• Daniel Meier, Schaan
     (Tatjana Schnalzger)

«Die Situation ist schlimmer, als man es sich vorstellen kann»

Als Botschafter von Terre des hommes und Zauberkünstler «Danini» besuchte Daniel Meier Anfang November ein Flüchtlingslager in Griechenland.

Sie besuchten Anfang November ein Flüchtlingslager in Griechenland. Was hat Sie dazu bewogen?
Daniel Meier, Zauberkünstler und Botschafter Terre des hommes: Als Botschafter von Terre des hommes ging ich im Rahmen einer Projektreise nach Griechenland in ein Flüchtlingslager in der Gegend um Ioaninna, um zu sehen, welche Arbeit Terre des hommes vor Ort leistet. 

Was haben Sie dort gemacht?
Ich habe zwei Zaubervorstellungen vorgeführt. Das ging jedoch nur mit Dolmetschern, schliesslich wurden in dem einen Raum um die 16 verschiedene Sprachen gesprochen. Es ist interessant zu sehen, wie sich teilweise auch die Flüchtlinge für Terre des hommes einsetzen, sei es als Dolmetscher oder als Unterstützung in der Rezeption. Sie setzen sich füreinander ein. Beispielsweise übersetzte ein Mann meine Show vom Englischen ins Arabische. Er möchte als Dolmetscher einen Beitrag zur Integration leisten und später an einer Uni in England studieren gehen. Mit meinen Zaubershows habe ich versucht, die Gesamtsituation etwas aufzulockern. Es war toll zu sehen, wie die Kinder lachten und fröhlich schienen. Denn die meisten von ihnen sind traumatisiert. 

Was war Ihr Eindruck vor Ort?
Die Situation ist schwierig zu erklären. Terre des hommes leitet einen Stützpunkt auf dem Festland in Griechenland. Daneben haben wir ein Lager, das von einer italienischen Nichtregierungsorganisation geführt wird, besucht. Diese Einrichtungen sind zwar beengt, trotzdem einigermassen ordentlich. In erster Linie geht es darum, den Leuten die Integration mit Dolmetschern und Kinderbetreuung zu erleichtern. Die Situation in Griechenland ist schlimmer, als man es sich vorstellen kann. Noch immer kommen jeden Tag um die 200 Flüchtlinge an und hoffen, dass sie weiterkommen.

Was ist für Sie am schlimmsten?
Es kommen Familien, Frauen mit Kindern und Männer, die irgendwo untergebracht werden müssen und nichts mehr haben. Notunterkünf­te sind nicht einfach zu organisieren. Hinzu kommt, dass alle, die ihr Heimatland verlassen haben, dies nicht unter der Armutsgrenze getan haben. Da befinden sich Menschen darunter, die einen gewissen Lebensstandard gewohnt sind, und das löst zusätzliche Spannungen aus. 

Was ist Ihre Aufgabe als Botschafter?
Im Prinzip ist es eine Ernennung. Terre des hommes hat eine Charta über Kinderrechte. Darin sind Antworten auf den weltweiten und stummen Schrei von Millionen von Kindern, die dem Leiden oder dem Tod geweiht sind. Hinter diesen muss ich stehen. Ich bin ein Gesicht der Organisation, nehme reprä­sentative Aufgaben wahr und re­präsentiere die Werte von Terre des hommes.

Wie sind Sie zu der Ernennung gekommen?
Ich bin vor rund 18 Jahren zum Botschafter ernannt worden. Ein Teil meiner Gagen fliesst an die Organisation, die können das Geld richtig einsetzen und jeder Franken ist es wert. So kann ich doppelte Freude bereiten. Die Leute vor Ort machen es gut und professionell. Es ist zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber irgendwo muss man ja anfangen.

Welches sind die Schwerpunkte, die Terre des Hommes unterstützt?
Schlicht und einfach gesagt geht es um Frauen mit ihren Kindern, die abends ein Bett brauchen. Die Helfer dort machen einen unglaub­lichen Job und ich ziehe den Hut vor den Leuten, die eine solche Arbeit auf sich nehmen und sich dafür einsetzen. Sie bemühen sich und brauchen auch Anerkennung und Wertschätzung. Das ist ihr täglicher Arbeitstag, und fast jeden Morgen stösst ein neuer Zwischenfall hinzu. Es kommt auch zu Spannungen unter den Menschen: Eine Familie mit fünf Kinder auf engstem Raum, die einen schreien und die anderen wollen ihre Ruhe. Sie warten, haben keine Beschäftigung und wissen nicht, wie es weitergeht. Vielleicht werden sie irgendwann mal registriert. Die Menschen leben in grosser Ungewissheit. Alles wird Schritt für Schritt in Angriff genommen, denn bei den zahlreichen Problemen vor Ort weiss man gar nicht, wo man anfangen soll. 

Wie schätzen Sie die Lage ein?
Man kann sich einfach nicht vorstellen, wie gross das Problem ist. Mütter mit Neugeborenen sind alleine unterwegs, genauso die Kinder. Die Menschen haben keine Unterkunft, und die Nächte sind jetzt sehr kalt. Sie haben nur das, was sie gerade mit sich tragen können, und die Reise, die sie auf sich genommen haben, war sehr gefährlich. 

Gibt es spezifische Anlaufstellen nur für die Frauen?
Einen sicheren Platz für die Frauen zu schaffen, ist ein grosses Thema. Es geht dabei auch um das Selbstwertgefühl. Je nachdem, was sie erlebt haben, fühlen sie sich nirgends mehr sicher. Zugang zu sicheren Unterkünften, psychotherapeutischer Hilfe und schulischen Massnahmen für die Kinder sind von zentraler Bedeutung.

Woran fehlt es am dringendsten?
An allem. Geld kommt von der UNHCR und der EU. Es braucht die Nichtregierungsorganisationen vor Ort, die das Geld sinnvoll verteilen, denn ohne die geht es nicht. Auch viele andere Hilfswerke sind vor Ort im Einsatz. Der griechische Staat ist quasi bankrott und hat dafür kein Geld, er wird alleine gelassen. Von den anderen Staaten ist überhaupt keine Solidarität vorhanden – das bekunden sie auch – und andere warten einfach ab. Es fehlt an einer ausreichend medizinischen Ver­sorgung. Man spricht nur von Griechenland, obwohl auch andere Staaten davon betroffen sind. Unter den Flüchtlingen befinden sich clevere Menschen, wie beispielsweise ein Mädchen aus Afghanistan, das mit seinen etwa 14 Jahren bereits ­mehrere Sprachen beherrscht und nun Berichte schreibt. Das sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern werden verfolgt, weil ihre Lebensweise nicht ins System passt. Teilweise wurden bereits Familienangehörige getötet – sie hätten die nächsten sein können.

Was für Möglichkeiten haben diese Menschen?
Die Leute können nicht mehr zurück, weil sie dann ausgeliefert und gefangen genommen werden. Die Geschichte wiederholt sich, obwohl man in der Schule lernt, dass re­ligiöse oder politisch motivierte ­Verfolgungen der Vergangenheit ­angehören. Nicht von allen Flüchtlingen kennen wir die ganze Geschichte. Doch bin ich davon überzeugt, dass eine Mutter mit ihren Kindern nicht einfach so ohne ihren Mann diesen langen und gefährlichen Weg in eine ungewisse Zukunft und ohne finanzielle Mittel auf sich nimmt und sich selbst sowie die Kinder freiwillig einer solch enormen Gefahr aussetzt. Ich habe mir ein Bild davon gemacht und diese Menschen getroffen. Die würden nicht hier sein, wenn die Situation zu Hause friedlich wäre. Es braucht sehr viel, bis man seine Heimat verlässt.

Was könnte man dagegen tun?
Ich bin davon überzeugt, dass Zäune und Abschottung keine Lösungen sind. Das Problem ist global. Wenn ich sehe, wie viele Flüchtlinge die einzelnen Länder im Verhältnis zur Anzahl der jeweiligen Bevölkerung aufgenommen haben, ist es ein Klacks. All die Phrasen, man hätte im Verhältnis mehr aufgenommen als die anderen, da weiss ich nicht, ob diese Rechnung die Menschen in Not wirklich interessiert.

Woher denken Sie, kommt die ablehnende Haltung?
Man spricht damit die Urangst des Menschen vor dem Fremden an. Mit der Angst kann man die Menschen mobilisieren, aber man könnte auch Lösungen bringen. Das macht mich traurig. Ich bin nur schon froh, wenn ich durch meine Shows ein paar Kindern und Erwachsenen eine Freude bereiten kann.

Wie wird sich die Lage Ihrer Ansicht nach entwickeln?
Ich behaupte, das ist noch lange nicht vorbei. Die Leute aus Afrika kommen erst noch. Wenn in anderen totalitären Staaten wie beispielsweise China die Repression ein grösseres Ausmass annimmt, dann werden auch von dort flüchtende Menschen kommen. Ich kann mir vorstellen, dass hier kein Weg daran vorbeiführt. Man ist sich allgemein nicht über die Grundwerte einig. Die christliche Humanität sehe ich zu wenig

22. Dez 2018 / 20:35
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