•  (Daniel Schwendener)

"Die Norm wird neu geschrieben"

Seit 27 Jahren setzt sich Erika Heis beim Verein für Betreutes Wohnen (VBW) in Liechtenstein für Menschen in psychischen oder sozialen Notlagen ein. ein.

Heute auf den Tag genau arbeiten Sie 27 Jahre beim VBW, zwischenzeitlich als Leiterin der Sozialpsychiatrischen Dienste. Wie kam es zum Einstieg?
Erika Heis:
Ab 1987 leistete ich einmal wöchentlich Nachtdienst im LBZ Eschen. Dort stiess ich auf den Ordner mit allen landesinternen Hilfsanlaufstellen und erfuhr daraus einiges über den VBW, der damals bereits die Therapeutische Wohngemeinschaft (TWG) im Guler in Mauren iniziiert hatte und betrieb. Als Psychiatrie-Pflegefachfrau war mein Interesse geweckt. Telefonisch erkundigte ich mich nach dem Bedarf an nachgehender sozialpsychiatrischer Betreuung, blieb mit Dr. Marcus Büchel in Kontakt. An einem Freitagnachmittag rief er mich an und ich konnte zu meinem ersten Einsatz vor Ort gehen. Das war der Beginn des jetzigen Mobilen Sozialpsychiatrischen Teams vor 27 Jahren.

2019 feierte der VBW sein 30-Jahr-Jubiläum. Hat der private Sozialhilfeträger Erfolgsgeschichte geschrieben?
Der VBW orientiert sich am direkten Bedarf der hilfesuchenden Menschen in Liechtenstein und versucht, so rasch und nachhaltig wie möglich dort zu unterstützen, wo die Probleme entstehen – im direkten Lebens- und Arbeitsumfeld der Betroffenen. Erfolgsgeschichte schreibt der VBW, wenn seine Klientel Erfolge erzielt. Deshalb kann ich mit einem überzeugten Ja antworten, denn es gab und gibt viele Erfolge.

Wie reagierte damals die Öffentlichkeit auf die Eröffnung der Therapeutischen Wohngemeinschaft im Guler in Mauren? Ist das Verständnis für psychische und/oder physische Not in Liechtenstein heute ein anderes?
Die Psychiatrie wurde, grob gesagt, bis dahin exportiert. In Liechtenstein hat gar nichts stattgefunden. Anfangs galt es, sehr grosse Ängste und daraus resultierende Widerstände von Anrainern und der Bevölkerung ernst zu nehmen und entsprechende aufzuklären. Dadurch, dass man mit allen Beteiligten im Gespräch blieb, ist es gelungen, auf allen Seiten positive Erfahrungen zu machen und so das Verständnis für Ausnahmesituationen, in die Menschen nun einmal kommen können, zu fördern. Eine Herausforderung bleibt es immer, weshalb es wichtig ist, dass die Betroffenen vor Ort gesehen werden und nicht ins Ausland müssen, um einer Stigmatisierung zu entgehen. Es hat sich seit den Anfängen der TWG sehr viel getan und entwickelt, das Bild ist heute ein anderes: Man ist einander nähergekommen, es herrschen gute Nachbarschaftsverhältnisse. 

Wie hat sich Liechtensteins Sozialpsychiatrie in den vergangenen 10, 20 Jahren verändert?
Die psychosoziale Grundversorgung in Liechtenstein hat den Vorteil, dass sie sich nicht aus jahrhundertealter Geschichte aus dem Bedarf von Kliniken, sondern an dem der Menschen vor Ort entwickeln musste bzw. konnte. Alles, was mit psychischen Erkrankungen zu tun hatte, war ausgelagert – nach Pfäfers, Valduna etc. In den Anfängen gingen wir in die Kliniken, wenn es Zwangseinweisungen gab, haben Kontakt mit den Betroffenen aufgenommen und sie nach dem Austritt in ihrem Arbeitsumfeld begleitet. Die Kleinheit des Landes und somit die gemeindenahe Sozialpsychiatrie birgt die Chance, nahe an den Menschen zu sein und schneller auf gesellschaftliche Veränderungen eingehen zu können. Das Auslagern von Problemen verzerrt die Realität. Die sogenannte Norm wird dadurch immer enger und man ist somit auch schneller abseits dieser Norm. Depressionen sind im Vormarsch und eine Antwort auf unsere Gesellschaft, die künstliche Intelligenz etc. Es macht viel aus, dass die Hilfe im Land passiert und es wirkt entlastend, dass darüber geredet wird und die Probleme öffentlich gemacht werden. Die Erfahrungen des Einzelnen können nachvollzogen werden und die Norm wird dadurch neu geschrieben.

Werden psychische Erkrankungen durch Aufklärungsarbeit, öffentliche Vorträge zum Thema, das Clinicum Alpinum auf Gaflei etc. gesellschaftsfähiger? 
Hier ist durch Kampagnen wie das Bündnis Depression oder die «Wahnsinnsnächte» viel zur Aufklärung passiert – obwohl man nach wie vor lieber den Begriff Burn-out anstatt Depression verwendet, weil er besser in unsere Leistungsgesellschaft passt. Aber es wird mehr und mehr anerkannt, dass der Mensch nicht immer auf 180 laufen kann, dass er seine Grenzen hat und diese wahrnehmen muss. Psychische Erkrankungen und Auffälligkeiten sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, deshalb jeweils auch am Puls der Zeit. Nicht mithalten zu können, aus dem Rahmen zu fallen, ist immer mit Scham behaftet, aber legitim. Es ist wichtig, seinen eigenen Platz zu finden und zu sagen: «Ja, ich kann nicht alles, muss ich aber auch nicht. Das, was ich kann, bringe ich gerne ein und ich möchte ein gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft sein – auch mit Einschränkungen.»

Wie ist es um die Schwellenangst hinsichtlich Inanspruchnahme von Hilfe bestellt? Kann die Anonymität gewahrt werden?
Um hier ins Tageszentrum des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Schaan zu kommen, müssen die Betroffenen oft schon sozusagen über die Schwelle getragen werden. Das hängt nicht unbedingt damit zusammen, dass hier Leute sein könnten, die man kennt. Der Hauptaspekt ist, wieder in Sozialkontakt zu treten, was gerade für Menschen, die sich isoliert haben, nicht einfach bzw. eine Herausforderung ist. Heutzutage ist man nicht mehr gezwungen, unter die Leute zu gehen, kann sich alles liefern lassen, muss nicht einmal mehr telefonieren, schreibt stattdessen Whats-app-Nachrichten. Wir bieten zum Wiedereinstieg ins gesellschaftliche Leben einen geschützten Rahmen, der vermittelt: «Ja, ich kann hierherkommen. Hier sind Menschen, denen es gleich geht wie mir.» 

Im Mai letzten Jahres konnte in Triesen das Eugen-Rosmarie-Haus für Kinder und Jugendliche eröffnet werden. Wie ist der Betrieb angelaufen?
Sehr gut, das Haus ist voll. Dort wird unter einem Dach alles angeboten, was es in der Grundversorgung braucht: Sozialpädagogischer Dienst, Wohngruppe, Eltern-Kind-Betreuung, sozialpädagogische Familienbegleitung, begleitetes Besuchsrecht, Jugendcoaching, Taggesstrukturen. Wichtig ist, dass die Menschen bzw. Familien sich Ziele setzen können und wir sie dabei unterstützen im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe, damit sie später ihr Leben wieder mit Selbstvertrauen gestalten können. 

Für Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt steht die vereinsinterne Stabsstelle JIL – Job Integration in Liechtenstein – zur Verfügung. Wie rege wird das Angebot genutzt?
Das Projekt, das vom ganzen Verein, aber auch von Privatpersonen und Firmen beansprucht werden kann, ist schon recht etabliert und wird sehr gut genutzt. Wo die herkömmlichen Methoden der Arbeitsvermittlung nicht genügen, steigt JIL ein – vom Berufsorientierungsjahr über die Lehrstellen- bzw. Arbeitssuche bis zur Erhaltung oder Wiedererlangung des Arbeitsplatzes. Zentral ist die Begleitung vor Ort. Finanziert ist es zur Hauptsache über Spendengelder, ein Teil basiert auf einer Leistungsvereinbarung mit dem Amt für Soziale Dienste. 

Welche Veranstaltungen bietet der VBW für die Öffentlichkeit?
Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des VBW und gleichzeitig im Rahmen der 300-Jahr-Feier Liechtensteins haben im vergangenen Jahr alle VBW-Dienstleistungsstellen diverse Veranstaltungen initiiert. Im November, beim Event vom Liechtenstein-Institut, das die Geschichte der Psychiatrie aufgerollt hat, war der VBW ebenfalls beteiligt. Dort hat auch eine Betroffene gesprochen. Viermal im Jahr finden auch sogenannte «Rundflüge» statt. Hier können sich Interessierte anmelden, um alle Bereiche des VBW begleitet anzuschauen und kennenzulernen. Hinzu kommen Radioauftritte und Zeitungsartikel. Der wichtigste Teil der Öffentlichkeitsarbeit und gleichzeitig die beste Werbung für den VBW ist jedoch, was die Mitarbeitenden in ihrem Umfeld machen, welches Bild sie nach aussen tragen.  Wenn ein Klient am Ende auch in der Öffentlichkeit sagt «Es ging mir nicht gut, ich habe mir Hilfe geholt, jetzt geht es mir besser», dann ist ein grosses Ziel erreicht. 
 
Der VBW beschäftigt rund 60 Mitarbeitende und betreut über 500 Personen. Wie finanziert sich der Verein? Gibt es Sponsoren?
Der Verein ist seit jeher auf Spenden angewiesen. Allein mit den Mitteln der öffentlichen Hand und den Krankenkassenbeiträgen wäre es nicht möglich, die breite Palette an Dienstleistungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen aufrechtzuerhalten. Stiftungen, Firmen und Privatpersonen unterstützen grosszügig unsere Arbeit.  

Welches sind Ihre Wünsche hinsichtlich des VBW für 2020?
Für den VBW wünsche ich mir weiterhin einen Vorstand mit Durch-
haltevermögen, eine Geschäftsführung mit viel Mut und motivierte Mitarbeiter, die sich in den Dienst der Menschen stellen, die ihnen anvertraut sind. Zudem eine gute Finanzierung der neuen Projekte – den Ausbau der Tagesstruktur in den pädagogischen Diensten, die Renovierung in den therapeutischen Diensten und die Erweiterung unserer Räumlichkeiten für das Kontaktcafé und der Gruppenangebote. (ge)

01. Feb 2020 / 21:07
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