•  (Elma Velagic)

"Die Umsetzung der Kinderrechte ist ein stetiger Prozess"

30 Jahre Kinderrechtskonvention – doch es bestehen weiterhin Herausforderungen, wie Margot Sele von der Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche weiss.

Vor 30 Jahren wurde die Kinderrechtskonvention ins Leben gerufen. Was hat sich seither in dem Bereich getan?
Margot Sele:
Die Kinderrechtskonvention wurde am 20. November 1989 von der UNO verabschiedet. Liechtenstein hat sie 1995 ratifiziert. Mittlerweile haben sie alle Staaten – mit Ausnahme der USA – unterzeichnet. Das Übereinkommen über die Rechte der Kinder hat die Sicht auf die Kinder weltweit verändert, indem sie die Kindheit als geschützten Lebensraum definiert. Es wird darin auch klar gemacht, dass Kinder nicht der Besitz ihrer Eltern sind, sondern eigenständige Individuen mit eigenen Rechten. Die Konvention besteht aus 54 Artikeln, die sich mit den Rechten von jungen Menschen von 0 bis 18 Jahren befassen sowie mit den Aufgaben von Familie, Gesellschaft und Staat gegenüber Kindern und Jugendlichen. An vielen Stellen wird die zentrale Rolle der Eltern und der Familie für eine gesunde Entwicklung der Kinder betont. Seit 2010 gibt es in Liechtenstein eine unabhängige Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche, die Anregungen und Beschwerden in Kinder- und Jugendfragen entgegennimmt und die Umsetzung der Kinderrechtskonvention überwacht.

Weshalb braucht es die Kinderrechtskonvention? 
Kinder sind besonders verletzlich und brauchen deshalb Schutz und Förderung. Die Kinderrechtskonvention hält fest, dass Kinder ab Geburt Träger eigener Rechte sind.  Kinder sind als die Experten ihrer Lebenswelt zu sehen und müssen – natürlich ihrem Alter und ihrer Reife entsprechend – beteiligt werden. Schon ein Säugling gibt seinen Bedürfnissen ganz klar Ausdruck. Es geht darum, Kindern Zeit zu widmen, ihnen Aufmerksamkeit und Respekt entgegenzubringen, ihnen Leitplanken zu geben und etwas zuzutrauen. Im Volksmund heisst es: «Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.»

Was hat sich in Liechtenstein während der vergangenen 22 Jahre getan? 
Es gibt bei uns viele staatliche und nichtstaatliche Organisationen die sich für den Schutz, die Förderung und die Beteiligung von Kindern einsetzen. Liechtenstein verfügt über sehr gute Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen und über ein umfangreiches Angebot an Elternbildung. Auf der Webseite familienportal.li gibt es übrigens eine Fülle von Beratungs- und Informationsangeboten für Familien zu entdecken. Besonders hervorheben möchte ich das qualitativ hochwertige und reichhaltige Angebot im Kunst- und Kulturbereich. Dazu leisten die 21 Organisationen, die sich 2011 zur Vernetzungsgruppe Kinderlobby Liechtenstein zusammengeschlossen haben, einen wesentlichen Beitrag. Mit Aktionen zum Tag der Kinderrechte macht die Kinderlobby im Rahmen unterschiedlicher Jahresthemen jeweils auf die Kinderrechtskonvention und auf Bereiche, die verbessert werden könnten, aufmerksam. 

Gibt es in Liechtenstein in Bezug auf die Kinderrechte überhaupt noch Verbesserungspotential? 
Vieles ist verwirklicht, es bestehen aber natürlich weiterhin Herausforderungen. Die Umsetzung der Kinderrechte ist ein stetiger Prozess, der sich auch an den Herausforderungen im Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Gesellschaft orientiert. Unsere Kinder leiden zum Glück weder unter Krieg, Hunger oder extremer Armut. Doch vielen Kindern geht es nicht gut, weil sie in einer belastenden Familiensituation leben, mit Eltern, die vor lauter Arbeitsstress, Leistungsdruck und Überforderung ihren Kindern zu wenig Zeit, Halt und Geborgenheit schenken können. So sind bei uns zum Beispiel immer mehr Eltern und Kinder von psychischen Problemen betroffen.

Was sind die aktuellen Brennpunkt-Themen? 
In Bezug auf die Situation von Familien in Liechtenstein gibt es Handlungsbedarf in mehreren Bereichen: Damit alle Kinder die Chance für eine möglichst gesunde Entwicklung erhalten, gilt es, mit gut koordinierten, niederschwelligen Beratungsangeboten jene Familien noch besser zu erreichen, die Unterstützung besonders benötigen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Eltern ihr Kind zumindest im ersten Lebensjahr selbst betreuen können, ohne dabei in finanzielle Not zu geraten, und dass in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weitere Fortschritte gemacht werden. 

Auch wenn Eltern sich im Rahmen eines Scheidungsverfahrens um ihre Kinder streiten, bedeutet das oft eine grosse Belastung für die Kinder. Hier benötigen wir aus meiner Sicht verpflichtende Beratungsangebote für Eltern, die nicht in der Lage sind, ihren Paarkonflikt in den Hintergrund zu stellen, um miteinander eine Lösung zur Betreuung der Kinder zu finden. Ein weiteres Thema, das zwar nur einige wenige Kinder betrifft, diese jedoch gravierend, ist der Familiennachzug für Menschen aus Drittstaaten. Liechtenstein hat diesbezüglich eine sehr restriktive Gesetzgebung und hat in Bezug auf die Umsetzung von Art. 10 der Kinderrechtskonvention einen Vorbehalt eingerichtet. Art. 10 besagt, dass Anträge auf Familiennachzug, die das Kindeswohl und die Einheit der Familie betreffen von den Staaten wohlwollend, human und beschleunigt behandelt werden sollten. Wegen dieses Vorbehalts können Kinder, die ausserhalb der Schweiz und der EU leben, nur unter erschwerten Bedingungen und damit zeitlich verzögert zu ihrem Vater oder ihrer Mutter nach Liechtenstein ziehen. Das hat zur Folge, dass diese Kinder unter Umständen über Jahre vom in Liechtenstein lebenden Elternteil getrennt bleiben. Ich wünsche mir, dass Liechtenstein diese Vorbehalte zu internationalen Übereinkommen betreffend Familiennachzug zurückzieht. Das wäre ein echtes Weihnachtsgeschenk für die betroffenen Kinder. 

In Deutschland wird die Aufnahme der Kinderrechte in die Verfassung gefordert. Wie sieht das in Liechtenstein aus?
Die Befürworter für eine Aufnahme der Kinderrechte in die deutsche Verfassung argumentieren unter anderem damit, dass Kinder in unserer Gesellschaft zur Minderheit geworden sind und dass Kinderinteressen immer wieder in Konkurrenz mit anderen, zum Beispiel wirtschaftlichen Interessen, stehen. Die Gegner finden, dass es reicht, wenn die Menschenrechte als Grundlage in der Verfassung verankert sind, weil Kinderrechte ja zu den Menschenrechten gehören. In Liechtenstein wurde die Kinderrechtskonvention vorbildlich in nationales Recht überführt. Seit 2009 haben wir ein sehr modernes Kinder- und Jugendgesetz, auf das wir uns stützen können und das im Bereich der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Praxis noch besser umgesetzt werden darf. 

Welche Projekte sind gerade aktuell?
Gerne nehme ich hier Bezug auf die Veranstaltung der Kinderlobby zum Tag der Kinderrechte vom 20. November mit dem Titel: «Kinder haben ein Recht auf gesunde Entwicklung. Warum sich Investitionen in die frühe Kindheit lohnen.» In der frühen Kindheit wird die Basis für den Erwerb wichtiger Lebenskompetenzen gelegt. Die Chancengerechtigkeit soll hier verbessert werden, damit alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen und ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Im Rahmen eines Vortrags von Martin Hafen mit anschliessender Podiumsdiskussion gehen wir unter anderem der Frage nach, wie Familien, die Unterstützung brauchen, möglichst früh erreicht werden können. (sms)

17. Nov 2019 / 00:00
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