werden und müssen im Zentrum liegen. Einkaufsladen, Kirche und Bushaltestelle sollten sich in der Nähe befinden. Trägerschaft und Finanzierung eines solchen Projektes müssten noch festgelegt werden. Unsere Gemeinde gab diesbezüglich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, auf deren Basis das ETH-Wohnforum ein entsprechendes Projekt ausarbeitete. Die Bevölkerung reagierte sehr positiv auf diese Vorstellung. Eine geeignete Parzelle ist bereits vorhanden, die sich gegenüber der Gemeindeverwaltung befindet. Denkbar wäre der Bau von zirka 20 Wohnungen, die etappenweise realisiert werden könnten. Wir sind gut vorbereitet, Details fehlen aber noch.

Johannes Hasler: In Gamprin-Bendern wurden erste Akzente in einer kombinierten Projektstudie «Wohnen und Leben im Alter» und «erschwinglicher Wohnraum» gesetzt. Dieser Studienauftrag erfolgte mit der Universität Liechtenstein für das Gebiet Fallsbretscha/Haldenstrasse, welcher auch der Bevölkerung präsentiert wurde. Zu Ende konzipiert ist das Projekt jedoch noch nicht. Seit Anfang dieser Legislaturperiode beschäftigt sich der Gemeinderat mit der Weiterentwicklung der Gemeindestrategie «Kompass». Ende 2019 fand bereits eine Bürgerbeteiligung statt und aktuell arbeitete auch der Gemeinderat an der Weiterentwicklung. Ich bin mir sicher, dass auch dieses Thema dort entsprechend eingebunden sein wird.

Maria Kaiser-Eberle: Der Wunsch nach Alterswohnungen oder einem Generationenhaus ist bei der Bevölkerung der Gemeinde Ruggell klar vorhanden. Dies haben die Workshops und Befragungen, aber auch persönliche Gespräche gezeigt. In Ruggell soll ebenfalls das nächste Pflegeheim der LAK zentrumsnah realisiert werden. Wenn der Standort bekannt ist, kann der Platz für entsprechenden Wohnraum definiert werden. Dienstleistungen sollen dabei eingekauft werden können. Idealerweise könnten die Synergien mit dem LAK genutzt werden. 

Wie gehen Sie gegen die Vereinsamung von Senioren vor? Gibt es auch hier Massnahmen?
Johannes Hasler:
In den einzelnen Gemeinden haben wir Botschafter für das Thema «Wohnen und Leben im Alter» gewinnen können. Diese sind insbesondere als Multiplikatoren zur Sensibilisierung des Themas in der Bevölkerung wichtig. Wie Maria bereits erwähnte, wurden Mitarbeitende bezüglich Fragestellungen von älteren Menschen geschult. Finanziell unterstützen die Gemeinden seit Langem die Veranstaltungen der Seniorenkommissionen, darunter auch gemeindeübergreifende. Auch diese Gefässe sind wichtig hinsichtlich der angesprochenen Vereinsamung. Weiter diskutieren wir über «Kümmerer» beziehungsweise eine «Koordinationsstelle für Seniorenanliegen». Dies wurde kürzlich in der angesprochenen Auslegeordnung so angedacht.

Bieten die Gemeinden auch Unterstützung an, wenn die Senioren in ihrem Haus nicht mehr zurechtkommen und fremde Unterstützung benötigen?
Norman Wohlwend:
Ja, der pflegerische Bereich betrifft wohl alle Gemeinden. Wenn Menschen in diese Situation kommen, sind viele Fragen offen. Auch hier versuchen wir, begleitend zu unterstützen und Ratschläge zu erteilen. Auch bei allgemeinen Fragen rund ums Älterwerden kann die Gemeindeverwaltung Orientierung geben oder landesweite Kontakte zu Fachpersonen vermitteln. Eine weitere Idee besteht darin, Menschen zusammenzubringen, die im Sinne von «Senioren für Senioren» einander helfen oder Hilfe anbieten. Wir sind an diesem Thema dran und sammeln Ideen. Auch die genannte Koordinationsstelle könnte hierbei einen wertvollen Beitrag leisten. (ms)

11. Apr 2020 / 11:51
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