• Liewo Interview in Triesen
    Die Arbeitsgruppe Familienpolitik erarbeitet aufgrund der Familienumfrage unter anderem auch Massnahmen zur Umsetzung einer bezahlten Elternzeit. Von links: Petra Eichele, Martina Haas und Margot Sele.  (Daniel Schwendener)

"Es fehlt das Wollen – dafür möchten wir plädieren"

Petra Eichele, Martina Haas und Margot Sele setzen sich für eine bezahlte Elternzeit ein. Dass sie kommt, davon sind sie überzeugt.

Im Frühjahr präsentierte das Ministerium für Gesellschaft die Ergebnisse der Familienumfrage Liechtenstein. Der Wunsch nach einer bezahlten Elternzeit warf damals hohe Wellen. Seither ist es ruhig geworden …

Petra Eichele: Was nicht heisst, dass das Thema vom Tisch ist, im Gegenteil. In der Beratung werden wir tagtäglich mit dem Thema konfrontiert. Eine bezahlte Elternzeit wird nach wie vor gewünscht – und zwar von Müttern und Vätern.

Laut Familienumfrage waren das damals 76 Prozent der Befragten – also drei Viertel von ihnen.
Martina Haas: Der Wunsch ist da und es ist den Liechtensteinern ernst damit. Die Bereitschaft, dafür höhere Steuern zu bezahlen, ist vorhanden. Die Frauen sind dafür eher bereit. 

Beim Thema Steuererhöhung scheiden sich die Geister. Sowohl vonseiten der Wirtschaft als auch der Regierung möchte man da ungern den Rotstift ansetzen.
Martina Haas: Wirtschaftlich gesehen gibt es viele Bedenken, selbstverständlich. Wir verstehen, dass es eine Herausforderung ist. Allerdings beweisen verschiedene Modelle in anderen Ländern, dass es sehr wohl machbar ist. Oder wenn zum Beispiel jemand den Militärdienst antritt, ist es auch kein Problem. Warum sollte also eine bezahlte Elternzeit nicht möglich sein? Es fehlt das Wollen – dafür möchten wir plädieren.


Petra Eichele: Wir hören oft: Es geht nicht. Obwohl es genügend Beispiele aus anderen Ländern gibt, die zeigen, dass ein bezahlter Elternurlaub möglich ist. Wir vermissen eine konstruktive Diskussion und den Willen, die Sache endlich anzugehen.  


Gibt es ein Modell aus dem Ausland, das für Liechtenstein in Frage käme?
Martina Haas: Ich finde es schwierig, uns mit anderen Ländern zu vergleichen. Andere Staaten haben höhere Steuern und unterschiedliche Sozialsysteme. Liechtenstein muss dringend selbst eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Wenn wir vom Postulat der Ständerätin Anita Fetz, das sie bereits 2011 dem Bundesrat vorlegte, ausgehen, sind die Kosten einer bezahlten Elternzeit weit weniger hoch, als sie von der Wirtschaft und der Politik propagiert werden. Unterm Strich ist der Gewinn für die Gesellschaft, die Unternehmer sowie für den Staat weit höher. 

Sprechen wir hier von einem finanziell messbaren Gewinn?
Martina Haas: Ja, denn die Steuereinnahmen gehen nach oben, da es dank bezahlter Elternzeit mehr Einkommen gibt, die besteuert werden.
 
Petra Eichele: Längerfristig profitieren auch die Unternehmen davon. Es gibt genügend Studien darüber, dass Mitarbeiter von familienfreundlichen Unternehmen loyaler sind. Gerade wenn es um Fachkräfte geht, ist das ein Aspekt, der nicht ausser Acht gelassen werden darf. Denn Frauen investieren genauso in ihre berufliche Zukunft wie Männer. Die Kinder werden bei uns jedoch nach wie vor hauptsächlich von den Müttern betreut, mit entsprechenden beruflichen und finanziellen Konsequenzen wie weniger Lohn und eine lückenhafte Altersvorsorge. Der Wirtschaft gehen so wertvolle Fachkräfte verloren. Eine bezahlte Elternzeit fördert zudem den Abbau der stereotypen Geschlechterrollen. Der Frau wird nicht mehr die Verantwortung für die Kinder aufgedrängt und der Mann ist nicht mehr der alleinige Familienernährer. Man teilt sich Erwerbs- und Familienarbeit.

Was hat eine bezahlte Elternzeit mit Gleichstellung zu tun?
Petra Eichele: Eine bezahlte Elternzeit ermöglicht auch jungen Vätern, sich unmittelbar nach der Geburt dem Kind zu widmen. Diese Vaterzeit stärkt den Kontakt zum Kind und fördert die Beteiligung der Väter an der weiteren Kinderbetreuung. Eine Untersuchung der OECD zeigte, dass Väter, die zwei oder mehr Wochen Elternurlaub bezogen, stärker dazu tendieren, Betreuungsaufgaben zu übernehmen als Väter, die keine Elternzeit bezogen. In Norwegen führte die den Vätern vorbehaltene Elternzeit zu einem Paradigmenwechsel. Eine bezahlte Elternzeit führt auch dazu, dass das Engagement für Erwerbs- und Betreuungsarbeit ausgeglichener ist. Eine bessere Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit auf beide Geschlechter trägt zu einer gerechteren Gesellschaft bei. 

Margot Sele: Wenn wir von der Gesellschaft sprechen, sprechen wir auch von den Familien. Eine bezahlte Elternzeit nimmt viel Druck von der Familie. Die Eltern können sich abwechselnd auf ihr Kind konzentrieren, ohne finanzielle Einbussen in Kauf nehmen zu müssen. Ausserdem leistet die bezahlte Elternzeit einen wichtigen Beitrag zur sogenannten «Bildungsbiografie», also zur frühkindlichen Förderung. Da gehört der Aufbau einer sicheren Bindung des Kindes zu seinen engsten Bezugspersonen, zu seinen Eltern, dazu. Erkenntnisse aus Forschungen zeigen, dass tragfähige Beziehungen des Kindes zu seinen engsten Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung sind. Besonders entscheidend ist da das erste Lebensjahr. Übrigens: Wenn man die Kinder fragt, was sie sich wünschen, ist die Antwort klar. 2013 hat die OSKJ zum Tag der Kinderrechte 93 Kinder befragt, wann sie glücklich sind. Dabei wurde deutlich, dass sie die Zeit mit ihrer Familie geniessen. 

Die Möglichkeit eines unbezahlten Elternurlaubs gibt es bereits. Manche meinen, das reicht.
Martina Haas: Einen unbezahlten Elternurlaub können sich nur privilegierte Familien leisten. Eine Evaluation, wer diesen in Anspruch nimmt, wäre, vor allem in Bezug auf das Einkommen, spannend. Jedoch sind es nach wie vor vorwiegend die Mütter, die diesen in Anspruch nehmen, selten die Väter. Es ist nicht üblich, dass ein Mann sich für die Kinderbetreuung frei nimmt. Je mehr Männer die Vaterrolle übernehmen, desto akzeptierter wird es in der Gesellschaft. Dann spielt es für den Arbeitgeber keine Rolle, ob er einen Mann oder eine Frau einstellt. Ein bezahlter Elternurlaub wäre ein grosser Beitrag zur Chancengerechtigkeit. 

Petra Eichele: Eine bezahlte Elternzeit wird auch in Liechtenstein kom-
men. Auch weil die heutige Generation ein anderes Selbstverständnis und auch andere Ansprüche hat. Junge Paare wollen eine Wahlfreiheit. Die Elternzeit erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und schafft bessere Voraussetzungen für Eltern, die Betreuungs-, Haus- und Erwerbsarbeit gerecht untereinander aufteilen wollen.

Martina Haas: Übrigens möchte die EU-Kommission das Recht auf eine bezahlte Elternzeit EU-weit verankern. Eine entsprechende Initiative liegt bereits vor. Liechtenstein muss sich somit früher oder später damit befassen. (sms)

16. Dez 2018 / 00:00
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