• Dream of Tabby Cat: Being Tiger
    Den eigenen vermeintlichen Träumen nachjagen: schneller, weiter, höher, besser.  (iStock)

Streben nach Perfektion: Das tollere Ich

Besser, schöner, leistungsfähiger. Die Maxime, eine immer perfektere Version seiner selbst zu werden, wird zum Virus. Anstecken lassen sich Jugendliche wie Senioren. Selbstoptimierung boomt.

Was man nicht alles werden kann. Produktiver. Lebenslustiger. Man kann besser kommunizieren. Und entspannter, gesünder, fitter, low-carbiger. Eine noch perfektere Freundin, ein liebevollerer Vater. Marie Kondo Magic-Cleaning-Päpstin aus Japan –  sie zählt mit 2,4 Mio. Abonnenten auf Instagram zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt –, zeigt, wie richtiges Aufräumen das Leben verändert sprich glücklicher macht. All das ist im Prinzip gut. Man sollte also meinen, dass die Selbstverbesserungskultur sortierte, freundlichere, entspanntere Leute hervorbringt, die einem auf der Strasse, beim Einkaufen, beim Spazierengehen begegnen.

«Sei die beste Version deiner selbst.» Hört sich verlockend an. Sehr verlockend. Und durchaus erstrebenswert. Wer möchte nicht gesünder, bewusster und glücklicher sein? Und dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt (und wohl auch umgekehrt), wusste vor fast 2000 Jahren schon der römische Dichter Juvenal. Und wir zwischenzeitlich auch. Sich weiterzuentwickeln und nicht passiv durchs Leben schubsen zu lassen, macht Sinn, und Selbstdisziplin ist, in welchem Bereich auch immer, ohne Zweifel ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Das Maximum herausholen
Ob bei der Arbeit, in der Schule und Familie, in der Therapie oder beim Stylisten, in der Kneipe oder im Club, im Fitnessstudio oder im Doppelbett: In allen Sphären des Lebens setzt sich die Leistungssteigerung durch. Überall wird optimiert, verglichen und bewertet, um noch besser zu funktionieren, mit dem Ziel, aus seinem persönlichen Dasein das Maximum herauszuholen. Nicht nur die beste Version seiner selbst sein, sondern die immer perfektere, lautet die Maxime.

Die Gegenwart bietet tausend Möglichkeiten. Die Selbstvermessung und Selbstoptimierung hat mithilfe kleiner digitaler Helfer längst im Alltag Einzug gehalten: Programme auf dem Laptop, Apps auf dem Smartphone, die Kalorien oder Schritte zählen, Schlafphasen messen, Produktivität protokollieren, Tippfehler auswerten. Manch einer macht die Selbstdiagnose zum Hobby.

Die Idee ist nicht neu: Das Protokollieren der eigenen Gewohnheiten – wie zum Beispiel der wöchentlichen Ausgaben – wird schon seit Generationen praktiziert, Zeit- und Selbstmanagement-Skills gehören zu den Kernkompetenzen des vorbildlichen Arbeitnehmers. Neu ist aber die Fülle an technischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe personenbezogene Daten getrackt, aufgezeichnet, analysiert, ausgewertet werden. So wird die Selbstoptimierung unter Schlagwörtern wie «Quantified Self» oder «Self-Tracking» zum neuen Volkssport. Als Unterstützung gedacht, setzt dieser Trend gleichzeitig auch gehörig unter Druck.

Mittlerweile ist auch in jeder Buchhandlung dieser Tisch zu finden, überlaufend mit Büchern über Achtsamkeit und Minimalismus. Dazu gesellen sich Hunderte von Lifestyle-Magazinen. Das Heft «enkelgerecht leben» zum Beispiel hilft ratlosen Grosseltern, sich im Dschungel der Ansprüche zurechtzufinden. Da wird tüchtig Geschäft gemacht.

Digitale Gesundheitskontrolle
Planen, beobachten, überprüfen – das ist die Grundidee der meisten Programme zur Selbstmaximierung. Allein in den USA sind es mittlerweile 35 Millionen Menschen, die computergesteuert am eigenen Ich basteln. Die allermeisten davon männlich. Und auch die Firmen springen auf: Bereits 2013 hat die Berliner Sparkasse über 300 Mitarbeiter mit digitalen Schrittzählern ausgestattet. 10 000 Schritte am Tag sollen ihre «Fitness steigern und die Krankheitsquote senken». Die amerikanische Apothekenkette CVS verlangt von Mitarbeitern, die eine betriebliche Krankenversicherung abschliessen, deren Gewichtsdaten, Blutzuckerspiegel- und Körperfettwerte. Wer sich weigert, zahlt 50 Dollar mehr im Monat.

Vergleiche allerorten
In den bunten Welten von YouTube, Instagram, Facebook und Konsorten scheint alles wunderbar klar, übersichtlich und positiv. Du kannst, wenn du nur willst. Du musst nur den inneren Schweinehund besiegen, dann wird das schon. Dort protzen Bekannte mit Reisen oder absolvierten Marathonläufen um die Wette. Bei den Models in der Werbung kneift kein Hosenbund, 50 ist das neue 30, 60 das neue 40, die Senioren lächeln mit strahlend weissen Zähnen, fit und durchtrainiert, von Kreuzfahrtschiffen, Mountainbikes oder Liegestühlen – selbstredend in der Kleidergrösse aus Jugendjahren. Das kann übertriebene Erwartungen entstehen lassen, zu ungesunden Vergleichen und Neid verführen.

«Alle sind leistungsfähig, schön und jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen im Verhalten der Menschen», sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenheilkunde. «Ich würde nicht sagen, Lifestyle macht Erkrankungen. Aber Lifestyle bewirkt Verhaltensveränderungen und emotionale Veränderungen, die gegebenenfalls Risikofaktoren für eine Erkrankung werden können.» Bei Jugendlichen nehmen Befindlichkeitsstörungen zu, immer mehr junge Menschen mit Prüfungs- oder Partnerschaftsstress suchen Hilfe.

Ansprüche an sich selbst steigen
Hauth zählt weitere Phänomene auf, die für sie ins Bild passen: Eltern, die ihr zappliges Kind mit Tabletten optimal durch die Schulzeit bringen wollen. Menschen, die sich fragen, ob ihre Aufenthaltsdauer im Internet noch normal ist. Frauen, die nicht mehr nur Diäten ausprobieren, sondern sich dauerhaft mit ihrem Aussehen beschäftigen und sogenannte Köperbildstörungen entwickeln. Die Ansprüche an sich selbst steigen ins Unermessliche – und Ungesunde. Dem Druck der Selbstoptimierung setzen sich vor allem Menschen aus, denen es an Selbstwertgefühl mangelt, sagt Hauth. «Wenn ich dagegen genügend Selbstwertgefühl habe – was mit der eigenen Persönlichkeit, Vererbtem, aber auch Erfahrungen der ersten 15 bis 20 Lebensjahre zu tun hat –, dann ist das ein wesentlicher Resilienzfaktor.»

Der Insel-Check
Auch beim Thema Selbstoptimierung macht wohl, wie überall, die Dosis das Gift. Ein Zitat von Umberto Eco passt da ganz gut: «Moderat sein heisst, sich im Modus befinden, also in Grenzen und in einem Mass.» Und für alle, denen die Selbstoptimierungswelle über dem Kopf zusammenzuschlagen droht, hier noch eine kleine Entscheidungshilfe: Um zu erkennen, ob man etwas wirklich nur für sich tut, reicht es, eine Frage zu beantworten: Würde ich das alleine auf einer einsamen Insel auch machen? (ge)

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23. Feb 2019 / 22:53
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