• Klaus Tschütscher, Ruggell
    Klaus Tschütscher erzählt im Interview über seine Nepalreise und die dortigen Projekte von Unicef.  (Tatjana Schnalzger)

«Das, was wir haben, ist nicht selbstverständlich»

Klaus Tschütscher begab sich auf eine einwöchige Nepalreise und besuchte dort die Projekte von Unicef, die mit Spendengelder finanziert werden.

Herr Tschütscher, die Unicef Schweiz und Liechtenstein ist das einzige Komitee der Organisation, das zwei Länder umfasst.
Klaus Tschütscher, Vizepräsident Unicef Schweiz und Liechtenstein: Ja, das wurde vor etwas mehr als einem Jahr Tatsache. Das Komitee für Unicef Schweiz wurde im Jahre 1959 gegründet. Zum 60. Geburtstag sind wir nun ein gemeinsames Komitee, zuvor war Liechtenstein ein Teil des Wahlkreises Ostschweiz. Übrigens erhielt die Gemeinde Ruggell an dem Tag, als die Delegiertenversammlung ihre Zustimmung über den Zusammenschluss der beiden Länder in ein Komitee gab, die Auszeichnung als «Kinderfreundliche Gemeinde». Liechtenstein stellt drei von aktuell 30 Delegierten. Laut den Statuten hat Liechtenstein das Recht, den Vizepräsidenten zu stellen. Da ich bereits seit vier Jahren Delegierter bin, wurde ich für das Amt angefragt. 

Wie sind Sie zu Ihrem Mandat gekommen?
Nach dem Ausscheiden aus der Regierung 2013 habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie es beruflich weitergeht. Jedenfalls war für mich von Anfang an klar, mich auch ehrenamtlich zu engagieren. Als die Anfrage von Unicef eintraf, musste ich nicht lange überlegen und sagte gerne und spontan zu. 

Fliessen nun mehr Spendengelder aus Liechtenstein an die Unicef?
Dies ist eine langfristige Entwicklung, die wir mit Bedacht angehen. Erst geht es um die Vernetzung und darum, Liechtenstein ein eigenes Unicef-Gesicht zu geben. 

Sie waren neulich eine Woche in Nepal und besuchten dort Projekte von Unicef.
Die Nepalreise war sehr eindrücklich. Ich kehrte sehr geerdet wieder zurück. Unicef ist seit mehr als fünf Jahrzehnten in Nepal präsent. Die Landschaft ist wunderschön, das Land jedoch in Bezug auf die Bevölkerung sehr widersprüchlich. Einerseits gibt es wahnsinnig reiche Leute und eine im Kleinen florierende Wirtschaft. Andererseits leben viele Menschen in grosser Armut und unter uns kaum vorstellbaren Bedingungen. In dem Land nimmt die Schweiz eine grosse Bedeutung ein. 

Inwiefern?
Wegen der diplomatischen Arbeit und den dort vertretenen Unternehmen sowie in der Entwicklungshilfe. Beispielsweise sind viele Brücken, die Täler verbinden und die Wege massiv verkürzen, von Schweizer Firmen hergestellt worden. Auch während der Rebellenkriege nahm die Schweiz eine vermittelnde Rolle ein. Nepal war lange eine Monarchie und ist nun eine parlamentarische Republik mit einer Staatspräsidentin. Es gibt ein verfassungsrechtliches Geschlechterquoten-System: Wenn beispielsweise der Bürgermeister ein Mann ist, muss sein Stellvertreter eine Frau sein und umgekehrt. 

Wer organisierte die Reise?
Das lokale Country Office von Unicef Nepal. Wir kamen in der Hauptstadt Kathmandu an und reisten mit einem Inlandflug weiter nach Surkhet. Das Terminal am Flughafen war eine kleine Baracke, die Koffer nahmen wir im Freien entgegen. Danach ging es in Geländewagen mit lokalen Reiseführern der Unicef weiter. Für die Strecke von 100 Kilometern bis zu unserem nächsten Ziel brauchten wir etwa acht Stunden. Das war wirklich ein Abenteuer durch kleine Flüsse, Furten und schmale Grate mit steilen Abhängen an der Seite. 

Wo führte die Reise hin?
In das entlegene Bergdorf Kalikot, dort besuchten wir eine Schule, die mit Geldern von Unicef Schweiz und Liechtenstein unterstützt wird. Die Hauptthemen sind Ernährung und Hygiene wie auch Ausbildung. Beeindruckt haben uns vor allem die hochmotivierten Lehrkräfte.

Was hatten Sie für Unterkünfte?
Wir schliefen in einer Pension auf Matten und hausten ähnlich wie die Einheimischen. Auch die lokale Küche mundete uns sehr. Weiter fiel uns auf, dass die jungen Leute viel Sport treiben. Fussball ist sehr populär. Die Damen tragen farbige Kleider und achten auf ihr Äusseres – die Männer eher weniger.

Welche Einrichtungen haben Sie noch besucht?
In Surkhet besuchten wir das Spital. Für uns sind die dortigen hygienischen Umstände kaum vorstellbar. In den Sälen befinden sich dutzende von Patienten. Auch waren wir in der Geburtenstation, die wir unterstützen. Im Ambulanzwagen befindet sich nur eine Liege und gleich daneben das Reserverad. Vieles muss sich dort noch einspielen, denn erst seit Kurzem organisieren sich die Provinzen selbst. Zuvor war in Nepal alles zentralistisch geregelt. Unter ihre Ver­antwortung fällt nun auch die Gesundheit. Ein neues Spital wurde gebaut, doch stellten sie zu wenige Ärzte ein. Es fehlt noch an den föderalen Feinheiten. Wir besuchten einen alten Teil des Spitals und unterhielten uns mit einem leitenden Direktor. Wir wollten von ihm wissen, wie es sei, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Er meinte nur, dass sie bereits erhebliche Fortschritte gemacht hätten, da es vor fünf Jahren noch ganz anders ausgesehen habe.

Wie ging es weiter?
Danach fuhren wir nach Nepalgunj an die indische Grenze. Dort unterstützen wir Projekte zur Bekämpfung von Kinderarbeit. Beispielsweise schmuggelte ein Mädchen in der Nacht jeweils Ware von Indien über die offene Grenze nach Nepal in den kleinen Laden ihrer alleinstehenden Mutter. So hatten sie stets Waren für den Verkauf. Unicef sorgte mit seinem Programm für eine Grundausstattung des Ladens und das Kind kann nun die Schule besuchen, anstatt nachts zum Familieneinkommen beitragen zu müssen. Die Eltern sind generell wahnsinnig stolz, wenn es gelingt, ihre Kinder aus dem Elend rauszuholen. 

Brauchen die Menschen also vor allem Geld?
Sie brauchen vor allem auch Fachwissen. Darum möchten sie, dass Fachkräfte kommen. Wir haben uns an jedem Ort auch darüber unterhalten. Das Land weist keine besonderen Bodenschätze auf, darum ist es auf Bildung und Infrastruktur angewiesen. Die Entwicklungen sind enorm rasant und das Spannungsverhältnis zwischen arm und reich ist riesig. Zudem gibt es über 100 Ethnien und 90 verschiedene Sprachen und Dialekte. In der Hauptstadt aber hat man das Gefühl, in einer beliebigen Stadt der Welt zu sein. 

Wie stand es um die Sicherheit während der Reise?
Wir waren mit Unicef-Fahrzeugen unterwegs. Vor 15 Jahren zu Rebellenzeiten war es noch gefährlich, aber heute kaum mehr. Passieren kann immer etwas. Die Kosten für die Reise nach Nepal haben wir selbst übernommen. Persönlich war diese sehr lohnenswert. Es führt wieder ins Bewusstsein, dass das, was wir zu Hause haben, nicht selbstverständlich ist und wir haben noch lange nicht das Schlimmste auf der Welt gesehen. 

Die Hauptthemen in Nepal sind demnach Bildung, Gesundheit und Kinderarbeit. 
Bezüglich Bildung und Gesundheit hat Nepal in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte gemacht. In Sachen Kinderarbeit ist jedes einzelne Schicksal ein Erfolg, wenn es gelingt, diese aus der Armut zu holen. Deshalb ist bei der modernen Sklaverei anzusetzen, etwa wenn Kinder als Kindermädchen in einen Haushalt geschickt werden. Und auch bei der Infrastruktur gibt es Spannungsfelder: Fast überall ist ein 3G-Netzempfang für Mobiltelefone vorhanden, während sich die Strassen in einem katastrophalen Zustand befinden. 

Was hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?
An jedem Ort und in jedem Programm haben wir wahnsinnig motivierte und zufriedene Menschen angetroffen, die zur Verbesserung der Situation im eigenen Land etwas beitragen wollen. Sie bleiben in der Peripherie und fern des Wohlstandes, obwohl sie in der Stadt grössere Chancen auf eine Karriere hätten. Dennoch spürt man den Sog der reichen Städte und die Entvölkerung der armen Regionen.

Wie bereiteten Sie sich auf Ihre Reise vor?
Wir wurden von unserem Büro in Zürich gut vorbereitet. Ich selbst sammelte Informationen aus dem Internet und las mich ein wenig ein. Trotzdem habe ich nicht mit diesen riesigen Gegensätzen gerechnet. 

Was bleibt Ihnen von der Reise?
Sie p viele bleibende Eindrücke und war eine persönliche Bereicherung, weil ich viele Dinge mit anderen Augen sehen durfte. Ich kann jedem nur empfehlen, selbst einmal in ein Land wie Nepal einzutauchen. 

Was haben Sie persönlich mitgenommen?
Total gut hat mir getan, dass ich aus dem Trott der Selbstverständlichkeit gekommen bin. Bei uns haben die Kinder Zugang zu Bildung und Ernährung. Gerade als Familienvater ist es mir wichtig, die gewonnen Eindrücke an meine Kinder weiterzugeben. (ms)

22. Dez 2019 / 00:00
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