• Linus Schädler besuchte die Kindertagesstätte in Peru persönlich. (Bild: pd)

"Die Frauen machen den Knochenjob mit viel Herz"

Ein junger Verein unterstützt eine Kindertagesstätte in Peru. Dabei setzen die Mitgleider auf eigenen Arbeitseinsatz.

Im Sommer 2016 haben sich sieben junge Männer dazu entschieden, ein Hilfsprojekt für eine Kindertagesstätte in Peru auf die Beine zu stellen. Weshalb liegt euch diese Kindertagesstätte am Herzen?
Linus Schädler, Präsident Los Solidarios de Liechtenstein:  Unser Freund Benjamin Dürr war für den Liechtensteinischen Entwicklungsdienst (LED) bei dieser Kindertagesstätte in der südperuanischen Region Arequipa im Einsatz. Nachdem das LED-Projekt beendet wurde, blieb Benjamin mit der zuständigen Direktorin in Kontakt. Die staatliche Hilfe für das NGO-Projekt wurde allerdings immer weniger, auch die Spenden gingen zurück und die Anzahl der betreuten Kinder musste reduziert werden. Schliesslich stand das Projekt kurz vor dem Aus. Daraufhin kontaktierte Benjamin Bekannte, von denen er wusste, dass sie eine gewisse Affinität zu Lateinamerika haben. Mit ihrer Hilfe wollte er einen Antrag an den LED stellen, um das Projekt wieder auf den Weg zu bringen.

Woher kommt denn eure Affinität zu Lateinamerika?
Das ist sehr unterschiedlich. Der eine bereiste die südamerikanischen Länder, der andere interessiert sich für die Sprache oder es besteht ein allgemeines Interesse für die Geschichte und Kultur von Lateinamerika. Bei mir hat es mit dem Erlernen der Sprache angefangen und seit ich ein Buch über die lateinamerikanische Geschichte gelesen habe, 
verfolge ich das Zeitgeschehen weiterhin über südamerikanische Zeitungen und Dokumentationen. 

Als Lateinamerika-Interessierte war für euch schnell klar, dass es nicht nur bei einem Antrag an den LED bleiben soll.
Genau. Wir wollten das Projekt selbst in die Hand nehmen und gründeten den Verein Los Solidarios de Liechtenstein. Unsere Idee war, die notwendigen Gelder für die Kindertagesstätte auch mit Eigeneinsatz aufzutreiben. Beispielsweise durch einen Alpwerktag.

Genau das zeichnet euren Verein aus. Ihr sammelt in erster Linie nicht Spenden, sondern ihr sucht Mitglieder für den Verein. Wird das Projekt hauptsächlich durch die Mitgliederbeiträge finanziert?
Unsere Idee war von Beginn an, dass wir die Finanzierung selbst tragen können und genug Geld erwirtschaften, um Spesen und weitere Ausgaben decken zu können. So können alle Spenden zu 100 Prozent in die Kindertagesstätte fliessen. Wir sammeln also schon Spenden, wollen aber auch selbst aktiv sein. 

Die Spenden sollen also zu 100 Prozent in die Kindertagesstätte fliessen. Erzähl mehr von dem
Projekt ...

Das Projekt besteht aus drei Teilprojekten. Das eine ist die Kindertagesstätte für Kinder zwischen drei und fünf Jahren. Sie erfahren eine spielerische und kindgerechte Tagesbetreuung. Auch ein Mittagessen ist inbegriffen. Dann gibt es die Nachmittagsbetreuung für bereits schulpflichtige Kinder mit Nachhilfe-
unterricht und Prüfungsvorbereitungen, denn in Peru gehen die Kinder nur vormittags zur Schule. Auch medizinische Untersuchungen sind Teil des Projekts, da bei Kindern in Peru durch mangelnde Ernährung und Eisenmangel vermehrt Hirnschäden festgestellt werden. Risikofälle sind in der Kindertagesstätte registriert. Bei diesen Kindern wird besonders auf die Ernährung geachtet. Das dritte Teilprojekt behandelt das Thema häusliche Gewalt. Prävention und Rechtsbeistand, der alleinerziehende Müttern unterstützt, sind Inhalt des Teilprojekts. Denn Peru gehört, auch im lateinamerikanischen Vergleich, zu den Ländern mit vergleichsweise sehr hohen Raten hinsichtlich Gewalt gegen Frauen und Kinder. 

Was bedeutet eure Hilfe für die Menschen in der Region von Arequipa?
Wenn ein Kind ganztägig betreut wird, dann ist es nicht auf der Strasse. Viele Eltern sind gezwungen, den ganzen Tag schwere Feld- oder Putzarbeit zu verrichten, um über die Runden zu kommen, und haben keine Zeit für ihre Kinder. Die Kinderbetreuung bringt viele Vorteile mit sich und stellt auch eine wirtschaftliche Entlastung dar.

Können die Eltern das Angebot kostenlos nutzen?
So gut wie. Es wird ein symbolischer Betrag erhoben – mit Betonung auf symbolisch. Es kostet im Durchschnitt etwa 40 Sol pro Monat. Im Vergleich: Ein McDonald’s-Menü kostet in Peru 40 Sol. In extremen Fällen wird die Gebühr reduziert oder ganz darauf verzichtet 

Ihr habt die Kindertagesstätte auch schon vor Ort besucht. Was hat besonderen Eindruck hinterlassen?
Der enorme Arbeitseinsatz, welchen die angestellten Frauen dort bringen. Sie machen ihre Arbeit von Herzen, auch wenn die Löhne tiefer sind als der staatliche Minimallohn. Es ist ein Knochenjob – das zeigen auch ihre abgearbeiteten Gesichter, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Einige der armen Kinder zeigen Anzeichen von Hyperaktivität oder Verhaltensauffälligkeiten. Der Grund dafür ist, dass deren Eltern, bedingt durch ihre wirtschaftliche Not und ihre schwierige soziale und strukturelle Situation, nicht die Zeit und Energie haben, ihren Kindern die notwenige fürsorgliche Obhut und Zuwendung zu geben, die Kinder brauchen. Die Geduld und Aufopferungsbereitschaft, welche den Betreuerinnen abverlangt wird, ist riesig. Bei unserem Besuch durften wir die Betreuerinnen ganztägig begleiten. Die Frauen starten morgens um 6 Uhr mit den Vorbereitungen, anschliessend betreut jede rund 30 Kinder, die nicht einfach im Umgang sind. Für mich war es nur schon eine Herausforderung, fünf Kinder auf einmal auf die Toilette zu begleiten. Ein weiteres Erlebnis, das mir geblieben ist: Die Armut der Familien, die wir besuchten. Ich habe schon andere Armenviertel gesehen, aber die sind mit den peruanischen Verhältnissen nicht vergleichbar. Das ist wirklich extrem. 

Solche Erfahrungen zeigen auch auf, dass sich die Arbeit für das Projekt lohnt. Seit eurer Gründung ist der Verein stetig gewachsen. Wie viele Mitglieder seid ihr mittlerweile?
Wir sind 40 aktive und passive Mitglieder. Der aktive Kern besteht aus rund 20 Mitgliedern, die auch Arbeitseinsätze leisten.

40 Mitglieder – eine stattliche Zahl. Seid ihr über das grosse Interesse überrascht?
Auch wenn wir viele Mitglieder angeworben haben, sind wir über das Interesse überrascht. Überzeugungsarbeit mussten wir keine leisten und viele bringen auch gute Ideen mit. Schön wäre es, wenn wir Mitglieder aus allen Liechtensteiner Gemeinden hätten. Gerade das Unterland ist noch schlecht vertreten.

Wie sehen eure Zukunftspläne aus? Sind noch weitere Projekte angedacht?
Wir verfolgen seit einiger Zeit das Ziel, ein physisches Projekt umzusetzen – sprich, etwas selbst zu erschaffen. Beispielsweise eine eigene Schule oder einen Brunnen zu bauen. Aber auch mit der Kindertagesstätte und dem Verein selbst geht uns die Arbeit nicht aus. Neben dem Berufsleben ist das bereits eine Herausforderung.

Was ist euer Erfolg und wo seht ihr noch Verbesserungspotenzial?
Wir konnten innerhalb kurzer Zeit grosse finanzielle Hilfe leisten und Daueraufträge für die Betreuung der Kinder über mehrere Jahre in Auftrag geben. Dadurch konnten auch mehr Kinder aufgenommen und neue Betreuerinnen eingestellt werden. Es ist schon ein grosser Erfolg, wenn dank uns zusätzlich 15 Kinder von der Strasse geholt werden konnten. Aber wir haben auch noch Verbesserungspotenzial. Zu Beginn war es etwas chaotisch und der Verein war zu wenig organisiert. Da arbeiten wir momentan dran. Auch eine neue Webseite ist geplant. 

Die Vorstandsmitglieder sind alle unter 30 Jahre alt. Dass junge Menschen so ein grosses Projekt betreuen, ist eher aussergewöhnlich. Oder ist dies ein Trugschluss?
Es ist schon so, dass viele humanitäre Vereine in Liechtenstein eher von der älteren Generation geleitet werden. Ich denke schon, dass wir in diesem Bereich eher ein junger Verein sind. Speziell ist auch, dass die meisten von uns nicht Akademiker sind. Viele haben sich beispielsweise Spanisch selbst beigebracht, anstatt es am Gymnasium oder an der Universität zu lernen.

Wie reagieren die Menschen in Liechtenstein auf euren Einsatz?
Durchwegs positiv und sie zeigen sich sehr interessiert am Projekt und unserem Verein. Ausserdem sind die Liechtensteiner beim Spenden sehr grosszügig. 

Um das Geld für die Kindertagesstätte aufzustocken, seid ihr jeweils mit einem Stand am Staatsfeiertag vertreten. Nächsten Sonntag organisiert ihr das erste Mal eine eigene Veranstaltung namens «Dia de los Muertos-Party», zu Deutsch: Tag der Toten. Weshalb dieses Motto?
Wir wollten ein Motto, das an Südamerika erinnert. Nach altmexikanischem Glauben kommen am Tag der Toten die Verstorbenen zu Besuch auf die Erde. Der Tag wird nicht trauernd begangen, sondern es wird das Wiedersehen mit den Verstorbenen gefeiert. 

Traditionell wir für dieses Fest das Gesicht als Totenkopf geschminkt. Ist dies bei euch auch erwünscht?
Wir würden uns freuen, wenn sich die Besucher nach dem Motto eine sogenannte Catrina schminken würden. Aber es ist kein Muss. Wir selbst werden alle Catrina-geschminkt  und mottogetreu gekleidet sein.

Was erwartet die Besucher sonst noch?
Wir haben eine Latin Band organisiert, die für Unterhaltung sorgt. Der Dorfsaal Triesenberg wird entsprechen dekoriert sein und es werden, neben den gängigen auch typisch südamerikanische Getränke serviert. (manu)

28. Okt 2018 / 00:00
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