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Viel Wirbel um wenig Stoff

Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, als strenge Sittenregeln galten, war Nacktbaden im Mittelalter und bei den Römern normal.

Bereits die alten Griechen und Römer badeten ausgiebig. In Griechenland trug man dabei vermutlich Kleidung – in Rom dagegen nicht immer. Wandmosaike aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus zeigen, dass damals bereits ein Kleidungsstück getragen wurde, das später für einen Skandal sorgte und nur allmählich in Mode kam: der Bikini.

Im Mittelalter badete man ebenfalls nackt. Im 12. Jahrhundert entstanden die ersten öffentlichen Badestuben, die zunächst nur der Körperreinigung dienten, sich aber bald zu feucht-fröhlichen Vergnügungsstätten entwickelten, in denen man ass, trank und musizierte. Wenn nicht nackt gebadet wurde, verwendete man ein mit Schnüren befestigtes Tuch, das bei Mann und Frau nur das Nötigste bedeckte, schreibt das Bikini Art Museum in Bad Rappenau auf seiner Website. Dazumal dienten hölzerne Waschzuber als Gemeinschaftsbadewannen. In den Hinterhöfen der mittelalterlichen Städte befanden sich viele Badebütten, in denen man sich zu lustvollen Gemeinschaftsbädern traf. Während der Bader in öffentlichen Bädern angehalten war, für Zucht und Ordnung zu sorgen, planschten und amüsierten sich in den privaten Wannen Frauen und Männer gemeinsam. 

Der Kirche aber waren diese Orte der Unsittlichkeit ein Dorn im Auge. Folglich wurden die Badebereiche nach Geschlechtern aufgeteilt und Baderegeln erstellt. Doch bald sorgte etwas ganz anderes für einen abrupten Stop des Badekults. Krankheiten wie die Pest, Syphilis und Cholera verbreiteten sich und das Badewesen geriet in Verruf. Fast alle Badestuben wurden daraufhin geschlossen. 

England war Vorreiter
Im 18. Jahrhundert kam das Baden wieder auf und in England eröffneten die ersten Seebäder. Das Kuren an der See gewann an Popularität. Dabei nahm Englands Küste eine Vorreiterrolle ein. Doch für die Frauen war das Badevergnügen zu dieser Zeit nur unter erschwerten Bedingungen möglich: Sie trugen lange Flanell-Hemden (sie sogen sich rasch mit Wasser voll und wogen in diesem Zustand fünf Kilogramm mehr), in denen zusätzliche Gewichte eingenäht waren, damit der Stoff nicht an die Oberfläche stieg. Der Anstand sollte schliesslich gewahrt bleiben – nicht dass noch aus Versehen ein Blick auf die Knöchel der Frau freigegeben wird, wenn diese aus dem Wasser ragen. Um diskret ins Wasser zu gelangen, zogen sich die Frauen in einer Badekarre, die ins Wasser gezogen wurde, um und stiegen ins Wasser. Männer dagegen durften nackt baden. Jedoch war man darauf bedacht, beim Baden die Geschlechter strikt zu trennen, um die Sittlichkeit zu wahren. Die damalige Bademode beschreiben Modeexperten folgendermassen: «Diese bestand zusätzlich aus Haube, Jut, langärmeliger Bluse, Korsett, einer über den Knöcheln geschürten Hose sowie aus Strümpfen und Schuhen.» Später wurden die Ärmel und Hosenbeine kürzer sowie die Trikots eng anliegender. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts durften auch die Frauen in der Öffentlichkeit baden. Doch noch immer mussten sie mehrteilige Kostüme aus Wolle, Leinen oder Seide wegen der Sittlichkeit tragen. Trotzdem war es eine grosse Verbesserung im Gegensatz zum vorherigen Jahrhundert. Die Badekleidung mit gummiartigem Taft und Seidenapplikationen war um einiges bequemer im Wasser und angenehmer beim Sport. Zunächst lebte nur die vornehme Gesellschaft das Strand-leben, bevor auch die Massen das Baden im Meer für sich entdeckten.

Badeanzüge in Unisex
In den «Wilden Zwanzigern» überwog das Vergnügen und vereinzelt durften Männer und Frauen nun gemeinsam baden. Die Badeanzüge waren beinahe unisex (leichter Baumwolljersey, Hosenbeine wurden kürzer und der Rock verschwand), die Frauen trugen im Wasser zusätzlich Badehauben. Damen wie Herren badeten im frühen 20. Jahrhundert im Anzug. Der Stoff der Kleidung war im nassen Zustand so schwer, dass er nach unten sackte. Eine einfache Hose hätte man schnell verloren.

Ein zusätzliches Stück Stoff
In den 1930er-Jahren trugen die Herren ganzteilige Badeanzüge mit kurzen Ärmeln und Hosenbeinen. Sehr angesagt war damals der Matrosen-Look. Damit weniger nackte Haut zu sehen war, verordneten deutsche Moralwächter den «Zwickelerlass». Die Badeanzüge von Männern und Frauen mussten in der Naht im Schritt durch ein zusätzliches, keilförmiges Stück Stoff (einem Zwickel) ergänzt werden. Die Damenanzüge mussten züchtig geschlossen sein.

Der kleinste Zweiteiler
Am 5. Juli 1946 passierte etwas, das die Badewelt revolutionierte. Der französische Bademodedesigner Louis Réard stellte den kleinsten Zweiteiler der Welt vor: den Bikini. Es war damals eine absolute Provokation der Gesellschaft. Da sich die Models weigerten, den Bikini öffentlich zu präsentieren, wurde das Stück Stoff von der Nackttänzerin Micheline Bernardini vorgeführt. Das Bild ging um die Welt. Schliesslich war es dazumal absolut sittenlos, den Bauchnabel zu entblössen. Es dauerte danach noch fast 16 Jahre, bis der Bikini in der breiten Bevölkerung populär wurde. Er war später ein Zeichen für die Emanzipation und sexuelle Befreiung der Frau.

Badehosen wurden enger
Auch die Herren zeigten sich in den 40er-Jahren immer freizügiger. Die Badehosen wurden enger und kürzer. Ein Jahrzehnt später hatte sich die Badehose zwar etabliert, wurde aber wieder länger. Die Mädchen trugen in den 50er-Jahren einen Badeanzug – ähnlich wie heute – und Männer trugen sehr kurze und eng anliegende Badehosen.

Zeit der Emanzipation
Ab der Nachkriegszeit gab es für den bereits in den 1940er-Jahren vorgestellten Bikini kein Halten mehr. Der Zweiteiler wurde weltweit als Symbol der Emanzipation gefeiert. Die Bademode zeigte sich in knalligen Farben. Mit dem Monokini im Jahr 1964 sorgte der Modedesigner Rudi Gernreich für Wirbel. Die kurze und knappe Hose reichte bis unter die Rippen. Zwei Träger kreuzten sich vor der Brust, wodurch die Brüste zunächst unbedeckt waren – zu dieser Zeit ziemlich skandalös. Zudem waren schrille Prints angesagt. Models und Prominente wie Bond-Girl Ursula Andress und Marilyn Monroe brachten den Bikini mit ihren Auftritten wieder in alle Munde.

Aufreizende Bademode
Psychedelische Muster waren besonders charakteristisch für die 70er-Jahre. Die Bademode wurde kreativ – und die Stoffe nochmals knapper. Die aufreizende Bademode aus Rio de Janeiro verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die ganze Welt. In der Erfindung des Tangas kam die sexuelle Revolution zu ihrem Ausdruck. Dabei wird das hintere Teil des Unterteils nur durch eine Schnur ersetzt und der Fio Dental war geboren. Er gilt als der Höhepunkt der Stoffverknappung in der Bademode – auch bei den Herren. Von beiden Geschlechtern wurde der Tanga spazieren getragen. Und auf die Brüste wurden Pasties geklebt, die gerade einmal die Brustwarzen abdeckten. Wahrscheinlich hat man es dazumal mit so viel Fleisch und Haut etwas übertrieben, denn danach erhielt die Bademode wieder etwas mehr Stoff und der Schlabberlook mit Neonfarben etablierte sich.

In den 1970er-Jahren kommt die Bademode der heutigen schon sehr nahe. Während Schnitte und Farben den Trends unterworfen sind, änderte sich am Material bis heute nicht mehr viel: Es hält die Form und trocknet gut.

Figurbetont und freizügig
In den 80er-Jahren waren in der Bademode die Beinausschnitte hüfthoch und athletisch geschnitten. Bikinis waren häufig als zweiteiliges Sportlertrikot getarnt. Die figurformenden Materialien wie Lycra und Elasthan vermittelten den Gesamteindruck von Langbeinigkeit. Immer öfter griff man zu Badeanzugmodellen mit Schösschen und Rüschen. In diesem Jahrzehnt kam auch das Oben-ohne-Baden in Mode und die Freikörperkultur etablierte sich. Zuvor war sie streng auf die Vereinsebene reglementiert.

Bei den Männern machte ein Ableger im Schlabberlook die Runde: Die Fussballerhose aus glänzendem Kunststoff, mit der so mancher mit dem Hintern voraus direkt ins Becken bombte, war total angesagt und jeder musste sie haben.

Ein Hoch auf die Kreativität
Während den 90er-Jahren zeigte sich die Bademode so innovativ wie noch nie. In allen erdenklichen Mustern und Farben wurden die Bikinis und Badeanzüge getragen. Kreative Zweiteiler mit Gras oder Kuchenformen trafen auf mit Diamanten und Gold besetzte Teile. Die Grenze zwischen Bade- und Alltagskleidung verschwand. Die Bikiniunterteile wurden wieder einmal so knapp wie nie: Der Venushügel wurde gerade so bedeckt und der Beinausschnitt reichte nicht selten bis zur Hüfte. Beinahe ästhetisch galt dazumal die legendäre alarmsignalrote Baywatch-Shorts von David Hasselhoff aus der Fernsehserie.

Verschiedene Kombinationen
Um die Jahrtausendwende stand der Bauch wieder im Mittelpunkt der Bademode. Verschiedene Ableger des Bikinis und Kombinationen von Bikini und Badeanzug entstanden. Quer- und Längsstreifen verbanden die Teile des Bikinis. Hinzu kamen  Trägerkreationen, die Hals und Hüfte strukturierten.

Vielfalt steht im Vordergrund
Heute spiegelt sich die kulturelle Vielfalt in der Bademode wider. Das zeigt sich auch im Burkini, der für gläubige muslimische Frauen erfunden wurde. Der Bikini steht in allen möglichen Schnitten, Formen und Designs im Rampenlicht. Der Fokus im 21. Jahrhundert liegt auf einer positiven Körperwahrnehmung und dem Loslösen von der Idee, dass nur Figurtypen, die dem Schönheitsideal entsprechen, als attraktiv gelten können.  (ms)

18. Jul 2020 / 20:28
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